Betuwe

Sicherheit gibt’s nicht zum Nulltarif

Dort, wo heute in der Weseler Feldmark ein Holzzaun die Grundstücke von der Bahnstrecke trennt, sollen demnächst Schallschutzwände die Bürger schützen. Doch wie kommt die Feuerwehr dann an die Gleise?

Foto: WAZ FotoPool

Dort, wo heute in der Weseler Feldmark ein Holzzaun die Grundstücke von der Bahnstrecke trennt, sollen demnächst Schallschutzwände die Bürger schützen. Doch wie kommt die Feuerwehr dann an die Gleise? Foto: WAZ FotoPool

Wesel. Beim Blick auf die Sicherheitsvorkehrungen entlang der Betuwe-Strecke in den Niederlanden geraten deutsche Sicherheitsexperten ins Staunen.

Gleich nebenan in der Provinz Gelderland ist unter der Stadt Zevenaar ein Tunnel entstanden, um im Falle eines Gefahrgut-Unfalls die gut 30 000 Bewohner zu schützen. Er wurde mit aufwendigster Technik ausgestattet, um in einem Unglücksfall die örtliche Feuerwehr handlungsfähig zu machen. Von solchen Ausstattungen ist man zwischen Emmerich und Oberhausen weit entfernt, wie die Unterlagen zum Planungsabschnitt Wesel zeigen, die derzeit im Rathaus ausliegen.

Wie kommt die Feuerwehr angesichts kilometerlanger und meterhoher Schallschutzwände an die Gleise? Für die Deutsche Bahn ist die Frage rasch geklärt: Sie sieht maximal alle 1000 Meter einen Zugang für die Helfer vor - ein Szenario, mit dem weder der Weseler Feuerwehrchef Thomas Verbeet noch seine Kollegen in Hamminkeln, Emmerich oder Dinslaken leben wollen. Schon 2010 haben die Mitglieder des Arbeitskreises Streckensicherheit an der Betuwe-Route einen Forderungskatalog aufgestellt, der ganz nah an der Praxis war: Überall Zugänge und Klappen in den Schutzwänden, um die Schläuche hindurchlegen zu können. Doch statt einer Zustimmung kam die Aufforderung, eine Begründung dafür zu liefern, warum überhaupt Zugänge zur Bahnlinie benötigt würden. Schließlich zähle die Bahn zu den sichersten Transportmitteln überhaupt.

Mit Akribie gingen die Feuerwehrleute an diese Aufgabe und entwarfen verschiedene Einsatz-Szenarien, die sich den Helfern vor Ort tatsächlich bieten könnten. Der 14 Gefahrenpunkte umfassende Katalog reicht vom Austritt eines brennbaren Gases, das sich entzündet, bis hin zur drohenden Explosion eines Behälters mit brennbaren Flüssiggasen. Da auf deutschem Gebiet auch Personenzüge die Strecke nutzen, enthält die Auflistung Unfälle mit Beteiligung von Personen- wie auch von Güterzügen.

Leitszenarien erarbeitet

„Diese Leitszenarien sind wichtig, weil die Ausrüstung der Feuerwehr entsprechend sein muss“, betont Thomas Verbeet. Wohl wissend, dass die Helfer in Wesel bei derartig gefährlichen und umfassenden Unglücksfällen planerisch an ihre Grenzen stoßen. Auch die zusätzlich notwendige technische Ausrüstung könnte eine Stadt wie Wesel schon aus finanziellen Gründen nicht vorhalten. Zwar sei jede Kommune dazu verpflichtet, für eine leistungsfähige Feuerwehr zu sorgen, doch erstmals seien nun bei Einsätzen an der Bahnstrecken die örtlichen Feuerwehren überhaupt gefragt worden. „Das war früher immer reine Bahn-Sache“, weiß Verbeet.

Dass die Deutsche Bahn bei ihren Planungen zur Betuwe dem Thema Sicherheit in den 15 Ordnern zum Planfeststellungsverfahren gerade einmal eineinhalb DIN-A-4-Seiten schenkt, finden die Beteiligten sehr bemerkenswert. „Das ist ein gesellschaftliches Thema. Nicht wenige Menschen fühlen sich bedroht. Da werden eine Menge Emotionen geweckt“, sagt der Leiter der Weseler Feuerwehr. Er ist weit davon entfernt, die Betroffenen zu verunsichern oder gar in Panik zu versetzen. Aber er ist davon überzeugt, dass der Anforderungskatalog der Feuerwehren sich an den Ergebnissen von Sicherheitsanalysen und den eigenen Erfahrungen an der Bahnstrecke orientiert.

Genügend Zugänge

Dass man in Wesel dazu einen aktiven Beitrag leistet, zeigt ein Blick auf das Kartenwerk für den Betuwe-Streckenabschnitt Wesel, das Thomas Verbeet mit Blick auf die Erfordernisse seiner Feuerwehrleute hin bearbeitet hat. Dazu war er zunächst vor Ort an der Bahnlinie, um dann auf wenige Meter genau einzuzeichnen, an welchen Stellen er Zuwegungen innerhalb der Lärmschutzwände für erforderlich hält, welche Baustraßen nach der Fertigstellung der neuen Gleise nicht zurückgebaut werden sollten, weil sie für die Anfahrt der Feuerwehrfahrzeuge genutzt werden könnten, oder wie sich die Topographie hinter den Schutzwänden für die Helfer darstellt.

Wie die Sicherheitseinwände der Stadt im Verfahren von der Bahn bewertet werden, muss sich zeigen. „Sicherheit gibt’s nicht zum Nulltarif“, weiß der Experte. Doch wer zahlt am Ende den Preis?

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