Kultur

Rheinberger Label: Musikbranche plagen Zukunftsängste

Bianca Eysenbrandt betreibt in Rheinberg ein Independent-Label.

Bianca Eysenbrandt betreibt in Rheinberg ein Independent-Label.

Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Bianca Eysenbrandt, Betreiberin des Rheinberger Independent-Labels „Dackelton Records“, verrät, unter welchen Druck Corona die Musikbranche setzt.

Rheinberg. Die Coronakrise ist eine Krise in vielen Bereichen. Zu den – wirtschaftlich und existenziell – besonders Betroffenen gehören die Kulturschaffenden. Bianca Eysenbrandt, Betreiberin des Rheinberger Independent-Labels „Dackelton Records“, verrät, unter welchem Druck Corona die Musikbranche steht.

Gut zwei Dutzend Bands und Solokünstler betreut die 44-Jährige bei „Dackelton“ und den beiden zugehörigen Labels „Quasilectric“ und „Scarecrow Sounds“. „Jetzt gerade wären eigentlich alle meine Künstler auf Tour“, beschreibt sie. Von März bis August laufe normalerweise die Festivalsaison. Da diese nun wegfällt, gibt es für sie auch im Merchandise-Service „Dackeldings“ so gut wie nichts zu tun.

Veröffentlichungen sind verschoben

Und auch die Vorbereitungen für das labeleigene „Dackelton-Festival“ in Moers (vormals: „Quasilectric-Festival“), das üblicherweise im November gefeiert wird, liegen auf Eis: „Da gibt es so viel Planungsunsicherheit, dass man es nicht machen kann.“ Eigentlich ist es ihre Aufgabe als Labelchefin, gemeinsam mit ihren Künstlern an deren Zielen zu arbeiten und sie weiter zu bringen. „Im Moment drehen sich unsere Gespräche eher darum, wie wir überhaupt irgendetwas retten können“, erläutert sie. „Wir haben sehr viele Veröffentlichungen verschieben müssen“, erst drei Alben seien in diesem Jahr auf dem Label erschienen. Denn Neuveröffentlichungen funktionieren im Moment nur, wenn bereits eine breite Fanbase da ist.

Newcomer haben es aktuell besonders schwer: „Alle sind mit anderen Dingen beschäftigt. Man hat gerade wenig Muße, sich auf was Neues einzulassen.“

Besonders hart treffe das beispielsweise einen jungen Soulsänger: Heen. Dessen erstes Album „Steppin‘ Up“ war am 13. März bei Dackelton erschienen, kurz danach kam der Lockdown. Die Promo lief ins Leere, an eine Tour um das Werk bekannt zu machen ist nicht zu denken. Neben dem finanziellen Schaden für den jungen Künstler, der so nichts verdienen kann und auch gerade all seine Musikschüler abgegeben hatte, um sich auf seine Künstlerkarriere zu konzentrieren, sei das auch emotional schwierig: „Die größte Freude bei den Musikern ist das Release-Konzert“, erklärt Eysenbrandt. „Man kann sowas auch nicht nachholen – dieser besondere Moment ist einfach unwiederbringlich!“

Die Tickets werden teurer

Und auch die schon etablierten Künstler haben mit coronabedingten Veränderungen zu tun – so musste etwa der Dreh eines Musikvideos der Moerser Band „Und wieder Oktober“ ausfallen, die Single konnte entsprechend nicht veröffentlicht werden. „Wir haben dann eine andere Single vorgezogen und die Fans gebeten, sich daheim mit dem Song zu filmen“, erzählt die Dackelton-Chefin. „Aber das geht in den ganzen Corona-Heimvideos völlig unter.“

Es sind nur zwei Beispiele, jedoch könnte man die Liste fast beliebig fortsetzen. „Die Probleme sind natürlich überall die gleichen“, sagt Bianca Eysenbrandt, die sich auch im Verband unabhängiger Musikunternehmer engagiert. Problematisch sei zudem, dass in der gesamten Branche alles miteinander zusammen hängt.

Es hapert an der Infrastruktur

Besorgt blickt die Dackelton-Chefin schon jetzt auf die Zeit nach Corona: „Nächstes Jahr werden viele Veranstaltungen nachgeholt, sodass die Leute weniger auf Konzerte kommen“, erläutert sie ihre Bedenken. Denn wenn an einem Abend fünf Konzerte laufen, werden sich die Fans für eines entscheiden müssen. Zudem sei auch mit einem Anstieg der Ticketpreise zu rechnen.

Gleichzeitig gebe es schon jetzt Probleme, Locations für Konzerte im kommenden Jahr zu buchen. Von kleineren Clubs bekomme sie oftmals zu hören: „Wir wissen noch gar nicht, ob wir je wieder aufmachen können.“

Kaum sorgen um die Hochkultur

Deshalb, meint Bianca Eysenbrandt, müssten auch Musikkneipen, -gastronomien und soziokulturelle Zentren von eventuellen Fördertöpfen oder Rettungsschirmen profitieren. Sie sind wichtig, um den künstlerischen Nachwuchs zu fördern, und das ist am Niederrhein schon jetzt schwierig. Es gebe nur wenige „Hot Spots“, außerdem hapere es an der gesamten Infrastruktur, schon an der Förderung von Musikunterricht.

„Ich denke um die Hochkultur muss man sich weniger Sorgen machen“, fasst Bianca Eysenbrandt zusammen. Genauso wie um bekannte Bands und Künstler, die bei großen Mayor-Labels unter Vertrag sind. Doch „alles was klein ist, die ganze Subkultur“, drohe in der Coronakrise unterzugehen.

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