Musical-Historie

Zwei Musicals schöpfen aus dem Oeuvre eines Pomp-Rockers

Für den Mitternachtsball im Schloss des Grafen Krolock fährt „Tanz der Vampire“ den ganz großen Kostüm- und Kulissenzauber auf. Die Bilder stammen von der Oberhausener Erstaufführung im November 2008.

Für den Mitternachtsball im Schloss des Grafen Krolock fährt „Tanz der Vampire“ den ganz großen Kostüm- und Kulissenzauber auf. Die Bilder stammen von der Oberhausener Erstaufführung im November 2008.

Foto: Gerd WALLHORN

Oberhausen.  Am 10. Oktober löst „Tanz der Vampire“ im Stage Metronom Theater „Bat out of Hell“ ab. Für beide Werke schuf Jim Steinman die Kompositionen.

Der Bösewicht mit dem freundlichen Namen Falco trägt zwar keine langen und scharf gefeilten Eckzähne – und kann umso befreiter mit opernhaften Rockarien wie „Paradise by the Dashboard Lights“ loslegen. Und doch hat jene Rolle, die Alex Melcher so hinreißend fies im noch bis zum 19. September laufenden Musical „Bat out of Hell“ verkörpert, ganz viel gemein mit dem unheimlichen Star der Nachfolge-Produktion im Stage Metronom Theater. Zur Feier seines 20-jährigen Bestehens hatte es verkündet, das Steinman-Musical um zwei unsterblich Liebende in der düsteren Zukunftsstadt Obsidian abzulösen – und zwar durch das 20 Jahre ältere Steinman-Musical „Tanz der Vampire“.

Pomp und Pathos und große Gesten

Als charmanter Finsterling mit seinem Bühnen-Charisma, das bis in die hinterste Reihe des 1800 Plätze bietenden Theaters in der Neuen Mitte strahlt, müsste der dandyhafte Falco hinter dem seine Fangzähne bleckenden Grafen Krolock aus dem Grusical von Roman Polanski eigentlich in keiner Weise zurückstehen. Zumal für beide Musicals die vollfetten Songs des inzwischen 70-jährigen New Yorkers Jim Steinman alles aufbieten, was eine laute Band plus Orchester und Mischpultzauber überhaupt aufbieten können: Pomp und Pathos und große Gesten – und eine gar nicht so kleine Prise Selbstironie, für alle, die genauer hinhören mögen.

Dennoch ist die zunächst für eine fünfmonatige Spielzeit angekündigte Wiederaufnahme von „Tanz der Vampire“, zu dessen Oberhausener Erstaufführung im November 2008sogar Regie-Grande Roman Polanski angereist war, kein nahtloser Anschluss. Die erst vor zwei Jahren im englischen Manchester uraufgeführte „Fledermaus aus der Hölle“ spielt zwar auch – sehr dezent – mit dem „Untoten“-Genre: Schließlich befördert eine Blutspende der Geliebten den jugendlichen Rebellen Strat aus der Unterwelt zurück ans Dämmerlicht von Obsidian. Doch zum Dauerbrenner scheint sich das mit mächtig Biker-PS protzende „Bat out of Hell“ doch nur in der englischsprachigen Welt zu entwickeln.

Im Mittelpunkt Bonnie Tylers Comeback-Hit

Die Wucht der Steinman-Songs ist eben doch nicht alles. „Bat out of Hell“ hat in seinem Repertoire sogar die berühmteren Titel aus dem gleichnamigen 1977er Album von Meat Loaf. Doch beim „Tanz der Vampire“, der auch als Geniestreich des sonst allzu routiniert dahintextenden Michael Kunze gefeiert wurde, ist das überkandidelte Oeuvre des manischen Komponisten einfach wirkungsvoller ins Musical-Genre mit seinen Konventionen eingepasst.

Musikalischer Mittelpunkt der schaurigen Farce um den noblen Vampir und seine tölpelhaften Jäger ist nämlich die übergroße Steinman-Ballade „Total Eclipse of the Heart“. Nein, kein Hit von Meat Loaf, sondern 1983 der strahlende Comeback-Song für Bonnie Tyler, von dem die 68-Jährige aus Wales bis heute zehrt. Daraus wurde der dem prunkvoll-gruftigen Bühnenbild perfekt entsprechende Titel „Totale Finsternis“. Das deutsche Musical-Publikum kürte ihn 2006 per Abstimmung zum „größten Musical-Hit aller Zeiten“. Chapeau.

Um diesen Über-Hit drapierte Michael Kunze als Könner in der nicht zu unterschätzenden Kunst der Mehrfach-Verwertung eine ganze Kette von Perlen aus dem Steinman’schen Oeuvre: So wurde „Objects in the Rear View Mirror“ (von Meat Loafs 1993er Comeback-Album „Back into Hell“) zu „Unstillbare Gier“. Sogar jahrzehntelang liegengebliebene Lieder für das Musical „Neverland“ (quasi die Ur-Version des aktuellen „Fledermaus“-Musicals) kamen für das vampiristische Vergnügen punktgenau zum Einsatz.

Eine fast vergessene Peinlichkeit von David Bowie

Selbst den Fans von „Lazarus“, dem Rock-Musical für allerhöchste Ansprüche mit den Songs von David Bowie, bietet Könner Kunze zwei Schmonzetten: Da ist zum einen der schicke Glamrock-Hit „Moonage Daydream“, verwandelt in die aparte Arie „Tot zu sein ist komisch“. Und von jenem „David Bowie“ genannten 1967er Debütalbum des damals 20-Jährigen, das der Star später am liebsten aus seiner künstlerischen Vita gestrichen hätte, stammt der Song „Little Bombardier“: Es lohnt sich hinzuhören, wie diese Verlegenheitsnummer unter den Kronleuchtern des Krolock’schen Ballsaales funkelt. Am 10. Oktober steigt im Metronom Theater die Premiere von „Tanz der Vampire“.

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