Geschichte

Gruben unter der Büdericher Umgehung

Archäologe Ulrich Ocklenburg gestern bei der Arbeit. Hier ist Befund 352 an der Reihe, eine frühere Grube, in der Kriegsgefangene Schutz suchten. Fotos: Markus Joosten

Archäologe Ulrich Ocklenburg gestern bei der Arbeit. Hier ist Befund 352 an der Reihe, eine frühere Grube, in der Kriegsgefangene Schutz suchten. Fotos: Markus Joosten

Foto: WAZ FotoPool

Wesel.   Archäologen beschäftigen sich mit den Spuren des Kriegsgefangenenlagers und dokumentieren sie.

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Die Büdericher Umgehungsstraße nimmt immer mehr Form an. Nicht nur, dass die Brückenbauwerke weithin sichtbar sind, auch der Straßenverlauf lässt sich nun leicht nachvollziehen. Zwei, die zwischen Baggern und Erdschichten arbeiten, haben mit dem Bauwerk allerdings nichts zu tun: Archäologe Ulrich Ocklenburg und Archäologiestudent Falko Busch. Seit vier Wochen ist der Archäologe aus Essen zusammen mit bis zu fünf Kollegen immer wieder vor Ort, um das eingetragene Bodendenkmal zu erfassen und für die Nachwelt festzuhalten. Schließlich war hier von April bis Juni 1945 ein riesiges Kriegsgefangenenlager.

Die Gruben, die sich die Gefangenen als Schutz vor Regen und Kälte schufen, lassen sich auch heute noch genau erkennen. Ocklenburg und Busch haben sie deutlich abgegrenzt und fotografieren sie. Unterschiedliche Farbschichten im Erdreich zeigen, wie die Löcher angeordnet waren. Mal haben sie einen welligen Rand, weil die Menschen mit bloßen Händen gruben, mal sind sie ganz exakt abgestochen, was wiederum darauf hindeutet, dass sie einen Spaten oder eine Schaufel zur Verfügung hatten.

Ulrich Ocklenburg weiß von einer großen Straße, die mitten durch das Gefangenenlager führte. Daran angelehnt waren die so genannten Cages (Käfige) in einer Größe von 300 mal 300 Meter. Acht Stück habe es davon gegeben, für jeweils 10 000 Mann. Der Ausgang soll sich am heutigen Hotel Bürick befunden haben, der nahe gelegene Bahnanschluss für die Transporte genutzt worden sein.

Immer wieder stoßen die Archäologen bei ihren Untersuchungen auf Reste aus dieser Zeit. Große Dosen, Fischkonservenbehälter, eine Feldflasche, viele Knöpfe und zum Beispiel Zahnpastatuben gehören dazu. Auch Feuerstellen entdecken die Fachleute immer wieder. Hier haben sich die Gefangenen den Inhalt der Dosen erwärmt.

Bevor die Archäologen für die Feinarbeit kamen, wurde mit dem Bagger das Erdreich abgezogen. Jetzt schabt Falko Busch mit einer Schaufel überschüssige Erde zur Seite. Dann erhalten die aufgedeckten Gruben, die manchmal auch mit Teerpappe oder Holzresten ausgekleidet sind, eine Nummer und das Datum des Tages. So werden sie fotografiert und festgehalten. Ocklenburg kartiert anschließend alles, auch mit den richtigen Koordinaten, die die Vermesser genau ermitteln. Ist diese Arbeit abgeschlossen, kann der Bagger wieder anrücken und den Bereich zuschütten.

Das Wetter hatte den Fachleuten zuletzt immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nach heftigem Regen musste des Öfteren von vorn begonnen werden. Und auch pralle Sonne ist nicht gut, so dass die Baufirma extra einen 5000-Liter-Tank mit Wasser aufgestellt hat, aus dem sich die Archäologen bedienen, um die Ausgrabungen feuchtzuhalten.

Mit 400 Befunden rechnet Ulrich Ocklenburg, wenn er hier fertig ist. Der Experte hat sich zuvor im Bereich des Römerlagers am Perricher Weg umgesehen und bereits einen seiner nächsten Aufträge im Blick: das nicht allzu weit entfernte Fort Blücher. Dort gibt es einen Trichter mit Mauern der alten Festung - eine etwas andere Aufgabe als im Bereich des Kriegsgefangenenlagers.

77 000 Menschen imBüdericher Meerfeld

Das Bodendenkmal „Kriegsgefangenenlager Wesel-Büderich“ erstreckt sich etwa anderthalb Kilometer von Nord nach Süd zwischen der Solvaystraße und der Gärtnerei. Es hat eine Breite von 700, 800 Metern, sagt Archäologe Ulrich Ocklenburg. Insgesamt soll das Lager 90 Hektar groß gewesen sein. Die Amerikaner richteten es ein und betrieben es seit dem 20. April 1945 im Büdericher Meerfeld. Ausgelegt war das Lager für 80 000 Menschen, mit 77 000 Kriegsgefangenen soll es belegt gewesen sein, sagt Ocklenburg. Aufgelöst wurde die Stätte am 15. Juni 1945. Zehntausende Gefangene mussten damals den Marsch nach Rheinberg antreten, zum Kriegsgefangenenlager auf dem Annaberg. An das Büdericher Lager erinnert seit 1961 ein Mahnmal mit einem Hochkreuz und einer Tafel. Sie trägt die Inschrift: „Mahnmal der Erinnerung an das Kriegsgefangenenlager Büderich 1945“.

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