Bildung

Lehrer in Wesel sind sich sicher: „Lesen muss Spaß machen“

Lehrerin Anja Horstmann spielt mit Gumma und Müjdat (rechts) ein Lesespiel.

Foto: Markus Weissenfels

Lehrerin Anja Horstmann spielt mit Gumma und Müjdat (rechts) ein Lesespiel.

Wesel.   Leseförderung ist an der Innenstadt-Grundschule ein Schwerpunkt. Lehrerinnen versuchen Begeisterung für die Welt der Buchstaben zu wecken.

Die Schere geht weiter auseinander: Die aktuelle Internationale Grundschul-Leseuntersuchung (kurz Iglu) hat gezeigt, dass es zwar mehr lesestarke Kinder gibt – aber auch mehr leseschwache Mädchen und Jungen. Fast jeder fünfte Viertklässler erreicht im Lesen kein ausreichendes Niveau, besonders wenn Bücher daheim keine große Rolle spielen.

Eine Erfahrung, die auch die Lehrerinnen an der Grundschule Innenstadt machen. „Man merkt, wo viel gelesen wird“, sagt Anja Horstmann, die selbst eine zweite Klasse unterrichtet.

Dabei ist das Interesse an den Buchstaben und Wörtern bei den Kindern groß, stellt sie immer wieder fest. Lesen ist daher ein Förderschwerpunkt – der wichtigste sogar, sagt die Lehrerin: „Wer nicht lesen kann, ist auch in den anderen Fächern aufgeschmissen“. Nicht alles kann die Schule jedoch auffangen. Wichtig ist, dass Eltern helfen, Spaß am Lesen zu wecken.

Wir haben uns am Beispiel der Innenstadtgrundschule die Leseförderung angeschaut. An diesem Nachmittag sitzen sechs Kinder an den beiden Gruppentischen.

„Schreibt auf, was ihr über Katzenpfoten wisst“

In Dreiergruppen üben sie mit Anja Horstmann und ihrer Kollegin Martina Holtmann den Umgang mit Sachtexten.

Das Thema: Katzen. Abschnitt für Abschnitt entziffern sie die Zeilen, suchen für jeden Absatz eine Überschrift, beantworten Fragen zum Inhalt. „Schreibt auf, was ihr über Katzenpfoten wisst“, heißt es darin. Die Kinder grübeln.

Dann hat Lucy eine Idee: „Dass sie spitz sind“, sagt sie. Nur – wie schreibt sich spitz? Anja Horstmann hilft ihr auf die Sprünge: „Sagst du spitz oder spietz?“. Die Zweitklässler sind schon kleine Profis. Aufgabe der Lehrerinnen ist es aber auch, bei den leseschwachen Kindern die Begeisterung für die Welt der Buchstaben zu wecken.

Bei denjenigen, die schon daheim den Umgang mit Büchern geübt haben, fällt das leichter, wissen die Lehrerinnen. Sie haben schnell Erfolgserlebnisse. In der Klasse wird daher selten im Frontalunterricht gearbeitet. Die Kinder lernen im individuellen Tempo. „Während das eine Kind schon im dritten Arbeitsplan ist, ist das andere noch im zweiten“, so Anja Horstmann.

Regelmäßige Förderstunden außerhalb der Klasse gehören in der Innenstadtgrundschule zum Schulalltag – für die Schnelllerner und für die Schwächeren.

Der Stundenplan wurde so umgestellt, dass die Lehrer morgens Zeit für Förderung haben. Oder am Nachmittag in der Lernzeit des offenen Ganztages, den drei Viertel der über 400 Schüler besuchen. In der Innenstadtgrundschule ist die Bandbreite der Fähigkeiten groß – größer als noch vor Jahren, sagt Martina Holtmann.

Es gibt Kinder, die bereits mit einem großen Wissen ankommen, aber auch Schüler aus Flüchtlingsfamilien, in denen kein deutsch gesprochen wird oder Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf.

Für die meisten Kinder, sagen die Lehrerinnen, ist das Lesen wie eine Zauberwelt, die sie entdecken – und an der sie viel Spaß haben. „Sie sind dann ganz stolz“, sagt Anja Horstmann. Für andere ist es eine mühsame Sache, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort zu entschlüsseln. „Es gibt Kinder, für die ist Lesen harte Arbeit“, weiß Martina Holtmann. „Wenn sie zu Hause keine Unterstützung erhalten, vermeiden sie es, zu lesen“. Die Lehrerinnen versuchen, immer wieder Leseanreize zu bieten, Frust beim Lesen abzubauen. „Man muss die Kinder kennen, um zu wissen, was sie interessiert“.

Alles lesen! Auch Backrezepte und Einkaufszettel

Was können die Eltern tun? Ihre Unterstützung ist ganz wichtig – und das muss nicht immer preisgekrönte Jugendliteratur sein, meinen die Lehrerinnen. Ein Comic kann da genauso nützlich sein, ein Backrezept, das das Kind vorliest, ein Einkaufszettel, den es schreibt, oder das Fernsehprogramm, das es daheim vorliest.

„Hauptsache, sie lesen“. Leider, sagen die Pädagoginnen, ist nicht allen Eltern der Wert dieser Fähigkeit bewusst – und dann reichen auch die Förderstunden nicht, um Defizite aufzufangen. Mit Folgen für die weitere schulische Laufbahn, vielleicht für das ganze Leben.

Der Tipp der Lehrerinnen: Täglich mit den Kindern lesen oder Vorlesen, sie aber dabei nicht überfordern. Zehn Minuten am Tag können da schon helfen. Wichtig: „Lesen muss Spaß machen und mit positiver Erfahrung zu tun haben“.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik