Hilfe für Vermisste

Xanten: Diese Hunde haben den richtigen Riecher beim suchen

Sandra Schlaugat mit ihrem zweiten Hund Claus. In der Regel trainiert die Staffel mehrmals pro Woche mit den Tieren.

Sandra Schlaugat mit ihrem zweiten Hund Claus. In der Regel trainiert die Staffel mehrmals pro Woche mit den Tieren.

Foto: Fischer, Armin ( arfi ) / Fischer, Armin (arfi )

Xanten/Kamp-Lintfort.  Eine neunköpfige Gruppe mit Mitgliedern aus dem Kreis Wesel bildet Hunde dafür aus, vermisste Personen aufzuspüren. Der Einsatz ist ehrenamtlich.

Die Geschichte ist in diesem Fall frei erfunden, passiert in der Realität aber leider oft: Ein Kind kommt von der Schule nicht heim, die Eltern gehen vergeblich den Schulweg ab, das Kind wird bei der Polizei als vermisst gemeldet. Die macht sich auf die Suche – und lässt sich dabei in vielen Fällen von Hunden helfen. Nicht von irgendwelchen Vierbeinern, sondern von solchen, die als Rettungshunde ausgebildet sind.

„Mantrailing“ nennt man die Personensuche unter Einsatz von Gebrauchshunden, die Mantrailer oder Personenspürhunde genannt werden. Dabei wird der hervorragende Geruchssinn der Hunde genutzt: Nachdem sie an einem Pulli, T-Shirt oder anderem Kleidungsstück geschnüffelt haben, das dieser Mensch getragen hat und das noch nicht in der Waschmaschine gelandet ist, gehen die Hunde genau den Weg ab, den der Vermisste gegangen ist.

Eine große Schnauze ist von Vorteil

Auch am Niederrhein haben sich am 1. Januar 2018 Hundebesitzer zusammengeschlossen, um ihre Hunde als Mantrailer ausbilden zu lassen. „Rettungshundestaffel Bergisches Land“ nennt sich die Gruppe, Vorsitzender und Ausbildungsleiter ist Andre Pickartz. Er und seine Frau Agnes leben mit ihren zwölf Hunden in Alpen. Spaß am Arbeiten haben – das sei die wichtigste Voraussetzung, die ein Hund mitbringen müsse, um Personenspürhund zu werden, sagen sie. Denn das Tier müsse Eignungs- und Wesenstests durchlaufen, unter anderem an akustische und visuelle Reize gewöhnt werden: An Menschenmengen, die Krach machen, an Schüsse, Feuer und mehr.

Eine ausgeprägte Schnauze sei übrigens von Vorteil. „Je platter die Nase, desto schwieriger ist es für den Hund, eine Geruchsfährte aufzunehmen“, sagt Andre Pickartz, Fachpfleger für Intensivmedizin und Anästhesie an der Uniklinik in Düsseldorf.

Da helfe es auch nichts, dass der Hund drei Millionen Riechzellen habe. Bis zu 72 Stunden kann ein Mantrailer übrigens eine Fährte (Geruchsspur) aufnehmen.

In Einsatzkleidung zum Training

Neun Frauen gehören zu der „Rettungshundestaffel Bergisches Land“, eine von ihnen ist Sandra Schlaugat. Die 39-Jährige lebt in Rheinberg, ist im Hauptberuf Personalsachbearbeiterin bei der Arbeiterwohlfahrt. Drei Mal in der Woche – montags, mittwochs und freitags nach Feierabend – trifft sie sich in der Regel mit den anderen Mitgliedern der Staffel an unterschiedlichen Orten, um mit den Hunden zu trainieren. An Kreuzungen in Städten, in Parks, auf Flächen mit verschiedenen Untergründen. Im Kofferraum warten ihre beiden Hunde auf ihren Einsatz: Claus, der siebenjährige Pinschermix, und Aika, ein Malinoi (belgischer Schäferhund), der gerade ein Jahr alt ist und mit dem Sandra Schlaugat vor einiger Zeit angefangen hat zu arbeiten.

Auch Uta Ketteler ist Mitglied der Staffel. Sie kommt aus Xanten, bildet den Hund ihrer Schwester, einen Labrador, zum Personenspürhund aus. „Einlegesohlen in Schuhen, die eignen sich am besten, um einen Menschen aufzuspüren. Denn die packt in der Regel keiner außer dem Träger an, die riechen nur nach dem, der sie getragen hat“, weiß die 33-Jährige. Sie kommt in Einsatzkleidung zum Training, genau wie alle anderen aus der Staffel: Feuerrote Hose, rot-gelbe Warnweste mit Reflektoren, Rucksack, in dem alles drin ist, was man bei einem Einsatz braucht.

Das Erste-Hilfe-Paket für Menschen und für Hunde (alle Mitglieder sind in Erster-Hilfe ausgebildet), Spezialgeschirr für den Mantrailer, Wasser und die „Belohnung“ für den eigenen Vierbeiner, wenn er auf der richtigen Spur war und den Menschen gefunden hat, den er suchen sollte. Aika zum Beispiel liebt Leberwurst; Box, der Labrador ihrer Schwester, „fährt total auf Thunfisch mit körnigem Frischkäse ab“, erzählt Uta Ketteler und lacht.

Spezial-Geschirr mit langer Leine

Beim Training am Mittwoch trafen sich einige aus der Staffel in Kamp-Lintfort, auf dem Parkplatz an einem Supermarkt. „Opfer“ war diesmal Tanja Mandewirth, die sich irgendwo im Umkreis von 1,8 Kilometern versteckte. Sie hatte ihren Schlüsselanhänger mitgebracht, den Sandra Schlaugat in eine Plastiktüte packte und in ihren Rucksack steckte. „Geruchsartikel-Sicherung“ nennt sich das.

Nach ein paar Minuten holte die Rheinbergerin ihre Aika aus dem Auto, legte ihr das Spezial-Geschirr mit der langen Leine an, ließ den Hund an dem Schlüsselanhänger schnuppern. Der belgische Schäferhund nahm sofort die Spur auf, lief an einer Kreuzung jeden der vier Schenkel (Straßen) ein kurzes Stück ab und schlug dann die Richtung ein, die Tanja Mandewirth gegangen war. Es dauerte nicht lange, da hatte Aika die „Vermisste“ in einem Gebüsch an einer Hauswand entdeckt und verbellt.

Jeder, der einen Menschen vermisst, kann sich melden

Auch Andre Pickartz war zum Training gekommen. Er hatte zwei Hunde mitgebracht: Hunter (5), ein belgischer Schäferhund und schon erfolgreich zum Suchspürhund ausgebildet, und Wilson (2), ein Chesapeake Bay Retriever, den seine Frau und er in Mantrailing und Wasserortung ausbilden. Hunter musste sich an dem Supermarkt dem „Positiv-Negativ-Test“ unterziehen: In einem Glas war der Geruchsstoff einer Person, die am Tag vorher noch dort gewesen war; in dem Negativ-Glas befand sich mit deren Einverständnis ein Stück Stoff von einer Patientin aus der Uniklinik in Düsseldorf, die noch nie in ihrem Leben in Kamp-Lintfort gewesen war. Hunter als „alter Hase“ bestand diesen Test.

Uta Ketteler bringt auf den Punkt, was der Staffel wichtig ist: Dass jeder weiß, „uns gibt es, wir helfen, wir sind da und kosten nichts“. Heißt im Klartext: Jeder, der einen Menschen vermisst, kann sich bei Einsatzleiter Andre Pickartz melden. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Die Einsatz-Nummer: 0171 1101012.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben