Gedenkkultur

In Xanten Mit Kunst gegen das Vergessen arbeiten

Xanten - Stifstmuseum - Holocaust Stelen von Marienschülerinnen hier die Plastiken sind von erstaunlicher künstlerischer Perfektion 2. von links die Kunstlehrerin Eva Mesmann ganz links Elisabeth Maas und ganz rechts die Künstlerin Laula Plaßmann , sowie die Schülerinnen von links Annabell Smit, Hannah Herter, Anna Thevissen , Theresa Steglich, die alle als Führerinnen durch die Ausstellung führen werden.....

Xanten - Stifstmuseum - Holocaust Stelen von Marienschülerinnen hier die Plastiken sind von erstaunlicher künstlerischer Perfektion 2. von links die Kunstlehrerin Eva Mesmann ganz links Elisabeth Maas und ganz rechts die Künstlerin Laula Plaßmann , sowie die Schülerinnen von links Annabell Smit, Hannah Herter, Anna Thevissen , Theresa Steglich, die alle als Führerinnen durch die Ausstellung führen werden.....

Foto: Fischer, Armin (arfi) / Ja

Xanten.  Laula Plaßmann führt an Schulen Kunstprojekte zum Holocaust durch. Das sei wegen des zunehmenden Rassismus und Antisemitismus wichtiger denn je.

Laula Plaßmann wird am Samstag nicht zur Gedenkfeier der Pogromnacht kommen. „An diesem Datum verkrieche ich mich und versuche, nicht daran zu denken“, sagt sie. Statt einmal im Jahr offiziell zu gedenken, halte sie mehr davon, im Alltag gegen das Vergessen zu arbeiten. Deswegen führt sie an Schulen Kunstprojekte zum Thema Holocaust durch. Das sei angesichts des zunehmenden Rassismus und Antisemitismus wichtiger denn je.

Diese Entwicklung löst Ängste aus

„Spätestens nach dem Anschlag in Halle ist mir bewusst geworden, wie dramatisch die Situation ist, und ich frage mich, ob es für uns Juden hier in Deutschland noch eine Zukunft geben kann“, sagt die Künstlerin, die seit zwei Jahren in Xanten lebt.

„Wie kann es sein, dass in einem Land wie Deutschland mit einer solchen Geschichte ein Faschist öffentlich agieren darf?“, fragt sie im Hinblick auf den thüringischen AfD-Chef Björn Höcke. „Diese Entwicklung löst Ängste aus. Vor allem die Parallelität zu damals, wo es auch immer wieder hieß: Ach, das kann ja gar nicht. Kann es.“ In Xanten habe sie bisher keine Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht.

Regelmäßig Hass- und Drohbriefe

81 Jahre nach der Pogromnacht gibt es in Xanten kaum jüdisches Leben – die nächste Synagogengemeinde ist in Duisburg. Auch der dortige Rabbiner David Geballe berichtet von Ängsten und Unsicherheit. Allerdings sei der Vorfall in Halle keine Überraschung gewesen: „Traurigerweise war es keine Frage des Ob, sondern des Wann“, sagt er. Seine Gemeinde, zu der auch das Xantener Einzugsgebiet zählt, bekäme regelmäßig Hass- und Drohbriefe.

„Es vergeht kein Tag, an dem in Deutschland kein Jude angegriffen wird – nur weil er Jude ist“, sagt er. Nach dem Anschlag auf die Synagoge vor wenigen Wochen sei er verstärkt von Gemeindemitgliedern gefragt worden, inwiefern sie sich noch nach außen hin als Juden zeigen sollten. „Viele tragen aus Selbstschutz eine Baseball-Cap statt ihrer Kippa“, sagt Geballe.

Er selbst gehe normalerweise mit Kippa aus dem Haus. „Aber nicht, wenn ich mit meinen Kindern oder meiner Frau unterwegs bin.“ Dann trage er eine Mütze – um seiner Familie antisemitische Beleidigungen oder Übergriffe zu ersparen.

Rückhalt nach Halle

„Auf gepackten Koffern“ säße man in seiner Gemeinde jedoch eher weniger. Das Sinnbild sei von Holocaust-Überlebenden und deren Kindern geprägt. „Die haben aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen immer sichergestellt, dass der Pass aktuell war, damit sie zur Not sofort aus Deutschland raus könnten“, erklärt der Rabbiner. „Mittlerweile lebt hier schon die vierte Generation.

Die habe diese traumatischen Ängste in dem Ausmaß nicht mehr, sondern stelle sich eher die generelle Frage, wo sie mal leben möchte – genau wie andere junge Erwachsene heutzutage auch.“ Positiv beschreibt er den Rückhalt, den man nach Halle gespürt habe – sowohl von Kirchen und der Moscheegemeinde in Duisburg, als auch von Einzelpersonen, die in Briefen und Telefonaten ihr Mitgefühl ausgedrückt hätten.

„Juden brauchen andere Juden“

Der Grund, warum es in Xanten so wenig jüdisches Leben gibt, liege für ihn auf der Hand: „Juden, die ihren Glauben ausleben, brauchen andere Juden.“ Keine der mehr als 100 Synagogengemeinden in Deutschland sei in Kleinstädten angesiedelt. „Wenn in einer kleinen Stadt nur fünf jüdische Einwohner leben, wird dort nicht gleich eine Synagogengemeinde gegründet“, erklärt er.

Das sei auch eine finanzielle Frage: „Die Errichtung einer Gemeinde kostet Geld und auch ein Rabbiner kostet Geld.“

Das Bundeskriminalamt stellt eine steigende Zahl antisemitischer Straftaten fest: 2018 ist die Zahl der Delikte im Vergleich zum Vorjahr um knapp 20 Prozent auf rund 1800 gestiegen. BKA-Präsident Holger Münch nannte diesen Anstieg bei der Vorstellung der Statistik im Mai 2019 „besorgniserregend“.

Empathie mit den Opfern wecken

Dieser Entwicklung möchte Künstlerin Plaßmann mit ihren Projekten etwas entgegensetzen – wie im vergangenen Jahr an der Xantener Marienschule. Die erste Frage, die sie den Schülern stelle, sei: Was ist ein Jude? Die Stille danach schockiere sie jedes Mal aufs Neue. „Aber woher sollen die Schüler es auch wissen, wenn es ihnen keiner sagt?“ Das Tabu, das sich nach 1945 entwickelt habe, sei nach wie vor präsent. In den Projekten recherchieren die Schüler Opfer des Nationalsozialismus aus ihrer Stadt.

Von diesen Menschen fertigen sie Porträts an, die abschließend in einer Ausstellung präsentiert werden. „Dadurch setzen sie sich anhand von zwei bis drei Personen mit dem Thema Holocaust auseinander“, erklärt Plaßmann. „Denn nur wenn wir begreifen, dass hinter den nüchternen Zahlen wie den sechs Millionen getöteten Juden Individuen mit Namen, Gesichtern, Geschichten, Gefühlen und Schicksalen stehen, kann Empathie mit den Opfern geweckt werden.“

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