Rheinberg.

Der Herr der Ringe

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Rheinberg. Morgens, sechs Uhr, in Norwegen. Über den Fjorden geht die Sonne auf. Viel regt sich zu dieser frühen Stunde noch nicht auf der MS Hamburg. Während die meisten Reisenden der Nordkapkreuzfahrt in ihren Kojen schlummern, ist einer allerdings schon auf den Beinen. Der Rheinberger Detlev Friedriszik marschiert mit zwei leuchtend grünen Plastik-Ringen in den Händen über das Schiff – auf dem Weg zu einer Dame, deren Rücken vom vielen Sitzen im Rollstuhl so steif ist. „Ich habe sie jeden Morgen mit den Ringen massiert, danach ging es ihr wieder deutlich besser“, sagt Detlev Friedriszik.

Ein tiefes Tal

Hunderte von Fotos hat der 57-Jährige auf der zwölftägigen Reise gemacht. Eine kleine Auswahl hat er für uns dabei, eingebettet in einen Reisebericht. Detlev Friedriszik blättert durch die Papiere. Er hat Mühe, die Seiten zu greifen, denn die Hände zittern. Ein deutliches Zeichen seiner Parkinson-Krankheit, die den Rheinberger IT-Fachmann vor sieben Jahren gezwungen hat, sein Leben anders zu leben. Das tiefe Tal, in das man nach einer solchen Diagnose rutscht, hat er längst hinter sich gelassen. Zitternde Finger hin oder her – Detlev Friedriszik greift wieder mit beiden Händen nach dem Leben. Und er bringt andere dazu, es genauso zu machen.

Unter dem Motto „Betroffene helfen Betroffenen. Lebensmut und Lebensfreude trotz unheilbarer Erkrankung“ organisiert der Rheinberger mit Unterstützung seiner Frau Kreuzfahrten für Parkinson-Erkrankte. Eine Idee, die er im vergangenen Jahr zum ersten Mal hatte. Dabei hat er sich zunächst von seinem eigenen, persönlichen Empfinden leiten lassen. „Ich habe festgestellt, dass es mir auf einem Schiff körperlich sehr viel besser geht.“ Eine Erfahrung, die er mit anderen teilen wollte.

Also schrieb er, der sich seit Jahren in der Moerser Parkinson Selbsthilfegruppe engagiert, die anderen Gruppen in der ganzen Bundesrepublik an. Und bot ihnen eine Reise zu besonders günstigen Konditionen an. Möglich ist das, weil seine Frau als gelernte Reisekauffrau über gute Kontakte verfügt. Weil Detlev Friedriszik ein geschickter Verhandlungsführer ist. Weil ein Moerser Reisebüro überzeugt von der Idee war. Und weil der Kapitän des Kreuzfahrtschiffes in der Familie selber einen Parkinson-Erkrankten hat. So kam es, dass am 6. August zehn Parkinson-Betroffene aus Rheinberg, Köln, Dortmund und Hamburg in das Land der Fjorde aufbrachen. „Du darfst dich nicht verstecken, sondern musst am aktiven Leben teilnehmen, und du bist und bleibst ein Bestandteil der Gesellschaft.“ Dieser Satz, hinter den Detlev Friedriszik gedanklich drei Ausrufezeichen macht, stand als Motto über der Reise. Und jetzt, nach der Rückkehr, können alle aus der Gruppe bestätigen, dass es funktioniert.

„Wir haben so viel Lob von den anderen Reisenden bekommen. Dafür, dass wir trotz unserer Krankheit so gut drauf sind.“ Und genau das konnte nur passieren, weil sich die zehn Reisenden eben nicht versteckt haben. Jeden Tag haben sie an Bord mit den Friedrisziks ein ganz besonderes Bewegungstraining gemacht. Detlev Friedriszik hat den anderen gezeigt, wie man mit „Smoveys“ trainiert. Jene grünen, mit schwingenden Kugeln gefüllten Schläuchen, die ihm den Spitznamen „Herr der Ringe“ beschert haben. Er selber ist überzeugt von den ungewöhnlichen Fitnessgeräten, die von einem Parkinson-Kranken entwickelt wurden.

Und dass ein Training damit nicht nur bei Parkinson gut tut, haben auch die anderen Schiffsreisenden erfahren. „Die wollten nachher auch alle mit den Ringen trainieren“, freut sich Friedriszik. „Sogar der Kapitän hat darum gebeten, dass wir mit den Gästen trainieren.“ Die schönste Bestätigung hat der Rheinberger übrigens am letzten Seetag erhalten. Detlev Friedriszik hielt auf dem Kreuzfahrtschiff seinen Filmvortrag „Diagnose Parkinson mit 50: Alles vorbei?“ Und obwohl die Sonne so verlockend schien, kamen 100 Passagiere, um ihm zuzuhören.

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