Gesundheit

Immer mit der Ruhe!

Horst Vöge, Vorsitzender des VdK Kreisverbandes Niederrhein. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool

Horst Vöge, Vorsitzender des VdK Kreisverbandes Niederrhein. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool

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Rheinberg/Kreis Wesel. . Die Zahl der psychischen Erkrankungen im Kreis hat zugenommen. Das merkt der VdK in seinen Beratungen.

Es sind Zahlen, die nachdenklich machen. 6620 Menschen mit einer geistig-seelischen Behinderung weist die Statistik im Jahr 2001 für den Kreis Wesel aus. Zehn Jahre später, zum Stichtag 31. Dezember 2011, waren es 8750 Betroffene. Tendenz steigend, sagen die Krankenkassen.

Wenn Arbeitnehmer ausfallen, ist die Ursache sehr oft eine psychische. Burnout, Depressionen und ähnliche Erkrankungen sind mittlerweile der vierthäufigste Grund, vom Arzt arbeitsunfähig geschrieben zu werden. Dass die Zahlen zunehmen, merkt auch der Sozialverband VdK in seinen Beratungsstunden. Carmen Friemond sprach mit dem Vorsitzenden des VdK Niederrhein, Horst Vöge.

Warum steigen die Zahlen bei den psychischen Erkrankungen?

Zum einen wird heute über psychische Erkrankungen freier geredet. Früher galt man als nicht zurechnungsfähig, heute gibt es eine größere Akzeptanz – sowohl im Freundeskreis als auch im Arbeitsleben und in der Gesellschaft. Man redet darüber, auch das Internet hat hier für mehr Offenheit gesorgt.

Aber das ist nicht der einzige Grund für die gestiegenen Zahlen?

Nein, natürlich nicht. Der Druck am Arbeitsplatz ist für jeden Einzelnen enorm gestiegen. Arbeitnehmern wird viel abverlangt, die neuen Medien, der Anspruch, jederzeit und überall erreichbar zu sein, tragen ebenfalls dazu bei. Außerdem werden die Menschen immer älter, vor dem Hintergrund des zunehmenden Facharbeitermangels, werden auch Arbeitnehmer länger im Beruf bleiben. Nur: Mit Mitte, Ende 50 ist es ganz normal, dass man auf Leistungsdruck ganz anders reagiert als ein deutlich jüngerer Berufsanfänger.

Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Ja, ein bisschen Licht. Ein Beispiel: Die IG Metall und die IGBCE machen den demografischen Wandel zum Thema in Manteltarifverträgen, sprich, die Bedürfnisse älterer Mitarbeiter im Betrieb werden berücksichtigt. Vor allem in größeren Betrieben gibt es auch immer mehr Betriebsvereinbarungen. Keine Arbeit zu Hause mehr, Pausen bei der Bildschirmarbeit, Gesprächsrunden für betroffene Arbeitnehmer. Das ist ein Anfang. Dahinter steht natürlich auch der Kostengedanke. Gute Leute möchte kein Arbeitnehmer verlieren – siehe Facharbeitermangel – und Krankheitstage sind teuer für den Unternehmer. Im vergangenen Jahr sind Arbeitnehmer bundesweit an 53,5 Millionen Arbeitstagen wegen psychischer Erkrankungen ausgefallen.

Sind psychische Erkrankungen auch ein Thema in den Beratungsstunden des VdK?

Ja, und zwar verstärkt. Das Schwerbehindertengesetz ist allerdings noch ausgerichtet auf starke körperliche Einschränkungen. Bei den psychischen Behinderungen ist das Erkennen und Beurteilen schwerer. Für die Diagnose und alles, was damit zusammenhängt, sind natürlich die Ärzte zuständig. Auch hier gibt es ein großes Problem: Im Kreis Wesel muss ich als Kassenpatient bis zu einem dreiviertel Jahr warten, bis ich einen Therapietermin bekomme. Es gibt zu wenig Therapeuten.

Welche Möglichkeiten gibt es, um gegenzusteuern und die Zahl der psychisch Erkrankten wieder zu senken?

Wir müssen Prozesse entschleunigen, lernen, dass nicht alles sofort und unmittelbar und komplett umgesetzt werden kann. Ich kann es nur noch einmal wiederholen: Durch Facharbeitermangel und demografischen Wandel ist jeder Arbeitgeber darauf angewiesen, Menschen länger als bislang zu beschäftigen. Dem muss er durch qualitative Veränderungen Rechnung tragen.

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