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Sechs Monate Leipzig: Rheinberger Pfarrer Udo Otten studiert

Geht für ein halbes Jahr zum Studieren nach Leipzig: Pastor Udo Otten von der evangelischen Kirchengemeinde Rheinberg

Foto: arfi

Geht für ein halbes Jahr zum Studieren nach Leipzig: Pastor Udo Otten von der evangelischen Kirchengemeinde Rheinberg Foto: arfi

Rheinberg.   Der evangelische Pfarrer Udo Otten legt ein Studiensemester in Leipzig ein, um sich mit dem Verhältnis von Kirche und Gesellschaft zu befassen.

Das Vorlesungsverzeichnis ist durchgeackert, der Stundenplan steht und selbst die für viele Studenten größte Hürde – die Suche nach einer bezahlbaren „Bude“ – hat er erfolgreich gemeistert. Udo Otten kann sein Glück selbst kaum fassen. „Es reichte ein Anruf bei einer Wohnungsgenossenschaft, bei der ich mit meiner Frau Vera mal eine Ferienunterkunft gebucht hatte, sschon bekam ich die Zusage für eine teilmöblierte Wohnung in Leipzig – unfassbar“, berichtet Otten begeistert. Für ihn kann das Herbstsemester beginnen.

Bis März 2018 tauscht der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Rheinberg Kanzel gegen Hörsaal. Erstmals seit 1989 wird der 51-Jährige im Rahmen eines Studiensemesters wieder Vorlesungen und Seminare besuchen. Diese Möglichkeit bietet die Evangelische Landeskirche im Rheinland ihren Pfarrern alle zehn Jahre. Für Udo Otten ist es Premiere.

Früher habe es nie gepasst – die Kinder waren noch klein oder die Arbeit ließ es nicht zu. Jetzt hält Vikar Michael Hammes die Stellung in der Gemeinde. „Deshalb gehe ich mit gutem Gewissen“, sagt der Pastor, der sich auf die Zeit in Leipzig freut wie ein Schneekönig.

Warum ausgerechnet Leipzig? Schließlich hätte er sich für nahezu jede Hochschule – auch im Ausland – entscheiden können. „Weil die Stadt einfach so toll und spannend ist“, sprudelt es aus Otten heraus. Und wegen seines Studienschwerpunkts. „Leipzig hat in Deutschland die älteste Fakultät für Soziologie“, begründet er seine Wahl.

Im Zentrum der Weiterbildung stehen religionssoziologische Fragen. Zum Beispiel wie Religion und Kirche in der Gesellschaft eingebunden sind und wie sich der evangelische Glaube aufgrund des Islams verändert. „Es geht darum, wie die christliche Botschaft heute bei den Menschen ankommt. Das wird künftig in die Gemeindearbeit einfließen“, sagt der Kirchenmann.

Er wird nach fast 30 Jahren wieder ein Studentenleben führen, auch wenn es ein „Studentenleben light“ ist: Es gilt zwar, viel Stoff aus den Vorlesungen nachzubereiten, Klausuren und Prüfungen muss er aber nicht schreiben. Auch Geldsorgen drücken nicht, da er weiter sein Gehalt bezieht. Eine große Herausforderung stellt sich der Pastor allerdings selbst: Er will versuchen, den Monat mit dem Bafög-Höchstsatz zu bestreiten. „Nach Abzug aller Kosten wie Miete bleiben gerade mal 264 Euro“, rechnet Otten vor. Ihm schwant: „Das wird nicht einfach.“

Dass er mit 51 Jahren einer der ältesten im Hörsaal sein wird, stört den Vater von drei erwachsenen Kindern nicht. Im Gegenteil: Er freut sich darauf, mit jungen Menschen zu diskutieren. Nur eines treibt ihn im Vorfeld des Studiensemesters ein wenig um: „Ich habe noch nie so lange alleine gelebt“, gibt der Kirchenmann zu. Wie es ist, jenseits von Seminarräumen und Mensa Kontakte zu knüpfen – er weiß es nicht so genau.

Doch allzu einsam wird es ihm nicht werden. Freunde haben schon ihren Besuch angekündigt, und auch mit Ehefrau Vera möchte er die kulturelle Vielfalt der Stadt erkunden. Einziger Wermutstropfen: „Ich bin gerade Opa geworden“, erzählt Udo Otten. Die ersten Lebensmonate seines Enkelsohnes wird er zumindest teilweise verpassen. „Aber zwischendurch bin ich ja auch mal in Rheinberg“, verspricht der Pfarrer, der seinen letzten Gottesdienst vor der Auszeit am 24. September gehalten hat. Und Weihnachten und Silvester steht er auf jeden Fall in seiner Kirche auf der Kanzel.

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