Gedenken

123 Stolpersteine halten nun in Wesel die Erinnerung wach

Ein rotes Band eint Teilnehmer bei der Stolpersteinverlegung am ehemaligen Wohnhaus der Familie Frankfurter an der Wilhelmstraße 12

Ein rotes Band eint Teilnehmer bei der Stolpersteinverlegung am ehemaligen Wohnhaus der Familie Frankfurter an der Wilhelmstraße 12

Foto: Erwin Pottgiesser

Wesel.   Mit den frisch verlegten 20 Gedenksteinen liegen nun 123 Exemplare in Wesel. Erstmals wurde für einen psychisch Kranken nun ein Stein eingesetzt

„Jüdische Mitbürger sind aus dem Leben Wesels verschwunden, aus der Weseler Mitte gerissen worden. Die Stolpersteine halten diese Erinnerung wach“, sagte Bürgermeisterin Ulrike Westkamp gestern früh vor der Hausnummer 12 in der Wilhelmstraße, ehe Künstler Gunter Demnig fünf Gedenksteine im Bürgersteig verlegte. Hier lebte die jüdische Familie Frankfurter, an die Heranwachsende der Evangelischen Jugendgruppe ausführlich erinnerten: Der 1876 in Wesel geborene Julius Frankfurter war Fotograf und hatte sein Fotostudio auf der Hohen Straße.

Er war verheiratet mit Frieda. Zusammen hatte das Paar drei Kinder: Friederike Edith (Jahrgang 1905), Kurt (*1906) sowie Simon Werner (*1915). Während das Schicksal von Vater Julius und Tochter Friederike Edith unbekannt ist, weiß man, dass Kurt nach Palästina und seine Mutter sowie Simon Werner in die USA flüchteten.

Ein kurzes Schauspiel von Jugendlichen, bei dem ein schwarzes Tuch symbolisch die verfolgte Familie „überschattete“, animierte dazu, nicht wegzuschauen, sondern sich für Vielfalt einzusetzen.

Genau hinzuschauen bei der Verfolgung von Minderheiten und Antisemitismus sei in der heutigen zeit „wichtiger denn je“, betonte auch die Bürgermeisterin in ihrer Ansprache. Ulrike Westkamp stand gemeinsam mit anderen während des Gedenkens in einem breiten roten Band. Dieses symbolisiert, dass man gemeinsam und aktiv der von den Nationalsozialisten Verfolgten gedenken müsse.

Gedenken für psychisch Kranken aus Obrighoven

„Erstmals wird in diesem Jahr auch ein Stolperstein für ein T4-Opfer, einen psychisch kranken Obrighovener, verlegt“, betonte Ulrike Westkamp. Dies geschah in der Straße Kiek in den Busch, Nummer 12/14: Hier wohnte Gerhard Lenzen mit seiner Familie – er wurde am 6. März 1940 im Alter von 44 Jahren ermordet.

In der Friedrichstraße 16 lebte seit 1903 Rebekka Scherbel mit ihren beiden Töchtern Selma und Ilse. Mit ihrem späteren Ehemann Julius führte sie in der Brückstraße das Haushaltswarengeschäft „Riesenbasar Scherbel.“ Im Jahr 1942 wurde Rebekka Scherbel nach Theresienstadt deportiert und dort umgebracht. Seit gestern erinnern hier nun drei Stolpersteine an Familie Scherbel.

In der Poppelbaumstraße wurden Gedenksteine an den beiden Häusern Nummer 14 und 26 verlegt: Einerseits für Isidor Isaak Rosenbaum, der im Jahr 1942 in Auschwitz ums Leben kam. Außerdem wird hier jetzt an das Ehepaar Hanna und Carl Friedenberg erinnert, das im holländischen Untergrund überlebte und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder nach Wesel zog.

Deportiert und ermordet – geflüchtet oder vermisst

An der Flemmingstraße 5 lebte die Familie von Hugo Branden­stein. Mit seiner Frau Margarete Brandenstein-Zaudy führte er ein renommiertes Fachgeschäft für Innendekoration, das in der Pogromnacht zerstört wurde. Aus ihrer Ehe gingen die Töchter Nelly-Irene und Charlotte-Luise hervor. Im selben Haus wohnte Margaretes Freundin, die als Erzieherin für die Mädchen nach Wesel gekommene Martha Benjamin, deren Spur sich 1941 in Auschwitz verliert.

Hugo Brandenstein wurde 1942 nach Treblinka deportiert und ermordet. Seine Töchter retteten ihr Leben durch ihre Flucht 1937 und 1939 in die USA und nach England.

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