80 Jahre Reichspogromnacht

Wesels Lehren aus der Geschichte nach 1933

Stadtführerin Anne Klein möchte die Geschichte lebendig halten, wie hier bei einer Stadtführung über Jüdisches Leben in Wesel auf dem Jüdische Friedhof Esplanade.

Stadtführerin Anne Klein möchte die Geschichte lebendig halten, wie hier bei einer Stadtführung über Jüdisches Leben in Wesel auf dem Jüdische Friedhof Esplanade.

Foto: Arnulf Stoffel

Wesel.   Eine Stadtführung mit Anne Klein auf den Spuren jüdischen Lebens in Wesel gedenkt dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht.

Am Freitag jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Stadtführerin Anne Klein möchte mithelfen, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, was in jener Nacht geschah. Auch in Wesel standen neben Synagoge und jüdischer Volksschule 25 Geschäfte jüdischer Mitbürger in Flammen. Damit sich Geschichte nicht wiederholt, erinnerte Anne Klein mit einer zu Herzen gehenden Stadtführung an jüdisches Leben.

Hinter dem Dom lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die Bronze-Skulptur in Form eines Davidsterns, die 1988 aufgestellt worden ist: Gleich gegenüber lag bis zur Pogromnacht die Synagoge. „Meine Harfe ist eine Klage geworden, meine Flöte ein Weinen!“, steht auf der Skulptur. „Besser kann man kaum zusammenfassen, was ab 1933 in Deutschland geschah“, sagt Anne Klein.

Die Feuerwehr löschte die Brände nicht

Es waren SA-Männer aus Nachbarstädten, die am 9. November 1938 gegen 22 Uhr die Synagoge zerstörten. So wurde die Anonymität der Täter gewahrt. Weseler SA-Leute zogen dafür in andere Orte, um jüdischem Leben den Garaus zu machen. Die jüdische Volksschule, von 50 Schülern besucht, war ebenfalls Ziel nationalsozialistischer Zerstörungswut. Die Feuerwehr löschte nicht, sorgte lediglich dafür, dass die Flammen nicht auf angrenzende Häuser übergriffen.

Erstmals haben 1266 Juden in Wesel gelebt, immer wieder wurden sie vertrieben, weil man sie, wie bei den Pestpogromen 1348/49, für alles Schlechte verantwortlich machte. 1905 lebten 300 jüdische Mitbürger in Wesel, die höchste Zahl in der Stadtgeschichte.

68 Weseler wurden deportiert und ermordet

Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 waren es 181 und nach der Reichspogromnacht 1938 nur noch 75, denn viele waren bereits geflohen. Die nach den Pogromen verbliebenen Familien wurden 1942 deportiert. „1943 wurde Wesel für judenfrei erklärt“, berichtet die Stadtführerin. Bürgermeisterin Ulrike Westkamp vermutet zwar, dass mit der Einwanderung in den 1990er Jahren wieder Juden aus Osteuropa übersiedelt sind, doch verbrieft ist dies nicht.

Von den Deportationen und der Ermordung von 68 Weseler Juden zeugen neben der Gedenktafel am Rathaus die rund dreißig Stolpersteine, auf die Anne Klein hinweist, und zu denen sie die tragischen Geschichten erzählt. Es berührt auch, als sie vor der Volksbank am Großen Markt ein Flugblatt herumgehen lässt. Genau an dieser Stelle hat der jüdische Kaufmann Erich Leyens es einst verteilt. Er erinnerte darauf seine Mitbürger, dass er im 1. Weltkrieg seinem Vaterland treu gedient hat. Hitler hatte die jüdischen Soldaten des 1. Weltkrieges zunächst noch geschützt, doch bald musste auch Leyens sein Textilkaufhaus verkaufen. Die Bürger trauten sich nicht mehr, sein Geschäft zu betreten, aus Angst vor Repressalien. Leyens überlebte den Holocaust in den USA.

Die Bauhaus-Fassade überlebte das Pogrom nicht

Gleich um die Ecke, auf der Brückstraße, stand bis zur Pogromnacht das Einrichtungshaus Zaudy. Carl Zaudy, von 1872 bis 1876 einziger jüdischer Ratsherr, hat es als Eisenwarenhandlung gegründet, seine Tochter Margarete Brandenstein-Zaudy baute diese zum Einrichtungshaus um. 1928 beauftragte sie den berühmten Utrechter Bauhaus-Architekten Gerrit Rietveld, das Gebäude mit einer wunderbar leichten, modernen Glasfassade zu versehen.

Auch diese überstand die Nacht nicht. Margarete, Mitgründerin des Weseler Musikvereins, starb 1930 an Krebs. Ihr Mann Hugo Brandenstein, der das Geschäft weiterführte, wurde 1943 in Treblinka umgebracht. Auguste Schay, die ein paar Häuser weiter ein Wäschegeschäft betrieb, wurde im gleichen Jahr in Theresienstadt ermordet.

Jüdischer Friedhof überstand fast unbeschadet

Da er normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist, war der Besuch des alten jüdischen Friedhofs an der Norbertstraße ein besonderes Ereignis. 26 meist kunstvoll gestaltete Grabsteine sind noch erhalten. Der älteste weist auf einen 1665 verstorbenen Rabbi hin, der jüngste stammt von 1892. Weil er so im Verborgenen zwischen Häusern und Gärten liegt, überstand der Friedhof sowohl die Reichspogromnacht als auch die Luftangriffe im Februar 1945 fast unbeschadet.

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