Geschichte

Von Urgesteinen und Steinepickern im zerstörten Wesel

Die Beguinenstraße 1954. Links das Lutherhaus.

Foto: unbekannt

Die Beguinenstraße 1954. Links das Lutherhaus. Foto: unbekannt

Wesel.   Dr. Ernst Trapp berichtete über den Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstörten Wesel. Nichts war mehr so wie zuvor.

„Na, Annelene, hast du auch beim Wiederaufbau geholfen?“, fragt jemand und Annelene Heyermann reagiert mit einem Augenzwinkern: „Klar, ich habe Steine gepickt.“ Für die im Jahr 1930 geborene Weselerin ist dieser Abend im Gemeindehaus der Gnadenkirche ein echtes Heimspiel. Die eine Hälfte ihres Lebens wohnte sie 100 Meter rechts der Kirche, die andere links von ihr und bis heute engagiert sie sich in der Gemeinde ehrenamtlich. „Älter als mich gibt es hier heute nicht“, sagt sie selbst und schaut prüfend in die vielen ihr bekannten Gesichter. Dabei sind zahlreiche Interessierte gekommen, um Ernst Trapps Vortrag über den Wiederaufbau Wesels nach dem Zweiten Weltkrieg zuzuhören und sich an diese Zeit zu erinnern.

Völlig zerstörte Stadt

„Vor 72 Jahren und zehn Tagen wurde Wesel bombardiert und erhielt damit den traurigen Ruf, die zerstörteste Stadt Deutschlands zu sein“, beginnt Trapp seinen Vortrag. Von dem alten Markt oder dem gotischen Rathaus zeugten nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich noch riesige Trümmerhaufen, so dass schnell die Frage nach dem Sinn des Wiederaufbaus der völlig zerstörten Stadt aufkam.

Die Verantwortlichen, darunter Stadtdirektor Karl-Heinz Reuber und Bürgermeister Ewald Fournell, entschieden sich dafür. Also schrieb schon bald ein Angestellter Ernst Trapps Vater: „Die Stadt Wesel hat einen Schreibblock und zwei Bleistifte zur Verfügung gestellt, die Arbeit kann beginnen.“ Denn diesem gehörte die Baufirma Trapp, welche in den folgenden Jahren maßgeblich an den städtebaulichen Maßnahmen beteiligt war.

Zeche Ewald

Zwar erhielt er nicht den Auftrag für die Himmelfahrtskirche – der ging an den katholischen Konkurrenten – dafür gab es genug andere Baustellen.

„Kennen Sie noch das Rathaus am Mathenaplatz?“ Beim Anblick des 1954 fertiggestellten Gebäudes mit einer Art Förderturm ertönt zustimmendes Gemurmel und auch an den inoffiziellen Namen „Zeche Ewald“ können sich die meisten noch erinnern. Damit verbunden war natürlich auch der Spott, als das Rathaus knapp 20 Jahre später dem Kaufhof weichen musste. „Für uns war das nicht schlecht, konnten wir doch auch das nächste Gebäude bauen“, erzählt Trapp und lacht. Doch vor allem ging es beim Wiederaufbau direkt nach dem Krieg zunächst einmal darum, ein Dach über den Kopf zu bekommen. Dafür startete die Weseler Initiative „Wesel hilft sich selbst“ einen Aufruf zum Spenden.

Aus einer Kirche wurde der Dom

Die vielen Anekdoten zu den einzelnen Gebäuden vermitteln ein lebendiges Bild der Vergangenheit – von einer Kirche, die sich auf Grund der besseren Förderprogramme in einen Dom verwandelte, über einen Friseur, der aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte und wie heute Udo Walz in Berlin gefeiert wurde, bis hin zur Schule, in die die Schülerin dem Lehrer mittags den Henkelmann mitbringen musste.

In der geschichtsträchtigen Vergangenheit bleibt das Publikum allerdings nicht zurück. So kommen allgemeine Fragen über die heutige Gestaltung oder die Infrastruktur der Stadt auf und das 87-jährige Weseler Urgestein Annelene Heyermann stellt schließlich noch ganz nebenbei fest: „Ich habe seit heute endlich wieder schnelleres Internet für mein Smartphone.“ So alt sei sie dann ja doch wieder nicht.

>>>NEUE REIHE

Der Vortrag stellte den Auftakt des neuen Mittwochs im Gemeindehaus an der Gnadenkirche Fusternberg dar. Jeden ersten Mittwoch im Monat findet künftig jeweils um 19.30 Uhr ein Themenabend statt.

Die Ausnahme bildet allerdings gleich der erste Mittwoch im kommenden Monat – der 7. März. An diesem Tag treffen sich Interessierte bereits um 18 Uhr an der Engelkirche, um die Katakomben zu besichtigen.

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