Betuwe

Kein Protest ohne Bahnsteigkarte

Im Februar haben Betuwe-Gegner in Mehrhoog schon einmal demonstriert, nun träumt die Bürgerinitiave von einem „Flashmob“.  Foto: Gerd Hermann

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Im Februar haben Betuwe-Gegner in Mehrhoog schon einmal demonstriert, nun träumt die Bürgerinitiave von einem „Flashmob“. Foto: Gerd Hermann Foto: Foto: Gerd Hermann

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Wesel. Wladimir Iljitsch Uljanow hat es gewusst. „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“

Von der Betuwe-Linie zwischen Emmerich und Oberhausen hatte Uljanow, besser bekannt unter dem Kampfnamen Lenin, nichts geahnt. Das Wesen der Deutschen und besonders des Niederrheiners hat er jedoch treffend beschrieben.

Die Versammlung der Bürgerinitiative „Betuwe-Linie – So nicht“ förderte zu Tage, was Lenin vor fast 100 Jahren erkannt hatte. Zumindest würden sich die Weseler eine Zugfahrkarte kaufen, um auf die neuen Pläne von Bundesverkehrsministerium und Bahn zu reagieren. „Flashmob“ nennt sich dies neudeutsch und beinhaltet den Wunsch, mit einer Massendemonstration, den Fahrplan der Bahn durcheinanderzubringen.

Es gärt in der Bürgerinitiative. Die Nachrichten der letzten Tage haben Schriftführerin Hanne Eckhardt „förmlich umgehauen“. Die Angst, dass in Sachen Lärmschutz und Bau eines dritten Gleises „nichts passieren wird“ ist im Haus Blumenkamp greifbar. Die Stimmung unter den knapp 50 Gästen schwankt zwischen Wut, Unsicherheit und Resignation.

„Hören Sie auf zu labern“, fährt Hedwig Weyer den SPD-Landtagsabgeordneten Norbert Meesters an. Der Mehrhooger Anwalt Axel Pansegrau stimmt mit ein. „Wie lange haben wir geredet?“, fragt er die Versammlung. „Waren wir bisher zu brav?“ Noch vielen sei die APO – die außerparlamentarische Opposition – im Gedächtnis. Nun stelle sich die Frage: „Wie kann man Widerstand organisieren?“

Betretenes Schweigen im Saal. Die letzten Nachrichten aus Berlin wecken Horrorszenarien. Das Bauvorhaben wurde von Platz zwei auf 22 runtergestuft. Geschlossene Bahnübergänge und unerträgliche Lärmbelästigung drohen. Ziviler Ungehorsam, wie ihn unlängst Gunhild Sartingen, Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Regionalrates, gefordert hatte, scheint schwer realisierbar. Besonders, wenn ständig die Frage nach den rechtlichen Konsequenzen auftaucht. An Vorbildern, wie Stuttgart 21 und den friedlichen Castor-Protesten im Wendland, mangelt es nicht. Doch wo liegt die „Schmerzgrenze“ des Niederrheiners?

Das Gleis der Demokratie verlassen will der Vorstand der Bürgerinitiative nicht. „Demonstrationen sind in Ordnung, gehen aber nur mit Masse“, fordert Vorsitzender Gert Bork die Gäste zum Zusammenschluss auf. Konkrete Maßnahmen hatte sein Verein kaum zu bieten. Eine Vorschlagsliste mit Einwendungen, die während des Planfeststellungsverfahren eingereicht werden müssen, lag aus. Die Idee dazu existiert bei der Bürgerinitiative seit fast einem Jahr.

So bleibt der dezentrale „Flashmob“ als einzige Möglichkeit, die Öffentlichkeit auf das Betuwe-Problem aufmerksam zu machen. „Die Region muss lauter werden“, sagt Hans-Peter Zabel. „Wir müssen die Blockverdichtung verhindern“, ergänzt Axel Pansegrau. Von Tatendrang ist an diesem Abend jedoch wenig zu spüren. Ohne Bahnsteigkarte traut sich der Niederrheiner noch nicht auf die Schiene zu gehen.

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