Theater

„Ich atme gerne Sauerstoff“: Die Jugend hat noch Hoffnung

Finster die Kulisse, bedrohlich das Szenario: Aufgelöst wird das Stück nicht. Stattdessen folgt eine Diskussion mit dem Publikum.

Finster die Kulisse, bedrohlich das Szenario: Aufgelöst wird das Stück nicht. Stattdessen folgt eine Diskussion mit dem Publikum.

Foto: Kristin Scheller

Siegen.  Premiere im Apollo-Theater Siegen: Junge Theatermacher inszenieren die Panik einer auf den Abgrund zusteuernden Welt. Und sind zuversichtlich.

Ein riesiges Kreuz, ein altes Sofa mit Beistelltischen aus abgenutzten Holzkisten und der Büroraum eines konservativen Politikers. Dunkle Bässe hallen durch den Raum, über wechselnde Bilder von tanzenden Kindern und Naturkatastrophen werden Greta Thunbergs Stimme und der Klang eines langsam zur Nulllinie abflachenden EKGs gelegt: „Our house is in on fire. We have failed. I want you to panic.“

Berührende Szenen treffen auf Zerstörung, Betroffenheit auf Angst, das Video auf die Rufe der jungen Schauspieler, die Gretas Worte skandieren. Ein Sprechchor aus Schreien und Flüstern, der dem Publikum schon zu Beginn der Uraufführung von „Ich atme gerne Sauerstoff“ Gänsehaut bereitet.

Der Politik deren Tatenlosigkeit vorhalten

Entstanden ist das Stück im Rahmen des Sommer-Camps des Apollo-Theaters. Dort wurde die Chance ergriffen, das Thema Umweltschutz zu durchleuchten, in vielen Facetten und von allerlei Standpunkten. Isa, gespielt von Leona Scholl, ist Schülerin. Freitags steht sie in einer Menge von Gleichgesinnten und hält der Politik ihre Tatenlosigkeit vor.

Sie ist das Gesicht der Bewegung, sprüht die Wände großer Firmen an und dreht zu Beginn ein Video, das dem von Rezo gleicht: Pro bessere Klimapolitik, contra alte, weiße Männer, die in ihren hohen Positionen die Augen verschließen. Jens Schuller, Lokalpolitiker und konsequent gegen diesen ganzen Klimawahn, ist einer davon. Und gegen jenen wettert sie auch ordentlich.

Cybermobber gegen Teenager

Ganz und gar inkompetent und angewiesen auf seine Sekretärin beginnt Karsten Burkhardt in der Rolle Schullers eine Hetzjagd, die in beide Richtungen ausartet – er setzt zwei professionelle Cybermobber gegen die 16-jährige an, während die Aktivisten von Fridays for Future der Politik ebenso wenig Ruhe lassen, Vandalismus gegen RWE und Amazon betreiben und ihr Bestes geben, sich für die Umwelt einzusetzen.

Isa lässt sich nicht unterkriegen. Genannt wird sie „Jeanne d’Arc der Klassenzimmer“ und jene Kämpferin des 15. Jahrhunderts kommt ihr auch zur Hilfe – natürlich nur bildlich gesprochen. Eine Kämpfernatur. Eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, ihre Meinung spricht, sich einmischt, wo sie nicht erwünscht ist – wie Greta.

Finster-bedrohliche Kulisse

Das Stück zieht die Parallelen zwischen der historischen Figur, gespielt von Eleni Giotitsas, und der Klimaaktivistin ganz nebenbei und doch beeinflusst die Rolle die Wirkung maßgeblich. Jeanne d’Arc ist Isas Innenleben, durch sie wird Motivation und Persönlichkeit klar, sie verleiht der Schülerin die Stärke, die sie im Angesicht dieses globalen Problems braucht. Und sie kreiert die Stimmung, die das Stück vorantreibt.

„Ich atme gerne Sauerstoff“ ist stark getrieben von Atmosphäre und Emotionen, deshalb aber nicht weniger aussagekräftig. Finster und bedrohlich ist die Bühne, dominiert von dem massiven Kreuz in der Mitte, wie ein Grab, aus dem das Schauspiel sich erhebt. Doch das Erzählte, in all seiner Dramatik, getrieben von der Panik einer auf den Abgrund zutreibenden Welt, ist zuversichtlich.

Kein Verzicht, sondern eine Bereicherung

Besonders gegen Ende wird klar: die Jugend hat noch Hoffnung. Sie ertrinken nicht in ihrer Panik, vergessen sich nicht in ihrer Hysterie – sie sind sich lediglich der Dringlichkeit des Problems bewusst und den Maßnahmen, die es braucht, damit die Politik endlich zuhört: „Wenn du von Ungeduld sprichst, sprechen wir von Realismus!“

Aufgelöst wird das Stück nicht – stattdessen geht es fließend in eine Diskussion mit dem Publikum über. Was tut ihr? Und wird euch wirklich etwas genommen? Eine Mutter ernährt ihre siebenköpfige Familie vollkommen vegan, zum Teil aus eigenem Anbau. Der Geschäftsmann in den vorderen Reihen hat seinen Firmenwagen aufgegeben und fährt mit dem E-Bike zu seinen Terminen. Eine andere junge Dame kauft ausschließlich Second Hand.

Alle sind sich einig: es ist kein Verzicht, sondern eine Bereicherung. Und so ermutigen die Jugendlichen die Anwesenden dazu, eigene kleine Umgestaltungen in ihrem Leben einzuführen: „Es geht nicht ums Verzichten, sondern ums Verändern. Radikalität entspricht nicht der Realität, aber wenn jeder etwas beiträgt, können wir etwas bewegen!“

Mehr Nachrichten, Fotos und Videos aus dem Siegerland gibt es hier.

Die Lokalredaktion Siegen ist auch bei Facebook.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben