Vor 50 Jahren

„Parke im Kino“: Die Geschichte des Autokinos Wattenscheid

Auf der asphaltierten Fläche des Wattenscheider Autokinos fanden zwischen 1969 und Mitte der 1980er bis zu 1000 Pkw einen Stellplatz.

Auf der asphaltierten Fläche des Wattenscheider Autokinos fanden zwischen 1969 und Mitte der 1980er bis zu 1000 Pkw einen Stellplatz.

Foto: Stadt Bochum

Wattenscheid.  Ab 3,50 Mark war man dabei: Aus tausend Pkw blickten in den 60er- bis 80er-Jahren Filmfans auf die Leinwand. So war es im Autokino Wattenscheid.

Was zunächst mit zahlreichen technisch bedingten Bruchlandungen beginnt, legt doch noch einen perfekten Senkrechtstart hin. „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ sind die Garanten einer gelungenen Premiere. Sie heben am 23. Oktober 1969 ab – als Startbahn dient die gigantische Leinwand des Autokinos im Süden Wattenscheids.

Sie stoßen damit vor einem halben Jahrhundert in Dimensionen vor, die jedes normale Lichtspielhaus bei weitem übertrumpfen. Das Drehbuch für den Bau der Anlage zwischen Otto- und Metternichstraße schreibt die Düsseldorfer Ufa Theater AG. Die „Gage“ für das Projekt ist gewaltig, die Wattenscheider Zeitung nennt 2,5 Millionen D-Mark als Gesamtsumme. Der Standort ist optimal, liegt er doch direkt am Ruhrschnellweg, der heutigen A40.

35 mal 15 Meter Leinwand mit bis zu 1000 Parkplätzen

Die Ausstattung des Kinos mitten im Grünenerinnert stark an den Aufwand für einen Monumentalfilm. Vor der riesigen Leinwand im Superformat von 35 mal 15 Metern finden bis zu 1000 Pkw einen Logenplatz, heißt es in alten Zeitungsberichten. Der Parkraum ist so konstruiert, dass es zu keinen Sichtbehinderungen kommt. Der Werbeslogan für mobile Cineasten lautet augenzwinkernd: „Mach’ dir ein paar schöne Stunden – parke im Kino.“ Jeder Filmfreund ist zunächst mit 3,50 Mark dabei. Und darf sich zusätzlich auf einen Service ganz nach amerikanischem Vorbild freuen. In den USA sind Autokinos längst ein Hit – und bieten mehr als sprichwörtlich großes Kino.

An jedem Standplatz im Wattenscheider Autokino hängen Lautsprecher und Heizlüfter an Säulen. Eine Snackbar lässt keine Wünsche offen. Es geht aber im Autokino auch ganz standesgemäß über die Bühne. Da genügt ein Druck auf’s Knöpfchen an der Säule und die Bedienung macht sich auf den Weg. Den legt sie flugs auf Rollschuhen zurück und liefert Getränke, Snacks oder Süßigkeiten.

Um 21.30 Uhr begann sich das Kino zu füllen

Im Sommer 1977 laufen bei dem „Internationalen Farbfilm-Festival“ Streifen wie „Der Schläfer“ mit Woody Allen und „Rocky“ mit Sylvester Stallone. Das herkömmliche Programm im August 1977 zeigt neben aktuellen und älteren Filmen wie „Denn sie wissen nicht was sie tun“ mit James Dean und „Spiel mir das Lied vom Tod“ die so genannten „Hauruck“-Filme mit Bud Spencer und Terence Hill und den elften Teil des lüsternen „Hausmädchen-Reports“.

Für Familien mit Kindern werden besonders in den Ferien Disney-Zeichentrickfilme gezeigt, die sich großer Beliebtheit erfreuten. An normalen Abenden, gegen 21.30 Uhr, beginnt sich der Kinoplatz langsam mit Autos zu füllen, bevor um 22 Uhr die Abendvorstellung los geht. Erst um 23.15 Uhr lief z.B. 1971 „Variationen der Liebe, 2. Teil“ oder „Teufelstanz in Tokio“. Das Prozedere bei der Einfahrt bis hin zur Autologe unterliegt einer strengen Ordnung, schließlich gilt es auch auf dem Kinoplatz Verkehrs- und Verhaltensregeln einzuhalten.

Mitte der 1980er-Jahre ist Schluss

WAT ist neben Essen und GE-Buer einer von drei Autokino-Standorten im Ruhrgebiet. Bis Mitte der 1980er Jahre blendet das Wattenscheider Autokino auf, der Spielbetrieb endet zuletzt im überschaubaren Format. In Zelten, die jeweils Platz für einen Wagen boten, stehen nur noch Fernsehgeräte. Die dort gezeigten Streifen zählen zu jenen Werken, die offiziell keiner kennt geschweige denn guckt.

Die imposante Leinwand ist als Landmarke längst von der Bildfläche verschwunden, das Areal erlebt einige Jahre nach dem Fall der letzten Klappe ein Comeback als renaturierte Fläche .

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