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Krebs: Wie überbringt ein Arzt eine tödliche Diagnose?

Professor Dr. med. Ralph Naumann (links)behandelt viele Krebspatienten. Auch Francesco Formiglio ist einer seiner Patienten. Foto:Jennifer Wirth

Professor Dr. med. Ralph Naumann (links)behandelt viele Krebspatienten. Auch Francesco Formiglio ist einer seiner Patienten. Foto:Jennifer Wirth

Siegen.  Onkologie-Chefarzt Prof. Dr. Naumann aus dem St. Marien-Krankenhaus erzählt von der Arbeit mit schwer krebskranken Menschen.

Professor Dr. med. Ralph Naumann ist Chefarzt der Klinik für Medizinische Onkologie und Palliativmedizin im St. Marien-Krankenhaus und hat täglich mit Menschen zu tun, die an Krebs leiden. Er gibt einen Einblick in seine Arbeit und den Umgang mit dem Thema Tod.

Diagnose

„Bei einer Krebsdiagnose unterscheiden wir zwischen einer kurativen und einer palliativen Behandlung“, sagt Naumann. Kurative Methoden zielen auf eine Heilung ab: „Ich kann viele Menschen heilen.“ Bei der palliativen Behandlung geht es um nicht heilbare Erkrankungen. „Da gibt es einen riesigen Blumenstrauß an Optionen. Es gibt Menschen, die trotzdem noch viele Jahre leben, und Menschen, bei denen das Ende sehr nah ist.“ Doch Sätze wie „Ich kann nichts mehr für Sie tun“ will der Chefarzt nicht hören. „Das ist ein grober Fehler in der Kommunikation. Ich kann immer etwas für den Patienten tun. Ich kann die Symptome lindern.“

Wie überbringt ein Arzt eine tödliche Diagnose? „Ich spreche es an, wenn ich weiß, dass die Krankheit nicht heilbar ist“, sagt Naumann. Wichtig sei dabei, sich Zeit zu nehmen und das Wort „Krebs“ konkret auszusprechen. „Ich schaue den Patienten dann in die Augen und spüre, dass die Botschaft angekommen ist. Ich bin ehrlich, aber ich will niemandem weh tun.“ Die Ungewissheit sei meist schlimmer als die eigentliche Diagnose. Das Wort „sterben“ verwendet der Chefarzt allerdings nicht. „Ich sage dann, dass die Krankheit das Leben begrenzt.“ Wie lange ein Mensch mit der tödlichen Diagnose leben kann, darüber gibt der Experte keine Einschätzung ab. „Das weiß ich einfach nicht.“ Er bemängelt, dass viele Kollegen sich zu weit aus dem Fenster lehnen und konkrete Zeitrahmen nennen. „So eine Aussage stimmt nie.“

Hoffnung

Oft sei es so, dass die Patienten bereits ein Gefühl für ihre Situation hätten. „Man erwartet von mir, dass ich ehrlich bin. Ich würde nie sagen, dass jemand eine Chance hat, wenn es keine gibt.“ Naumann klärt auf, ob es eine Heilungschance gibt. Wenn ja, sagt er auch, ob der Krebs heilbar oder „mit hoher Wahrscheinlichkeit heilbar“ ist. Viele der rund 300 Krebsarten seien gut zu behandeln. „Beispielsweise eine chronische Leukämie ist mit Tabletten heilbar.“ Das sorge für Hoffnung. Einmal, so der Chefarzt, habe er sogar ein medizinisches Wunder erlebt. Ein Patient mit Lungenkrebs und vielen Metastasen hätte eine sogenannte Spontanremission, also eine Genesung, erfahren. Aus unerklärlichen Gründen hätten sich die bösartigen Zellen zurückgebildet. „Das ist jedoch sehr, sehr selten.“

Es gebe auch Fachärzte, die falschen Optimismus wecken würden. Erst kürzlich habe ein Arzt eine 27 Jahre alte Frau mit Hirntumor zu ihm geschickt mit dem Versprechen, „da geht noch was“, operieren müsse man nicht. „Ich habe die Bilder gesehen und wusste sofort: Da kann man nicht operieren.“ Die Frau wird an ihrem Krebs sterben.

Behandlung

Viele Menschen bekommen statt Chemo Immuntherapeutika. Diese hätten andere Nebenwirkungen – Haarausfall gehöre beispielsweise nicht dazu. Damit werde Kranken der Leidensdruck genommen. Sie sind zwar sehr krank, doch spreche sie nicht jeder direkt darauf an. „Manchen sieht man die Krankheit nicht an. Es gibt Tumore, die machen erst sehr spät Symptome“, sagt Naumann. Jeder Fall sei unterschiedlich. Mal sei eine Operation am besten, bei anderen Menschen Medikamente oder eine Bestrahlung.

Sterbehilfe

Naumann sagt, viele Menschen hätten zwei große Ängste vor dem Tod: Allein zu sterben oder in Angst mit Schmerzen. „Niemand muss allein sterben.“ Dabei helfen das Palliativnetz, Hospize oder die Familie. „Vor allem Menschen mit Lungenkrebs haben Angst, zu ersticken oder in Schmerzen zu sterben“, so Naumann. „Ich kann ihnen versprechen, alles dafür zu tun, dass sie nicht leiden müssen.“ Durch die Verabreichung von Medikamenten könne er diese Angst nehmen. „Das nennt sich palliative Sedierung.“ So werde das Atmen erleichtert und Patienten schlafen ein – sie merken nicht, dass sie sterben. Es handle sich um indirekte Sterbehilfe, die in Deutschland erlaubt sei. Auch die passive Hilfe durch Abstellen der lebenserhaltenden Maschinen sei erlaubt.

Im letzten Moment

Nicht selten, so Naumann, sei das Sterben in einer Klinik angenehmer als woanders. Hier könnten Ärzte die Schmerzen besser lindern und eingreifen. Dafür wünscht sich der Chefarzt mehr Einzelzimmer. Aus Erfahrung kann der Arzt abschätzen, wenn ein Leben zu Ende geht: „Die Kontur am Schädel wird deutlicher. Es kann Atempausen oder eine unregelmäßige Atmung geben ... bis die Patienten schließlich aufhören zu atmen.“ Auch die Stimme werde dann meist leiser. Auch gebe es Menschen, die über Tage oder Wochen sterben. „Wir wissen dann, dass sie noch lange hören können. Wir raten Angehörigen, da zu sein und mit ihnen zu reden.“

Nicht selten komme es vor, dass Patienten durchhalten, bis alle Angehörigen am Krankenbett waren. Aber es gebe auch Patienten, die scheinbar bewusst den Moment abpassen, wenn Angehörige für einen Augenblick das Zimmer verlassen. „Wir haben das Gefühl, dass manche Patienten entwischen wollen.“ Wissenschaftlich sei das nicht erklärbar.

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