Wirtschaft

Witten: Größere Betriebe sind noch von Kurzarbeit verschont

Das Wittener Unternehmen Friedrich Lohmann hat für seine Mitarbeiter Homeoffice-Arbeitsplätze eingerichtet, damit im Bedarfsfall auch von zu Hause aus gearbeitet werden kann.

Das Wittener Unternehmen Friedrich Lohmann hat für seine Mitarbeiter Homeoffice-Arbeitsplätze eingerichtet, damit im Bedarfsfall auch von zu Hause aus gearbeitet werden kann.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Witten.  Es gibt kaum ein Unternehmen in Witten, das die Corona-Krise nicht zu spüren bekommt. Allerdings gibt es bei der Kurzarbeit große Unterschiede.

Die Corona-Krise trifft die heimische Wirtschaft hart. Nicht nur Einzelhändler, Friseure und Kneipenwirte leiden unter den Folgen. Auftragseinbrüche und Lieferengpässe können auch für größere oder mittelständische Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern verheerende Folgen haben. Die meisten größeren Wittener Firmen mussten im März aber noch keine Kurzarbeit anmelden – zumindest nicht aufgrund der Corona-Krise. Im nächsten Monat könnte das jedoch schon anders aussehen.

Der in Heven ansässige Familienbetrieb J.D. Neuhaus ist von Auftragseinbrüchen oder Lieferengpässen bisher verschont geblieben. Falls es dazu kommt, wird der Hersteller für Hebezeuge, Krananlagen und Systemlösungen aber Kurzarbeit anmelden müssen. "Vielleicht nicht alle, aber einige Bereiche werden dann mit Sicherheit betroffen sein", sagt Manfred Müller von der Marketingabteilung.

Wittener Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter ins Homeoffice

Viele Unternehmen haben ihre Verwaltung ins Homeoffice geschickt oder es zumindest schon einmal geprobt wie der Spezialstahlhersteller Friedrich Lohmann. "Das klappt mal mehr, mal weniger gut", sagt Geschäftsführerin Katja Lohmann-Hütte.

Im März hat das Unternehmen für einige seiner 375 Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet. Das habe allerdings nichts mit der Corona-Krise zu tun, sagt Lohmann-Hütte, sondern liege zum Teil an den Auftragseinbrüchen in der Automobilindustrie. Es könne jedoch sein, dass in der nächsten Zeit weitere Bereiche von Kurzarbeit betroffen sind. "Wir liefern weltweit", sagt die 45-Jährige. "Wenn immer mehr Länder dicht machen, hat das auch auf uns Auswirkungen." Es gebe aber auch noch Bereiche, für die natürlich weiterproduziert werden müsse, etwa die Lebensmittelindustrie.

Der Spezialbaustoffhersteller Ardex setzt ebenfalls verstärkt auf Homeoffice-Arbeitsplätze. Statt sich persönlich zu treffen, wird mehr telefoniert und im Internet kommunziert. In Geschäftsbereichen, wo dies nicht möglich sei, würden die notwendigen Hygienemaßnahmen getroffen, sagt Marketingmanagerin Janin Settino. Kurzarbeit hat das Unternehmen nicht angemeldet. Von Auftragseinbrüchen und Lieferengpässen sei Ardex nicht betroffen. "Es ist aktuell keinerlei Einbruch zu verzeichnen", so Settino. Eher sei das Gegenteil der Fall. Die Bau- oder Heimwerkerbranche lässt grüßen.

Ähnlich sieht es bei Evonik aus. Der Konzern musste noch keine Kurzarbeit wegen Corona anmelden. Die rund 300 Mitarbeiter am Standort in Witten arbeiten noch im normalen Betrieb. "Wir bemühen uns, die Produktion aufrechtzuerhalten", sagt Pressesprecherin Alexandra Boy. Auch hier arbeitet die Verwaltung teilweise im Homeoffice.

Alle 800 ZF-Mitarbeiter am Standort in Witten sind ab April in Kurzarbeit

Dagegen kommt auf die 800 Mitarbeiter des Großgetriebeherstellers ZF ab April Kurzarbeit zu. "Das wird wohl nicht vermeidbar sein", sagt Sprecher Gernot Hein. Die Beschäftigten werden unterschiedlich davon betroffen sein, die einen mehr, die anderen weniger. Das hänge von "der Entwicklung auf der Kundenseite und der Stabilität von Zulieferungen" ab.

Denn die Corona-Krise hat bereits für Auftragseinbrüche bei ZF gesorgt. "Natürlich haben auch wir in allen unseren drei Bereichen (Offshore Wind, Service und Industrie) Stornierungen und Verschiebungen von unseren Kunden, an die wir unsere Kapazitäten entsprechend anpassen", sagt Hein. Noch könne man auf Verzögerungen beziehungsweise Lieferengpässe flexibel reagieren. Allerdings sei die Situation "hoch dynamisch" und werde täglich neu bewertet. "Im April erwarten wir Unterbrechungen von Lieferketten, die wir nur noch bedingt auffangen können."

Mehr als 50 Prozent der ZF-Belegschaft arbeite mittlerweile von zu Hause aus. Das betreffe vor allem Bereiche, die nicht produktionsnah sind, etwa Einkauf, Entwicklung oder Vertrieb.

Wittener Betriebe melden Kurzarbeit für mehrere Monate an

Während die meisten Mitarbeiter größerer oder mittelständischer Unternehmen noch nicht von Kurzarbeit betroffen sind, so haben inzwischen aber "sehr sehr viele" andere Betriebe Kurzarbeit angemeldet, sagt Arbeitsagentursprecher Ulrich Brauer. Konkrete Zahlen könne er aber nicht nennen. Es handele sich um einen "kleinen dreistelligen Bereich". Und die Zahl der betroffenen Arbeitnehmer sei weitaus höher.

"So was hat es noch nie gegeben", sagt Brauer. Vor allem Betriebe wie Hotels und Gaststätten, Restaurants oder Einzelhandel, die noch nie etwas mit Kurzarbeit zu tun hatten, seien nun betroffen. Die meisten hätten vorsichtshalber für mehrere Monate Kurzarbeit angemeldet. Denn einfach verlängern könne man sie nicht – und niemand wisse, wann sich die Situation wieder normalisiert.

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Info:

Die städtische Wirtschaftsförderung hat Tipps, wie Unternehmen mit finanzieller Hilfe die Corona-Krise überstehen können. Um Liquiditätsengpässe zu überbrücken, könne man etwa Hilfen der KfW- und NRW-Bank in Anspruch nehmen. Sie stellen nach Angaben der Wirtschaftsförderer Betriebsmittelkredite, Liquiditätshilfen und Überbrückungskredite zu günstigen Konditionen und mit Haftungsfreistellungen von bis zu 80 Prozent zur Verfügung.

Hotlines der NRW-Bank: 0211 91741-4800. Hotline des Bundeswirtschaftsministeriums für Fragen zu finanziellen Hilfen: 030 18615-1515. Anlaufstelle der Arbeitsagentur für Kurzarbeitergeld; Informationen bei der Agentur für Arbeit unter 0800 45555-20.

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