Bombenfund

Bomben-Entschärfung in Wesel dauerte nur eine halbe Stunde

Frank Höpp hat die Bombe in Wesel am Mittwoch erfolgreich entschärft.

Frank Höpp hat die Bombe in Wesel am Mittwoch erfolgreich entschärft.

Wesel.   Die Zehn-Zentner-Bombe ist am Mittwoch in Wesel erfolgreich entschärft worden. In der Innenstadt waren zeitweise viele Straßen gesperrt.

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Gegen halb zwei ist es schon merklich leerer geworden zwischen dem Großen Markt und dem Kaufhof. Ein Ehepaar steht erstaunt vor der verschlossenen Tür eines Brillengeschäfts – die beiden kommen aus Oberhausen und haben nichts mitbekommen von der Bombenentschärfung an der Kreuzstraße. „Dann fahren wir jetzt schnell nach Hause“, sagen sie, als sie erfahren, dass ab 14.30 Uhr viele Straßen in der Innenstadt, darunter die B 8, die B 58 und sogar die Rheinbrücke gesperrt sind. In der City herrscht am Mittwoch Ausnahmezustand: Geschäfte schließen ab 13 oder 14 Uhr, Schulen schicken die Kinder nach Hause, 5700 Menschen werden aufgefordert, Wohnungen und Arbeitsplätze zu verlassen.

„Eine logistische Herausforderung“, beschreibt Swen Coralic von der Stadt die Vorbereitungen für die Entschärfung der Zehn-Zentner-Bombe. Ein Blindgänger in dieser Größe mitten in der Stadt – das hat es zuletzt vor 18 Jahren gegeben. Im einem Sitzungssaal haben die Einsätzkräfte ihre Lagezentrum eingerichtet. Die Verantwortlichen von Stadt, Polizei und Feuerwehr koordinieren von hier aus die Vorbereitungen für die Räumung der City, an der rund 300 Kräfte beteiligt sind. Rund 90 Polizisten zum Beispiel, die die Straßen im Radius von 1000 Metern um die Fundstelle absperren. Ebenso 130 Weseler Feuerwehrleute plus Hilfe durch Kollegen der Freiwilligen Wehren im Kreis.

Mehr als 13 .000 Personen sind von den Maßnahmen tangiert

Schon vor 14 Uhr fahren Feuerwehrwagen durch die Innenstadt und forderten die Menschen auf, die Zone zu verlassen. Stadtauswärts schieben sich die Autoschlangen – wer kann, macht früh Feierabend. Im äußeren Ring sollen die Anwohner in geschlossenen Räumen bleiben. Mehr als 13 .000 Personen sind von den Maßnahmen tangiert. „Das schwierigste ist es, die Menschen aus den Häusern zu holen“, erläutert Swen Coralic. Städtische Mitarbeiter und Polizei kontrollieren den inneren Ring.

An der Kreuzstraße laufen derweil die Vorbereitungen für die Entschärfung. In Richtung Marien-Hospital bilden fünf mit Wasser gefüllte Container eine Splitterschutzwand – so kann die Evakuierung des Krankenhauses vermieden werden.

Kampfmittelbeseitigungsteam macht pünktlich sich an die Arbeit

Die Räumung des Gefahrenbereiches verläuft diesmal glatt – kurz nach 15 Uhr können sich Frank Töpp, Thomas Kiefer und Martin Ochmann vom Kampfmittelbeseitigungsteam Düsseldorf an die Arbeit machen. Zuvor schon hatten sie den Heckzünder der Fliegerbombe mit Rostlöser immer wieder eingesprüht.

„Der Heckaufschlagzünder ist ein mechanisches Bauteil“, erklärt Thomas Kiefer. „Je nachdem wie der Schlagbolzen nach unten rauscht, löst er im Regelfall die Zündung aus. Wir wissen nie, wo die Zündkette unterbrochen war. Das ist das Risiko.“ Dieses Mal lässt er sich leicht auseinanderschrauben. Um 15.35 Uhr ertönt schon der Sirenenton. Vier Minuten zuvor hatten die Experten die Bombe unschädlich gemacht und Thomas Pieper sofort seiner Frau „Entwarnung“ geschrieben. Wäre der Einsatz misslungen, „dann wären von uns nur noch die Schuhe übrig geblieben“, so Pieper, vom großen Sachschaden ganz zu schweigen.

Auch Marien-Hospital ist von den Maßnahmen betroffen

Karl-Ferdinand von Fürstenberg atmete entspannt durch. Kurz nach 12 Uhr am Mittag sind bereits alle Patienten im Marien-Hospital verlegt, besser gesagt auf Stationen verschoben worden, die nicht in den Bereich der inneren Sicherheitszone fallen.

Am Vortag schon wurden Operationen verschoben, denn auch der Zentral-OP liegt im zu räumenden Gebäudetrakt. Der stellvertretende Geschäftsführer war erfreut, wie gut die Zusammenarbeit mit der Stadt klappt: „Man merkt, dass die Stadt so etwas nicht zum ersten Mal macht.“ 18 Stunden vor dem Evakuierungszeitpunkt herrschte Aufnahmestopp für die entsprechenden Stationen. Betroffen waren zwei Geriatrie-Abteilungen, von der eine von der Kardiologie belegt ist, sowie die Stationen der Unfallchirurgie und Intensivmedizin. Da ist es von Vorteil, dass momentan die neuen Stationen kurz vor dem Bezug stehen, nun aber gut als Notunterbringung genutzt werden konnten. Auch die acht Patienten der Intensivstation wurden auf die andere Gebäudeseite verlegt, wo die entsprechende Notfallversorgung vorgehalten wurde.

Marien-Hospital: Keine Operationen, die nicht aufschiebbar waren

Der Verwaltungstrakt musste komplett geräumt werden, auch die Cafeteria blieb geschlossen. „Dafür haben wir einen Sammelraum für diejenigen eingerichtet, die im Haus bleiben müssen, also zum Beispiel unsere Pflegekräfte“, erklärte von Fürstenberg. Das alles hat das Haus in Eigenleistung geschultert. Glücklicherweise standen keine Operationen auf einem späteren OP-Plan, die nicht aufschiebbar gewesen wären und eine Verlegung in ein anderes Krankenhaus notwendig gemacht hätten.

Rund 170 Personen aus der Sperrzone hielten sich bis zur Entschärfung in der Rundsporthalle auf, die mit PVC-Matten vorsorglich ausgelegt wurde. Tische und Bänke waren von Einsatzkräften des Deutschen Roten Kreuzes und der Malteser aufgebaut worden, eine Cafeteria wurde mit Snacks und Getränken bestückt und Spiele für Kinder, Malbücher und Kartenspiele für die Erwachsene angeboten.

Bettlägrige Personen wurden im separaten Raum untergebracht

27 Personen wurden liegend transportiert. Zuvor hatten Einsatzwagen und zwei Personentransportzüge aus dem Kreis Kleve und aus Oberhausen nicht mobile Bewohner aus ihren Wohnungen abgeholt und zur Rundsporthalle gefahren. Es sei traurig gewesen zu sehen, wie viele Menschen, die nicht mehr laufen können, in oberen Etagen lebten, ohne die Treppen hinunter zu gelangen, berichtete Christoph Hegering, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Wesel, von dem Einsatz. Vielleicht war für sie die Evakuierung ein seltener Ausflug.

Für bettlägerige Bewohner wurde ein separater Raum in der Rundsporthalle eingerichtet. Insgesamt 100 pflegende Einsatzkräfte hielten sich hier auf. Monika Janßen war mit ihrem Elektro-Scooter von der Dresdener Straße zur Rundsporthalle gefahren. Sie stammt aus Chemnitz. Als sie 1956 in den Westen kam, war die erste Station ein Durchgangslager. „Das hier erinnert mich daran“, sagte die 78-Jährige und blickte sich in der Rundsporthalle um. Doch hier traf sie am Mittwoch viele Nachbarn. Und Lob gab es für alle Helfer und Einsatzkräfte.

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