Straßenserie

Die Kinder von der Ziegenstraße in Wesel-Büderich

Willi Scholten vor seinem Elternhaus in Wesel - Büderich, auf dem Stück der Pastor-Bergmann-Straße, das im Volksmund Ziegenstraße genannt wurde.

Foto: Markus Weissenfels

Willi Scholten vor seinem Elternhaus in Wesel - Büderich, auf dem Stück der Pastor-Bergmann-Straße, das im Volksmund Ziegenstraße genannt wurde. Foto: Markus Weissenfels

Wesel.   Die Pastor-Bergmann-Straße in Büderich hatte schon einige Namen. Ein Teil der Straße war bekannt für die Ziegen, die aus den Fenstern schauten.

„Es gab ja keinen Supermarkt, keine Kühlschränke, kein Strom in Büderich“, erzählt Willi Scholten. Er spricht von 1942, Scholten war da gerade einmal sechs Jahre alt und die Bewohner von Büderich fuhren nicht einfach so zum Einkaufen. Die Leute mussten sich eben selbst versorgen.

Und so kam es, dass jede Familie zumindest ein Schwein gehabt habe. Allerdings, erzählt der 82-Jährige gebürtige Büdericher, habe es auf der damals nördlichen Friedrichstraße besonders viele Familien mit Ziegen und Schafen gegeben. „Wir waren ja alles einfache Leute. Die Ziegen und Schafe konnten wir dann melken“, erklärt Scholten.

Die meisten Bürger seien keine Bauern gewesen, man habe nur so viele Tiere gehabt, wie man selbst brauchte. Entsprechend hätten die meisten Büdericher auch keine großen Felder gehabt, auf denen die Tiere untergebracht wurden, sondern hielten ihre Tiere im Garten und im Haus.

Oft gab es Hochwasser in Büderich

Da Büderich schon seit dem 19. Jahrhundert regelmäßig von Hochwasser überschwemmt wurde, bauten die Einwohner in ihren Häusern einen extra Raum: „Die Obkammer war zirka ein Meter höher als das restliche Erdgeschoss“, erklärt Willi Scholten. Wenn das nächste Hochwasser kam, retteten sich alle, inklusive der Ziegen und Schafe, in die Schutzkammer oder nach oben ins Dachgeschoss.

Schon beim Hochwasser 1926 soll deshalb eine Ziege aus einem der Dachfenster geschaut haben, berichtet Hermann Norff, der ebenfalls aus Büderich stammt. Aus diesem Grund sei die Straße fortan im Volksmund in „Ziegenstraße“ umgetauft worden, natürlich auf Plattdeutsch „Zegestroot“.

Die Straße war ein Makel

Willi Scholten erinnert sich genau, auch damals noch, gut 20 Jahre nachdem die Ziegenstraße ihren Namen bekam, sollen immer mal einige der Paarhufer ihre Köpfe aus den schmalen Dachluken gestreckt haben.

Damals, in seiner Schulzeit, seien er und die anderen Kinder dafür gehänselt worden auf der Ziegenstraße zu wohnen. „Das war ein ganz schöner Makel, wir wurden oft ausgelacht“, sagt Scholten. In Büderich sei die Ziegenstraße bekannt gewesen, zwischen Nachbarschaftspumpe und der nächsten Kreuzung.

„Dabei war die Friedrichstraße ja viel länger, aber hier haben sich die Ziegen so gesammelt“, das Elternhaus von Scholten steht immer noch am selben Platz. Heute kenne kaum noch jemand die Geschichte des kleinen Weges, der Teil der heutigen Pastor-Bergmann-Straße ist.

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