Krankheit

Xantenerin gründet Selbsthilfegruppe bei bipolarer Störung

Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind von der manisch-depressiven Erkrankung betroffen. (Symbolbild)

Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind von der manisch-depressiven Erkrankung betroffen. (Symbolbild)

Foto: Thomas Nowaczyk

Xanten.  Eine Xantenerin erzählt von ihrer bipolaren Störung. Sie möchte eine Selbsthilfegruppe für Betroffene gründen – das wäre einmalig im Kreis Wesel.

Mariah Carey, Amy Winehouse, Marilyn Monroe, van Gogh oder Hemingway: Sie alle haben eine Gemeinsamkeit, die auch die Xantenerin Karin teilt – sie leiden unter einer bipolaren Störung. Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind von der manisch-depressiven Erkrankung, die privat und beruflich weitreichende Spuren im Leben hinterlassen kann, betroffen. Doch ein stabiles Leben ist sehr gut möglich. Eine Selbsthilfegruppe stärkt Betroffenen und Angehörigen den Rücken – erstmals auch in Xanten.

Karin, die eigentlich anders heißt, ist Xantenerin und hat erst seit wenigen Jahren ihre Diagnose. „Schon immer wusste ich, dass ich für Stimmungsschwankungen anfällig bin, insbesondere für Depressionen, Phasen der Traurigkeit, der inneren Leere und der Verzweiflung. Dass meine Stimmung dann nach einer gewissen Zeit hochrauschte, fühlte sich für mich gesund an. In diesen Phasen schlief ich wenig und arbeitete viel, stieß viele Projekte an“, sagt sie. „Ich war mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs – wobei ich mich oft überschätzte, meine Umgebung überforderte und hinterher vor Erschöpfung regelrecht zusammenbrach.“

Langer Weg zur Diagnose

Erst Jahre nach ihrer Scheidung erfuhren Karin und ihr damaliger Mann, dass die Akademikerin schon viele Jahre fest im Griff der manisch-depressiven/bipolaren Erkrankung steckte, ohne selbst davon zu wissen. Hausärzte, Psychologen und Psychiater benötigen im Regelfall einen längeren Zeitraum für die korrekte Diagnose. Zwar erleben alle Betroffenen heftige Stimmungswechsel – manische Hochphasen und depressive Tiefpunkte – doch nicht immer sind sie für die Umgebung wahrnehmbar.

Dauer und Intensität der Phasen können variieren. Dazwischen folgen Phasen der Normalität – manchmal jahrelang. „Leider wird diese Erkrankung in unserer Leistungsgesellschaft häufig übersehen. Überstunden und Ausnahmeleistungen werden positiv bewertet. Dass hinter Energieschüben eine handfeste und unheilbare psychiatrische Erkrankung stecken könnte, ahnen die Betroffenen und ihre Familien anfänglich kaum“, sagt Karin.

„Man war ja schon immer so gestrickt. Behandelt werden dann nur die depressiven Phasen. Doch Antidepressiva sind für Bipolare die falschen Medikamente. Mit dieser Erkrankung ist nicht zu spaßen. Das Gefühl der Euphorie trügt. Es kann Jahre dauern, bis man versteht, dass das die Krankheit so gefährlich ist wie eine Droge. Sie kann Ehen, Familien, Freundeskreise und ganze Existenzen sprengen.“

Deshalb möchte die Xantenerin eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit einer bipolaren Störung gründen. Unterstützung erhält sie dabei vom Paritätischen-Wohlfahrtsverband NRW. Die Selbsthilfe-Kontaktstelle Kreis Wesel begleitet die Gruppengründung in Xanten. „Das ist eine unserer Hauptaufgaben. Wir laden Menschen ein, organisieren und moderieren die ersten Treffen“, erklärt Sandra Tinnefeld, Mitarbeiterin der Selbsthilfe-Kontaktstelle. Im Kreis Wesel existieren derzeit rund 350 Selbsthilfegruppen. Eine Gruppe für bipolare Störungen ist noch nicht dabei.

Es gibt Bedarf für eine Xantener Selbsthilfegruppe

„Wir hatten aber schon vermehrt Anfragen zu dieser Erkrankung“, so Tinnefeld. Der Austausch mit anderen Betroffenen sei dabei ein wichtiger Bestandteil der Therapie. „Wenn die Gruppenteilnehmer untereinander sprechen, ist das eine andere Art des Redens, als mit einem Profi.“ Der Besuch einer Selbsthilfegruppe sei aber kein Ersatz für eine medizinische oder therapeutische Behandlung, sondern nur ergänzend, betont Tinnefeld.

Tatsächlich bedarf die bipolare Störung einer engmaschigen Behandlung. Die Suizidrate ist stark erhöht, ebenso das Risiko einer Suchterkrankung oder einer weiteren psychischen Störung. Auch die Lebenserwartung ist deutlich verkürzt. Eine akkurate medikamentöse Einstellung ist daher lebenswichtig, und manchmal ist ein Krankenhausaufenthalt unvermeidlich. „Man muss sich selbst nonstop beobachten und eng mit dem behandelnden Arzt zusammenarbeiten.

Die Krankheit richtig zu verstehen ist ein Lernprozess, der viele Jahre andauert“, weiß auch Karin. „Eine Selbsthilfegruppe kann dabei helfen, Erfahrungen auszutauschen, Wissen zu teilen, Behandlungsmöglichkeiten zu diskutieren und Strategien für den Krisenfall zu entwickeln. Manchmal erkennen andere schneller als man selbst, wenn eine neue Episode sich ankündigt. Bei Erkennung der Frühwarnzeichen hat man eine gute Chance, mit Medikamenten gegenzusteuern. Gemeinsam ist man stärker als allein“, betont sie.

Mit der Krankheit leben

Karin hat es geschafft, sich mit der Krankheit zu arrangieren. Sie hat sich eine starke, liebevolle Beziehung zu ihren Kindern erhalten und arbeitet nach wie vor in ihrem Traumberuf – wenn auch mit angepassten Rahmenbedingungen, mit stabilisierenden Medikamenten und kontinuierlicher ärztlicher sowie psychologischer Betreuung.

„Eine wichtige Rolle spielte außerdem meine Selbsthilfegruppe im Ruhrgebiet. Doch die Wege sind weit. Wir brauchen eine Xantener Gruppe. Traut euch, macht mit. Meldet euch“, so ihr Appell. Die Selbsthilfegruppe richtet sich ausschließlich an Menschen, die eine bipolare Störung diagnostiziert bekommen haben.

Neue Selbsthilfe in Xanten

Geplant sind Treffen an jedem zweiten und vierten Mittwoch im Monat. Für die bessere Planung des ersten Treffens bittet die Selbsthilfe-Kontaktstelle um eine Anmeldung bei Sandra Tinnefeld und Ute Gieffers telefonisch unter der Nummer 02841/9000-16 oder per Mail an selbsthilfe-wesel@paritaet-nrw.org. Die Mitarbeiterinnen erteilen zudem weitere Infos.

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