Geschichte

Wie Wesel nach dem Krieg wieder zur Einkaufsstadt wurde

Mitte der 50er Jahre sah es auf der Hohen Straße in Wesel so aus.

Mitte der 50er Jahre sah es auf der Hohen Straße in Wesel so aus.

Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Services

Wesel.  Dem Wiederaufbau wurde bereits eine Ausstellung gewidmet. Jetzt geht es um die wirtschaftliche Entwicklung. Geschäfte entstanden aus dem Nichts.

Es war die Brüner Landstraße, wo nach der nahezu totalen Zerstörung Wesels nach dem Krieg die ersten Händler ihre Waren anboten. Ab 1946 wurde in Baracken und an improvisierten Ständen verkauft, schließlich lebten zu diesem Zeitpunkt noch viele Menschen in den Randbereichen der Hansestadt. Doch dann nahm die Entwicklung Fahrt auf. Schon Mitte der 50er Jahre war Wesel wieder das Einkaufszentrum am Niederrhein und die Hohe Straße hatte einiges zu bieten.

Ein Gang durch die neueste Ausstellung im Centrum (siehe Infobox) lässt bei so manchem Erinnerungen wach werden. Und wer die Innenstadt von damals nicht aus eigener Anschauung kennt, wird die Entwicklung dennoch mit Interesse verfolgen. Denn es ist meist genau gegenübergestellt, was damals war und was heute ist. Zum Beispiel die Hohe Straße. Im Delikatessengeschäft Splitthoff an der Ecke Windstege steckt nun Bijou-Brigitte. Oder die Buchhandlung Dambeck neben dem Kunstgewerbegeschäft, dort, wo nun Pommes and Friends seinen Imbiss hat. Die Schneiderei Halcour befand sich bei Douglas und Wilhelm Spirituosen gab es bei West, dem Standort der Rosen-Apotheke. Erstaunlich ist auch die Anzahl der Metzgereien. Angefangen bei Kebing über Mechmann bis zu Gallus Falk.

Im industriellen Bereich wird etwa an die Brillenfabrik Weinert erinnert, seit 1953 am Nordglacis. 1956 wurden über 50.000 Gestelle in ganz Europa verkauft. Im Oktober 1972 endete die Produktion zweier Brüder aus dem Sudetenland allerdings.

Im Hafen ging es voran. 1957 entstand in 180 Tagen der erste Ölumschlaghafen dieser Art in der Bundesrepublik. Schon fünf Jahre zuvor gab es eine Hafenarbeitsgemeinschaft mit der Stadt Wesel und der Gemeinde Voerde sowie den Landkreisen Rees und Dinslaken.

Die Kleinbahn fuhr damals noch mitten durch die Hohe Straße, in friedlicher Eintracht mit Autos, Fahrradfahrern und Fußgängern. Der VW Käfer spielte dabei eine bedeutende Rolle. Otto Mess verkaufte seine Lebensmittel im heutigen Telekom-Ladenlokal und das Möbelhaus Kerkhoff war dort, wo jetzt Only ist.

Maria Martinelli, deren Ehemann 1960 nach Wesel kam, um hier italienisches Eis anzubieten, hatte seine kalte Ware zunächst auf einem Fahrrad dabei, später bot er sie vom Motorrad aus an, dann aus einem VW-Bus, bevor es zum festen Laden in der Hohen Straße 21 kam. „Unten waren kleine Geschäfte und oben haben die Eigentümer gewohnt“, erinnert sich Maria Martinelli. Das tun in der Ausstellung so einige. An den Wänden stehen ihre Zitate (Günter Bornemann: „Wir bekamen im ersten Lehrjahr 25 Mark für 48 Stunden Arbeit“) und im Eingangsbereich läuft ein Film mit Zeitzeugen wie Ernst-Joachim Trapp, Wilhelm Meesters und Hermine Hochstrat.

Vieles ging damals auch langsam voran. So begann Friseurmeister Kurt Wohlfarth 1948 in einem umgebauten Omnibus an der Frieden-/Blücherstraße mit Herrenhaarschnitten. Erst zehn Jahre später wurden auch Damen frisiert – in einem Laden an der Brüner Landstraße 28.

Eröffnung am Sonntag

Die Ausstellung „Wunder aus Trümmern – Wesel: Die wirtschaftliche Entwicklung einer zerstörten Stadt“ wird am Sonntag, 8. September, 11.30 Uhr, im Städtischen Bühnenhaus eröffnet. Sie läuft bis zum 15. Dezember (Di-Fr 10.30-18.30 Uhr; Sa 10-13 Uhr; So 11-17 Uhr) in der Galerie im Centrum, Ritterstraße 12-14. Der Eintritt ist frei.

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