Vereinigte Landsmannschaften

Heimatstube in Wesel wird geschlossen

Gisela Stelzer vor einer Wandkarte mit dem ehemaligen deutschen Osten - in der Heimatstube am Kaiserring. Zum Jahresende ist hier Schluss.

Gisela Stelzer vor einer Wandkarte mit dem ehemaligen deutschen Osten - in der Heimatstube am Kaiserring. Zum Jahresende ist hier Schluss.

Foto: Melanie Koppel / Funke Foto Services GmbH

Wesel.  Mitgliederschwund, Überalterung, leere Vereinskassen: Am 22. September laden die Landmannschaften zum letzten Mal in ihren Treff am Kaiserring.

Längst haben sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nach Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, in Wesel und Umgebung eine neue Heimat gefunden. Doch das fortgeschrittene Alter der Angehörigen der Vertriebenen aus Pommern, Preußen und Schlesien, der massive Mitgliederschwund und die leeren Vereinskassen bedeutet nun das Ende der Vereinigten Landsmannschaften in ihrer angestammten Heimatstube. Zum Jahresende wird die Heimatstube aufgelöst. Am 22. September laden die Landmannschaften beim „69. Tag der Heimat“ zum letzten mal in ihren Treff am Kaiserring.

Räume müssen zum Jahresende frei sein

Gisela Stelzer, seit 1983 die Vorsitzende der Vereinigten Landsmannschaften, macht ein trauriges Gesicht: „Es ist schmerzlich festzustellen, dass wir heute einfach keine Kraft mehr haben, diese Arbeit fortzusetzen“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. In den 1980er Jahren zählte man in Wesel und Umgebung noch mehr als 500 Familien, mit all ihren Kindern und Anverwandten, die allesamt Mitglieder in den verschiedenen Landsmannschaften waren: die Pommern, die Ost- und Westpreußen, die Nieder-und Oberschlesier – zusammen geschätzte 2000 Menschen. Stelzer: „Heute zählen wir vielleicht noch knapp 150 meist alte Menschen, von denen keiner mehr die nötige Kraft hat, diese Verbandsarbeit noch sehr lange weiterzuführen.“ Auch in der Vereinskasse herrscht eher Ebbe, weswegen es jetzt nicht mehr möglich sein wird, die bereits mehrfach gesenkte Miete der Heimatstube am Kaiserring (Vermieter ist der Bauverein) noch zu zahlen. Zum Jahresende 2019 müssen die Räume freigezogen sein. Auszug und notwendige Renovierung der Räume bereiten den Verantwortlichen aber jetzt noch erhebliches Kopfzerbrechen.

In den Stadtrat gewählt

Vor genau 20 Jahren drohte der Weseler Gruppe des Bundes der Vertriebenen schon einmal der Verlust der Heimatstube: Die Stadt Wesel hatte damals die Immobilie an den städtischen Bauverein verkauft; dieser hatte den Landsmannschaften prompt gekündigt und die Räume dann wieder zu deutlich erhöhten Tarifen zur Miete angeboten. Stelzer: „Wir waren damals geschockt und wütend.“ Schließlich habe die Politik aber ein Einsehen gehabt und zurückgezogen.

Das sei für sie aber der Moment der Politisierung gewesen, erzählt die 75-Jährige heute. Sie habe sich der CDU angeschlossen und in Obrighoven für den Stadtrat kandidiert; sie ist direkt gewählt und dreimal wiedergewählt worden. „Ich habe mich dann auch in den Aufsichtsrat des Bauvereines wählen lassen, weil ich doch sehr gerne einmal hinter diese Kulissen blicken wollte.“ Der Erkenntnisgewinn sei aber doch eher gering gewesen, stellt sie heute schelmisch fest.

Schränke noch voll mit Trachten

Mittlerweile ist ihr Zorn verraucht und dieser Kampf ist längst vorüber. 2014 ist sie wieder aus dem Rat ausgeschieden. Nun muss die geborene Rheinländerin, die mit Hartmut Stelzer einen waschechten Schlesier geheiratet hatte, schrittweise ihre eigene ehrenamtliche Arbeit, unter anderem Jugendarbeit, abwickeln. „Hunderte von Kindern und Jugendliche haben hier in diesen Räumen Theater- und Literaturarbeit gemacht“, erzählt sie. Die Schränke seien noch voll mit Jugendtrachten aus dem Riesengebirge, die zumindest im schlesischen Bunzlau bei einer deutschen Jugendgruppe eine neue Heimat finden werden.

Die Ansprache für ihren letzten Auftritt in der Heimatstube hat Gisela Stelzer bereits geschrieben.

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