Theaterkritik

Was ist eigentlich noch privat in heutigen Zeiten?

Das Stück „Öffentliches Eigentum“ beschäftigt sich mit den Grenzen des Privatlebens von öffentlichen Personen 

Das Stück „Öffentliches Eigentum“ beschäftigt sich mit den Grenzen des Privatlebens von öffentlichen Personen 

Foto: Larocca Lorenda

Wesel.   Das in Wesel gezeigte Schauspiel „Öffentliches Eigentum“ geht mit der Sensationslust und dem mangelnden Respekt vor der Privatsphäre ins Gericht.

Geoff Hammond ist der Claus Kleber der BBC. Nun hat der beliebte Nachrichtensprecher seine Autobiographie geschrieben, doch die Kritiken sind schlecht. Dabei hat er mit Larry de Vries eigens einen PR-Mann engagiert, der für eine gute Presse sorgen soll. Was Geoff nicht wusste: Larry hat ein Kokainproblem und ist bis über beide Ohren verschuldet. Also stielt er eine Intrige ein, die ihm Geld bringt, aber Geoff fast in den Abgrund reißt.

Das Thema des Schauspiels „Öffentliches Eigentum“ aus der Feder des Briten Sam Peter Jackson ist sperrig. Es geht hauptsächlich um die Frage, wo die öffentliche Person aufhört und die Privatsphäre eines Prominenten beginnt. Und es geht auch um uns, um das Publikum, dessen Sensationsgier kaum noch Grenzen kennt. Jackson hat diese komplexe Gemengelage zu einem spannenden, glaubwürdigen Theaterstück versponnen. Wesentlich zum Gelingen trägt Rainer Hunold bei, der mit der von ihm aus der ZDF-Serie „Der Staatsanwalt“ bekannten Ruhe Geoff als waschechten Journalisten rüberbringt.

Das Doppelleben ist schlecht fürs Geschäft

Was Geoff das Genick zu brechen droht, ist sein Doppelleben. Nach außen hin ist er der mit Elaine verheiratete Ehemann, doch tatsächlich lebt er mit Paul zusammen. Die Scheidung soll erst nach der Lesereise mit seinem Buch erfolgen, um das geneigte Publikum nicht gegen sich aufzubringen. Das könnte den Verkaufszahlen schaden. „Es geht nur noch darum, wer sich ein großes Stück vom Kuchen abschneiden darf“, bringt Larry es auf den Punkt.

Doch Geoffs Plan geht nicht auf, denn eines Abends wird er vor seiner Haustür von dem sechzehnjährigen Jamie (Florain Appelius) angesprochen und systematisch umgarnt. Die beiden landen in Geoffs Wagen, es kommt zu Sexspielen, und wie durch ein Wunder ist eine Horde Fotografen zur Stelle. Ihre Fotos verbergen nichts. Larry bietet sich an, Geoff zu helfen, mit der Pressemeute fertig zu werden - bei einer Verdoppelung seines Honorars und einer Übernahme seiner Schulden.

Moralisch vielleicht nicht ganz einwandfrei

„Erniedrigung ist ein lukratives Geschäft“, lautet Larrys Credo, und so versucht er, Geoff dazu zu bringen, sich öffentlich für sein Verhalten zu entschuldigen. Deutlich arbeitet Ulrich Gebauer - bekannt als Rektor in der Fernsehserie „Der Lehrer“ - als Larry heraus, dass diesen nicht nur die Geldgier treibt, sondern auch der Neid auf den erfolgreichen Geoff. Der will jedoch nicht mitziehen: Er hat vielleicht moralisch nicht ganz einwandfrei, aber nicht gesetzeswidrig gehandelt, argumentiert er. Denn Jamie ist 16 und die Pressefreiheit hat ihre Grenzen, wenn es um sein Privatleben geht.

Am Ende stellt sich heraus, dass Larry seinen Freund Jamie dazu gebracht hat, Geoff zu verführen. So kommt Geoff zwar beschädigt, aber einigermaßen glimpflich davon.

Jan Hofer tritt als rasender Reporter auf

Larry wurden diverse Comedy-Witzchen ins Skript geschrieben, so der, dass sich in grauhaarige, ältere Männer nur verlieben kann, wer einen Weihnachtsmannkomplex hat. Damit erzielt Autor Jackson zwar Lacher, nur in dieses Stück passen sie nicht.

„Öffentliches Eigentum“ wurde 2010 in London uraufgeführt, und in Deutschland hat das Schlossparktheater Berlin unter Leitung von Dieter Hallervorden das Schauspiel erfolgreich auf die Bühne gebracht. Hallervorden tritt auch selbst kurz auf, via Video: Gemeinsam mit Hape Kerkeling diskutiert er als BBC-Journalist den „Fall Geoff Hammond“ – auf dem in Larrys Wohnzimmer permanent präsenten, großen TV-Monitor. Ein berühmter Weseler hat ebenfalls einen kurzen Fernsehauftritt bei der Bühnen-BBC: Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer mimt einen rasenden Reporter, der vor Larrys Haustür Geoff auflauern will.

Trotz prominenter Besetzung war das Bühnenhaus nur zur Hälfte besetzt, dabei hätte man dem aktuellen Stück volle Ränge gewünscht. Mit dem Applaus konnten die drei Schauspieler und Regisseur Michael Bogdanov jedoch zufrieden sein.

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