Zeitzeugen

So erlebten Weseler die Zerstörung der Stadt vor 75 Jahren

Die Bombardierungen im Februar 1945 verwandelten Wesel in eine Trümmerwüste. Winfried Evertz hat Zeitzeugenberichte in einem Buch zusammengefasst.    

Die Bombardierungen im Februar 1945 verwandelten Wesel in eine Trümmerwüste. Winfried Evertz hat Zeitzeugenberichte in einem Buch zusammengefasst.    

Foto: Stadtarchiv

Wesel.  In einem Buch hat Winfried Evertz Zeitzeugenberichte von der Bombardierung der Stadt zusammengefasst. Weseler erzählen darin, wie sie überlebten.

„Ich rief nach Mutter und meinen Geschwistern – keine Antwort. Ich ahnte, dass Mutter, Karlchen, Willi und Friedel tot waren. Um mich zu trösten, sang ich ab und zu ein Liedchen und wartete.“ Den 16. Februar 1945 hat Elisabeth Baumeister nicht vergessen – der erste von mehreren schweren Angriffen, die Wesel völlig zerstörten. Die Erzählung der 1935 geborenen Zeitzeugin ist eine von elf Schilderungen, die Winfried Evertz gesammelt hat. Zum 75. Jahrestag der Bombardierung hat der 85-Jährige ein Buch herausgebracht und dafür Menschen befragt.

Sie dokumentieren, was immer weniger Augenzeugen berichten können. Ab kommenden Mittwoch ist das gut 90 Seiten starke Büchlein „Februar 1945 – Wesels letzte Tage?“ erhältlich.

Mädchen muss eine Nacht im Keller verschüttet ausharren

Die Weseler, heute alle über 80, berichten von den Angriffen, die die Stadt in eine Trümmerwüste verwandelten. Eine weitere Schilderung stammt von Maria Arera, die bereits kurz nach dem Krieg verstarb. Sie beruht auf ihren Tagebucheinträgen, die Winfried Evertz von der Nichte der Verstorbenen erhalten hat. Mit allen anderen Zeitzeugen hat er gesprochen.

Die Schilderung von Elisabeth Baumeister beruht auch auf einem Zeitungsbericht von 1995. Für das Mädchen, das damals über Nacht verschüttet im zerstörten Elternhaus am Mölderplatz ausharren musste, ging die Sache glimpflich aus. Es wurde unverletzt vom Vater gerettet. Doch die Mutter und drei Brüder starben. Insgesamt fielen mehr als 600 Zivilisten den Attacken zwischen Mitte Februar und März 1945 zum Opfer. Dass es nicht mehr waren, lag daran, dass ein Teil der Einwohner ab 1944 evakuiert wurde. Für Winfried Evertz ist die Geschichte von Elisabeth Baumeister eine der bewegendsten in dem Buch.

Die Idee zum Buch mit Zeitzeugenberichten entstand 2017

Das Mädchen, das zum Zeitpunkt des Angriffs eigentlich fein angezogen auf die Klavierstunde wartete, wurde später von Verwandten aufgenommen. Bis der Vater Friedrich Uebing erneut heiratete und sich ein neues Leben aufbaute.

2017 ist der pensionierte Diplom-Verwaltungswirt Evertz auf den Gedanken gekommen, Augenzeugenberichte für den 75. Jahrestag der Zerstörung zu sammeln. Damals noch mit seinem Schwager. Dessen Erzählungen der Ereignisse lieferten den Anstoß, schildert Winfried Evertz. Leider konnte der Schwager seine Geschichte nicht mehr beisteuern, weil er verstarb.

Zeitzeugen wollen Erinnerungen wach halten

Winfried Evertz sprach Bekannte an, über Hinweise kamen weitere Zeitzeugen hinzu. Bis zu drei Besuche stattete er den Weselern ab, schrieb auf, las ihnen die fertigen Geschichten vor. „Damit sich die Leute damit identifizieren können“. Sie fanden es gut, sagt er, dass ihre Erlebnisse der Nachwelt erhalten bleiben.

Heinz Reuyß zum Beispiel wohnte damals an der Isselstraße. Er schildert, wie es nach den Angriffen in der Innenstadt aussah: „Den Anblick des Berliner Tors habe ich bis heute nicht vergessen. Die Seite zur Innenstadt Bombentrichter an Trichter, da hatte niemand überleben können. Die Post, die alte Heuberg-Kaserne, das Lichtspielhaus (heute C&A/Rossmann), alles eine Trümmerlandschaft. Der Wasserturm stand noch. Vom Berliner Tor bis zur Willibrordikirche (heute Dom) konnten wir durchsehen.“

Erschüttert vom Anblick: Wesel als Trümmerwüste

Auch Winfried Evertz, Sohn eines am Kornmarkt ansässigen Metzgers, kommt in seinem Buch zu Wort. Er war zur Zeit der Angriffe zwar in Husum, wo sein Vater das Offizierskasino des Fliegerhorsts leitete. Doch er hat ebenfalls noch den erschütternden Anblick der Stadt vor Augen, in die er im Juni 1945 zurückkehrte. „Der Glockenspiel-Reiter auf der Vierung des Doms leuchtete in der Sonne.

Der Dom war eine Ruine. Drumherum war alles weg. Der Kornmarkt bestand aus einer Hügellandschaft mit Bombentrichtern und Trümmern.“ Wer die Stadt heute sieht, mag es kaum glauben.

Diese Weseler erzählen ihre Geschichte

Das Buch ist in der Meyerschen Buchhandlung, in der Buchhandlung Korn sowie in der Stadtinformation am Großen Markt für 8,90 Euro erhältlich. Zunächst in einer kleinen Auflage. In dem Buch, das in extra großer Schrift gedruckt wurde, sind neben dem Bericht von Winfried Evertz Beiträge von Rolf Oppenberg , Marie-Luise Reibstein, Christa Terwelp, Heinz Böhmer,Heinz Reuyß, Margret Kötter, Elisabeth Baumeister, Helmut Coenen,Winfried Evertz, Marlies Blumenberg, geb. von Prondzynski und Maria Arera (posthum) enthalten.

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