Kirche

„Ein Gefühl, das zum Handeln treibt“

Oliver Rothe (links) und Pater Grün.

Oliver Rothe (links) und Pater Grün.

Foto: Bistum

Xanten.   Pater Anselm Grün war zu Gast im Xantener Dom und sprach über Barmherzigkeit

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Als die letzten Takte der Orgel verklungen sind, herrscht gespannte Stille im Dom. Keiner ist nach dem Schlusssegen aufgestanden, selbst auf den zusätzlich zu den Kirchenbänken noch aufgestellten Stühlen bleiben die Gottesdienstbesucher sitzen. Dann kommt der Mann, auf den alle gespannt warten, aus der Sakristei und geht zum Altar: Pater Anselm Grün. Der aus vielen Talksendungen im Fernsehen bekannte Geistliche, Autor zahlreicher Bücher, war jetzt zu Gast in Xanten. In der Reihe „Sonntags-Worte“, in der monatlich prominente Redner zu Wort kommen, sprach er über den Begriff der Barmherzigkeit.

Sowohl in seiner Predigt, als auch im Vortrag nach dem Gottesdienst betrachtete er die Bedeutung des Wortes und verdeutlichte an vielen Beispiele, wie Barmherzigkeit im täglichen Leben aussehen kann. So zählt zu den „Sieben Werken der Barmherzigkeit“ etwa die Aufforderung, Nackte zu bekleiden. Das gehe, sagte Grün, einerseits ganz praktisch, indem man einem Menschen Kleidung spendet. Doch darüber hinaus bestehe noch eine weitere Art der Nacktheit: „Wir haben die Angewohnheit, andere bloßzustellen oder ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen“, sagte Grün. Wer sich für einen Fehler schäme und dann noch durch Worte weiter entblößt werde, auch der stehe wie nackt da. Das geschehe im kleinen Kreis, aber auch in der Öffentlichkeit, etwa bei einigen Prominenten: „Es ist wichtig, auch sie zu bedecken mit Barmherzigkeit“, forderte Grün auf.

Barmherzigkeit sei, betonte der Pater, nicht nur etwas Moralisches, sondern eine tiefe Erfahrung Gottes. „Die Barmherzigkeit ist nicht nur einfach ein Gefühl, sondern ein Gefühl, das zum Handeln treibt. Dieses Handeln ist ganz konkret.“ Doch zugleich warnte Grün: „Manchmal verwenden wir das Wort ,Barmherzigkeit‘ von oben herab, aber das ist ein Missverständnis. Wir sollen aufschauen zu dem, der bedürftig ist. Barmherzigkeit heißt, den Himmel im Anderen zu sehen.“ Grundlegend sei zudem, betonte er, dass jeder Mensch barmherzig zu sich selber sein müsse. „Viele Menschen fühlen sich wie verlorene Kinder. Sie haben Angst, den Erwartungen nicht zu genügen.“ Doch Gott umarme die Menschen wie der Vater seine verlorenen Söhne, damit auch die Menschen barmherzig sind. Barmherzig mit sich selbst umzugehen heiße, sich selber nicht zu bewerten – und auch andere Menschen nicht zu bewerten. Grün verwies auf das Jahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus ausgerufen hat und derzeit den Blick der Katholiken besonders auf die Sieben Werke der Barmherzigkeit lenken soll. Sie haben sich aus den Worten Jesu entwickelt, legte der Pater durch Texte aus den Evangelien dar, „die Kirche hat die Worte verstanden und in die Tat umgesetzt. Das hat die Welt menschlicher werden lassen.“

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