Handwerk

In Xanten hat man ein Herz für Holz

Schiffbaumeister Kees Sars (re.) und Leiterin Gabriele Schmidhuber mit dem Team im neuen Schiffsnachbau der „Quintus Tricensimanus“.

Schiffbaumeister Kees Sars (re.) und Leiterin Gabriele Schmidhuber mit dem Team im neuen Schiffsnachbau der „Quintus Tricensimanus“.

Foto: oo

Im Archäologischen Park in Xanten werden Menschen mit Behinderung im Schreinerhandwerk ausgebildet – so wie David Janßen und Stefan Achterberg.

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Xanten. Es reicht ein kleiner Anstoß, schon geht bei Stefan Achterberg das Herz auf. Dann redet der 21-Jährige in der nach Holz duftenden Tischlerwerkstatt des Archäologischen Parks (APX) über den Schiffsbau, zeigt der junge Mann aus Wachtendonk stolz seine Miniaturnachbildungen jener alten römischen Schiffe, die in den vergangenen Jahren im APX entstanden sind. Achterberg hat sie in Hunderten von Stunden im Maßstab 1:10 selbst gebaut – aus Eiche und Lärchenholz. Stefan Haupt nickt anerkennend: „Der Junge braucht keinen Plan, er hat ein fotografisches Gedächtnis und kann das handwerklich bis ins Kleinste umsetzen“, sagt der Schreinermeister und verweist auf die Rekonstruktion einer römischen Truhe, deren Rundumverzierung keine Maschine schaffen könnte. Stefan hat sie vorbildgetreu nachgeschnitzt.

Gleichwohl: Bisweilen muss Haupt seinen autistischen Schützling regelrecht in die Tagesaktualität zurückholen. Stefan Achterberg ist schließlich gemeinsam mit dem sechs Jahre älteren David Janßen aus Geldern Auszubildender in der Schreinerwerkstatt gleich neben der Schiffsbauhalle im APX. Ein bislang einzigartiges Projekt, das weit über Xanten hinaus Beachtung findet: Das Inklusionsamt des Landschaftsverband Rheinland (LVR) unterstützt es mit 100.000 Euro, wobei das Amt und das Kulturdezernat des LVR das Schiffsbauprojekt nutzen, um Menschen mit Behinderungen über Langzeitpraktika an die betriebliche Ausbildung heranzuführen. Mit der Garantie der Übernahme als Fachpraktiker für Holzverarbeitung, wenn sie ihre Ausbildung beenden, die wie die Praktika mit laufendem Publikumsverkehr einhergeht. Auch das ist einzigartig.

Die beiden Auszubildenden haben die Don-Bosco-Schule in Geldern besucht, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung, Janßen war zudem länger in der Werkstatt für Behinderte im Haus Freudenberg beschäftigt. 2014 beziehungsweise 2015 hat sie Schiffsbauer Kees Sars unter seine Fittiche genommen. Der Niederländer hatte schon im Nachbarland einen im Jahr 1628 vor Australien gesunkenen niederländischen Frachtensegler und einen römischen Frachtensegler aus dem dritten Jahrhundert nach Christus rekonstruiert – bereits damals mit Jugendlichen zusammen, die er auf den Arbeitsmarkt vorbereitete. APX-Direktor Martin Müller hatte den Unternehmer 2014 in die Römerstadt geholt. „Das passt“, sagt Sars, der nach vielmonatiger Beobachtung der Praktikanten Janßen und Achterberg die ungeheure Präzision und Fingerfertigkeit des einen und den Überblick des anderen lobt: „David bereitet Arbeitsplätze vor und bringt unaufgefordert auch notwendige Sachen mit, an die in diesem Moment noch niemand gedacht hat“, sagt der 57-Jährige. Und: „Beide sind absolute Teamplayer.“

Mit dieser Anerkennung im Rücken und der Aussicht auf eine Lehrstelle haben sie den Hauptschulabschluss nachgeholt und damit im Sommer 2017 ihre Theorie-reduzierte Ausbildung antreten können. „Mit einer normalen Prüfung nach drei Jahren wären sie mathematisch oder schriftlich überfordert“, erklärt Gabriele Schmidhuber. Die gebürtige Salzburgerin, die Klassische Archäologie und alte Geschichte studiert hat, leitet seit 2013 als Schiffsbau- und Integrationskoordinatorin das Projekt im Park. „Danach wollte ich nach jahrelangem Studium in Athen und Oxford endlich mal wieder raus aus den Bibliotheken“, begründet die 37-Jährige ihren Schritt an den Niederrhein. Hier leistet sie Pionierarbeit. Das erste Schiff, die Nehalennia, wurde noch in einem Zelt gebaut, dann wurde gegenüber der früheren APX-Verwaltung an der Trajanstraße eine dunkle Abstellhalle der Gärtner frei: „Das Entrümpeln hat Wochen gedauert“, erinnert sich Schmidthuber, die hier „Mutter für alles“ ist.

Inzwischen arbeiten Kees Sars und sein Team in der umgebauten Werfthalle am fünften Schiff der früheren römischen Rheinflotte, der Quintus Tricensimanus. Nebenan begrüßt Stefan Haupt seine Schützlinge dreimal in der Woche (an zwei Tagen geht es zur Berufsschule) um 7.45 Uhr zur Besprechung bei einer Tasse Kaffee. David Janßen darf sich danach mit Aufgaben beschäftigen, die sein Meister für ihn auf Karteikarten konzipiert hat. Wenn „Schreiner-Praxis“ gefragt ist, gibt es im Park den Spielplatz oder auch defekte Bänke. Die Azubis rekonstruieren Möbel, schnitzen wie die Römer Teller, Becher und Löffel.

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