Selbstbestimmtes Leben

Das Weseler Projekt für betreutes Wohnen ist gefährdet

Der äußere EIndruck des Wohnprojekts an der Doelenstraße ist verheerend.

Foto: Lars Fröhlich

Der äußere EIndruck des Wohnprojekts an der Doelenstraße ist verheerend. Foto: Lars Fröhlich

Wesel.   Die Appartments an der Doelenstraße weisen Baumängel auf. Die Nutzungsgenehmigung der Stadt ist nur vorläufig und die Beschwerdeliste ist lang.

Für Wiebke Argo ist es schwer mit fremden Menschen zusammen zu wohnen, das erste Mal ohne die Mutter und den Vater. Mit acht anderen Personen jeden Montag im Gemeinschaftsraum darüber zu diskutieren, ob vielleicht ein Bild aufgehängt wird, wo die Couch stehen soll, wie groß der Fernseher sein darf.

Die 21-Jährige ist behindert, sitzt im Rollstuhl. Sie benötigt dauerhaft, das heißt 24 Stunden am Tag, Unterstützung. In der Doelenstraße hat sie die Möglichkeit trotz dieser schwierigen Umstände ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein Problem dabei: Das Gebäude, in dem die junge Frau lebt, wird einfach nicht fertig und gefährdet somit dieses Wohnprojekt existenziell.

Das Projekt fing vielversprechend an

Dabei fing alles ganz vielversprechend an, erzählt Marc Lichte, der Vorsitzende der BetreuWo-Wesel, die die Betreuung der Bewohner übernimmt und das Projekt überhaupt erst ermöglicht. Oude Luttikhuis von der Firma Lister Tor Immobilien, ansässig in Meerbusch, sei auf den Verein zugekommen und habe gefragt, ob in dem Gebäude auf der Doelenstraße nicht ein betreutes Wohnprojekt entstehen könne. „Die Lage ist optimal, weil die Nähe der Fußgängerzone den Bewohnern viel besser die Integration in die Gesellschaft ermöglicht“, erklärt die pädagogische Leiterin der BetreuWo, Birgit Melchers: „So ein Objekt finden Sie nicht häufig!“

Neun Personen leben zur Zeit in kleinen Einzimmer-Appartements mit eigener Küchenzeile und Badezimmer in der Wohngemeinschaft, davon eine Bewohnerin im ersten Stock. Elf Wohnräume sollten eigentlich entstehen; die Genehmigung für zwei Wohnungen fehlt noch, gebaut werden darf zur Zeit nicht. Vor dem Gebäude steht ein Container, an der Seitenwand hängt immer noch ein Schild mit der Aufschrift „Nido“, dem Restaurant, das vorher an der Doelenstraße zuhause war. Eine Bewohnerin hat eine Außenrampe zu ihrem Zimmer, das Geländer ist nur provisorisch aus Pressholz gebaut worden. Eigentlich, so die Auflage des Bauamts, soll es aus Metall sein. An vielen Stellen der Fassade bröckelt der Putz ab, Kabel hängen frei, der Bauschaum quillt aus den Fensterrändern.

Gewohnte Gemeinschaft erleben ist wichtig

Jetzt könnten diese Mängel als optische Kleinigkeit bezeichnet werden, doch zu den anfänglichen Ambitionen des Investors, Lister Immobilien, passt das nicht so recht, wie Marc Lichte bestätigt: „Der Eigentümer hat extra einen Flur verlegen lassen, nur damit ein Bewohner nicht zufällig auf den Postboten oder auf andere fremde Personen trifft.“ Der Bewohner sei im Umgang mit Fremden überfordert und hatte eigentlich einen eigenen Außeneingang. Der Flur sei jetzt ein Schutzbereich. So wie viele Bewohner sich beschützt fühlen und eigentlich nicht mehr umziehen wollen. Auch, weil sie die schwierige Situation miteinander zu leben mittlerweile als gewohnte Gemeinschaft schätzen. Eine neue Wohnsituation würde die Mieter überfordern, weil sie sich an neue Dinge nur langsam gewöhnen.

Genau das kann aber auf die Mieter zukommen, wenn der Eigentümer nicht die Auflagen der Stadt erfüllt. „Zur Zeit besteht ein vorzeitiges Nutzungsrecht“, sagt Lichte. Das bedeutet, der Bau selbst ist noch gar nicht abgenommen. Das Bauamt kann in diesem Fall an das vorzeitige Nutzungsrecht Bedingungen knüpfen. Für den Vermieter bedeutet das aktuell auch den Austausch der Fenster, die gehen nämlich nur nach außen auf und sind somit für die Mieter, die zum Teil im Rollstuhl sitzen, gar nicht nutzbar. Lichte telefoniert zwischenzeitlich drei Mal die Woche mit Luttikhuis, der in den Niederlanden lebt. Es gebe wohl Probleme mit Firmen, die manche Mängel, wie zum Beispiel die Fenster, verursacht hätten. „Der Vermieter will diese Firmen deshalb nicht bezahlen, dadurch verzögert sich Vieles“, erklären die beiden Vorsitzenden von Betreuwo.

Der Verein ist nur der Betreuer der Mieter

Das Problem für den Verein - sie können nichts tun: „Mieter sind die Bewohner, die wir betreuen, der Investor ist Bauherr. Wir können höchstens vermitteln“. Und das versuchen sie nach eigener Aussage schon die ganze Zeit. Wenn sich am Bau nichts ändert und die Mängel nicht behoben werden, kann die Stadtverwaltung eine Geldstrafe verhängen. Im schlimmsten Fall entfällt das vorzeitige Nutzungsrecht. Die Wohngemeinschaft müsste dann ausziehen und würde wahrscheinlich so schnell in so einer Lage nichts Neues finden.

Die neuen Fenster zumindest sollen bis zum 1. Juni da sein. Lichte und Melchers bleiben aber skeptisch, ob das klappt. Eine Lieferbestätigung haben sie jedenfalls noch nicht.

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