Prozess

Das Cannabis-Haus von Xanten-Birten

Xanten/Moers.   Ein Trio soll im großen Stil eine Indoor-Plantage betrieben haben. Die Polizei fand dabei fast 10 Kilogramm Marihuana.

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Was die Polizeibeamten da am 13. September vergangenen Jahres im ersten Stock des Bauernhauses in Birten zu Gesicht bekamen, verschlug ihnen im ersten Moment die Sprache. Und als sich auf Sensordruck plötzlich der Wandschrank zur Seite schob, dürften sie sich als Darsteller im neuesten Hollywood-Blockbuster gefühlt haben. Vor ihnen öffnete sich der Zugang zu einem Flur, von dem zwei langgezogene Räume abgehen. Auf der linken Seite die elektrischen Anlagen für die Bewässerung, im anderen Raum lange Pflanztische mit an Wäscheleinen befestigten Cannabis-Pflanzen. Eine ausziehbare Treppe führte in den Dachboden, wo die Belüftungsanlage untergebracht war. „Ich habe schon einige Cannabis-Plantagen dieser Art gesehen, aber noch nie eine so professionell ausgebaute“, gab die Polizeibeamtin in der Verhandlung zu.

Seit gestern müssen sich der 41-jährige Hans M. aus Moers, der 45-jährige Michael G. aus Rheinberg und der 42-jährige Frank S. aus Duisburg wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz vor der auswärtigen Strafkammer im Amtsgericht Moers verantworten. Sie sollen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, von September 2012 bis September 2017 in einem abseits gelegenen Haus an der Straße „Zur Maikamer“ in Birten eine Cannabis-Indoorplantage betrieben zu haben, darüber hinaus in weitere Geschäfte mit synthetischen Drogen eingebunden gewesen sein. Insgesamt soll es in besagtem Zeitraum 15 Ernten mit einem Ertrag von jeweils 14 Kilogramm Marihuana an insgesamt 560 Pflanzstellen gegeben haben. Bei der Durchsuchung hatten die Beamten 9,6 Kilogramm Marihuana, 1200 Ecstasy-Tabletten, 500 Gramm Amphetamine und 31 Gramm Kokain sichergestellt.

Aufgeflogen war das Cannabis-Haus nach anonymen Hinweisen. Danach observierte die Polizei das Haus mit Kameras an der Zufahrt, überprüfte die Kontobewegungen der Angeklagten und überflog das Gelände mit Hubschraubern, die Wärmebildkameras an Bord hatten.

In Handschellen ins Gericht

Die beiden Hauptangeklagten aus Moers und Rheinberg sitzen seit vergangenem Jahr in Untersuchungshaft, wurden gestern in Handschellen ins Gericht geführt. Der dritte Angeklagte beteiligte sich erst seit Herbst 2016 am Betrieb der Plantage.

Hans M. der als Bergmann, Lkw-Fahrer, Maler und Hausmeister arbeitete, hat das größte Strafenregister des Trios. Der Moerser saß wegen mehrfachen Diebstahls, Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzung bereits fünf Jahre in der JVA Geldern ein. Michael G., gelernter Dachdecker, hat lediglich eine Vorstrafe wegen Unfallflucht. Nachdem der Rheinberger seine Festanstellung bei einem hiesigen Dachdeckerbetrieb verloren hatte, versuchte er sich als Betreiber einer Discothek, mit der er sich aber nach der Pleite mit fast 100000 Euro hoch verschuldete. „Mir ist das Ganze über den Kopf gewachsen“, gab Michael G. zu. Der Rheinberger hatte das Haus in Birten angemietet.

Frank S. arbeitete nach seiner Lehre als Maurer im Holzbau, im Brandschutz, als Fliesenleger und Gelegenheitsjobber. Der Duisburger ist seit fünf Jahren arbeitslos, lebt von Hartz IV. Seine sechs Vorstrafen handelte sich Frank S. wegen Diebstahls, Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und Fahren ohne Führerscheins ein.

Sichtlich überrascht war der vorsitzende Richter Huismann vom Antrag der Verteidigung. Denn die erklärte, dass aufgrund der nachweislich hohen Nitrat-Belastung des Grundwassers „der Betrieb einer Cannabis-Plantage völlig ungeeignet ist“ und keinen Ernteertrag zur Folge hat. „Da gehen die Pflanzen eher ein.“ Eine zumindest „sehr kreative Idee“ – wie die Staatsanwaltschaft fand. „Allerdings auch eine Behauptung ins Blaue hinein. Denn man muss festhalten, dass eine Ernte von 9,6 Kilogramm gefunden wurde.“

Als Zeuge geladen war auch der Vermieter der Wohnung und Eigentümer des Grundstücks, der unweit des Hauses ein Pferdegestüt betreibt. Von seinem Wohnhaus führt eine Wasserleitung zu besagtem Gehöft. Einmal pro Jahr wird das Brunnenwasser kontrolliert. Und tatsächlich lägen die Nitratwerte im Grenzbereich, überschritten die Werte aber nie. Das Verhältnis zu Michael G. als Mieter sei immer „unproblematisch“ gewesen, von den Umbaumaßnahmen im Obergeschoss habe er gewusst – natürlich aber nicht, was da tatsächlich auf seinem Grund passierte. Als er davon erfuhr, habe er Michael G. sofort gekündigt.

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