Justiz

Gerichtsvollzieher in Wesel: Manchmal pfändet er auch Pferde

Gerichtsvollzieher Dieter Schneider feierte jetzt sein 50-jähriges Dienstjubiläum beim Amtsgericht Wesel: Hier an seiner ersten Dienststelle am alten Amtsgericht an der Ritterstraße begann im Jahr 1969 sein beruflicher Werdegang.

Gerichtsvollzieher Dieter Schneider feierte jetzt sein 50-jähriges Dienstjubiläum beim Amtsgericht Wesel: Hier an seiner ersten Dienststelle am alten Amtsgericht an der Ritterstraße begann im Jahr 1969 sein beruflicher Werdegang.

Foto: Erwin Pottgiesser / FFS

Wesel.  Dieter Schneider vollstreckt Forderungen, teils sind ihm dabei kuriose Dinge passiert. Jetzt feierte er sein 50-jähriges Dienstjubiläum.

Vom ersten Tag seiner Ausbildung zum Justizangestellten im August 1969 an war Dieter Schneider klar: „Ich möchte Gerichtsvollzieher werden.“ Viele seiner Ausbilder hätten ihm zunächst skeptisch gesagt, das sei ein langer Weg.

Doch der gebürtige Mehrhooger blieb konsequent bei seinem Berufsziel und durfte sogar zwei Jahre eher als üblich als Gerichtsvollzieher arbeiten: Dank einer Ausnahmegenehmigung des damaligen NRW-Justizministers Diether Posser, denn Schneider war mit 25 Jahren eigentlich noch zwei Jahre zu jung für diese Tätigkeit.

Am 1. Oktober 1979 war es dann soweit: Dieter Schneider, mittlerweile in Diersfordt beheimatet, wurde „Beauftragter Gerichtsvollzieher“. Zunächst in Duisburg-Ruhrort, ab 1980 dann in Wesel. „Wir treiben Privatforderungen bei und nehmen Vermögensauskünfte ab, früher eidesstattliche Versicherung genannt“, erklärt Schneider seine Tätigkeit, die auch aus Pfändungen besteht, um den Gläubigern möglichst ihr zustehendes Geld zurückzugeben.

Computer mit 1 GB Speicher galt als wertvoll

Im Laufe der vielen Jahrzehnte hat Dieter Schneider schon kuriose, teils skurrile Dinge erlebt. An seine erste Pfändung erinnert sich der heute 65-Jährige noch: „Das war 1980 in Duisburg. Bei einer Firma haben wir einen Computer samt Monitor gepfändet. Der Rechner verteilte sich auf zwei Räume, hatte für damalige Verhältnisse unvorstellbare 1 GB Speicher. In dieser Zeit nahm er häufig VHS-Video-Rekorder mit und versteigerte sie zugunsten der Gläubiger. „Die waren etwa 1000 Mark wert“, so der Gerichtsvollzieher.

Ein Schulder versuchte in den 80er Jahren besonders clever zu sein: Dieter Schneider hatte in Mehrhoog einen Wohnwagen im Wert von 1800 DM gepfändet, weil der Besitzer Schulden von 500 DM bei einer Firma nicht bezahlt hatte.

Die Versteigerung der Wohnwagens war schon geplant. „Wenn der Schuldner bis zur Versteigerung die Zahlung leistet, wird die Versteigerung natürlich abgesagt“, erläutert der Gerichtsvollzieher.

Als Beweis galt damals die Vorlage eines Überweisungsbelegs mit der entsprechenden Summe ans Gericht. In jenen Fall kam der Wohnwagenbesitzer zwei Tage vor dem Versteigerungstermin mit einem Überweisungsbeleg, auf dem die Summe 500 DM eingetragen war.

Wenige Tage später wunderte sich Schneider, dass aber nur 5 DM auf dem Gerichtskonto eingegangen waren. Nachprüfungen ergaben, dass der Mehrhooger einfach an die Ziffer 5 noch zwei Nullen auf dem Überweisungsträger angehängt und diesen dann dem Gericht vorgelegt hatte. Folge: Sein Wohnwagen wurde zwei Wochen später versteigert und gegen ihn wurde zudem ein Strafverfahren wegen Urkundenfälschung eingeleitet.

Eine „Rolex“ war quasi nichts Wert

40 Schweine sollte Dieter Schneider einst in Gahlen pfänden. Doch daraus wurde nichts: Als der Gerichtsvollzieher auf den Hof ankam, waren die Sauen bereits auf dem Weg zum Schlachter. Erfolgreicher war der Diersfordter dagegen in Hünxe, wo er zwei Turnierpferde mitnahm und sie – über eine Anzeige in der NRZ – versteigerte. Pro Pferd trieb er 2500 DM ein. „Mit dem Käufer musste ich nach der Versteigerung – wie dies unter Bauern so üblich ist – noch Schnaps trinken, dagegen konnte ich mich nicht wehren“, berichtet er schmunzelnd.

Einmal lag Schneider auch richtig daneben: In Wesel suchte er in einer Wohnung nach Wertvollem und entdeckte eine besondere Uhr. „Ich dachte, diese Rolex ist sicher zwischen 800 und 1500 DM Wert“, erzählt der Gerichtsvollzieher, der das Exemplar dann seinem Nachbarn, einem Goldschmied zeigte, der sofort abwinkte: „Vergiss es, das ist eine billige Nachbildung aus Thailand, die ist höchstens 20 DM wert.“

Streit um läppische 21 Pfennig

Seltsam war auch die Forderung eines Rechtsanwalts aus Wesel, der in der 80er Jahren den Gerichtsvollzieher einschaltete, um 21 Pfennig einzutreiben, weil sein Mandant eine Rechnung einen Tag zu spät beglichen habe. „Ich habe die Forderungsaufstellung überprüft und festgestellt, dass dem Anwalt sogar 26 Mark zu viel bezahlt wurden“, erinnert sich Schneider heute noch.

Sehr ungewöhnlich war auch ein Fall aus Hünxe: „Die Mutter einer Roma-Familie wurde immer wieder schwanger und hat die Kinder verkauft. Nach der nächsten Geburt mussten wir ihr das drei Monate alte Kind wegnehmen und haben es dem Jugendamt übergeben.“ Der 65-jährige sagt heute über diesen Fall aus den 80er Jahren: „Das war zwar unangenehm, aber richtig!“

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