Abschied vom Bergbau

Welterbe Zollverein – das „Davos des Ruhrgebiets“

Hans-Peter Noll (r.) ist Nachfolger von Hermann Marth an der Spitze der Stiftung Zollverein. Wahrzeichen des Welterbes ist der Doppelbock.

Hans-Peter Noll (r.) ist Nachfolger von Hermann Marth an der Spitze der Stiftung Zollverein. Wahrzeichen des Welterbes ist der Doppelbock.

Foto: Stefan Arend

Essen.   Der neue Stiftungschef Hans-Peter Noll will das Essener Welterbe Zeche Zollverein zum Jobmotor und Innovationstreiber der Region ausbauen.

Hans-Peter Noll staunte , als auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin im Frühjahr neben einem Plakat von Schloss Schwanstein ein gleichgroßes Foto vom Doppelbock der Zeche Zollverein entdeckte. Seit Freitag ist der 59-Jährige nun der oberste Hüter des Welterbes im Essener Norden. Und der Tourismus, den Noll ausbauen will, steht ganz oben auf seiner Aufgabenliste.

Das Fördergerüst am Ruhrmuseum ist zum Symbol für das gesamte Ruhrgebiet geworden. Zollverein ist aber weit mehr. Auf 100 Hektar – das entspricht 100 großen Fußballfeldern – erstreckt sich das Areal. Auf ihm stehen 96 Gebäude, 200 technische Anlagen und Maschinen und 13,2 Kilometer Rohrleitungen. Mit seiner Berufung an die Spitze der Zeche Zollverein ist Hans-Peter Noll seit dem 1. Juni Herr über eines der größten Industriedenkmäler weltweit. Der Professor für Geographie kennt sich mit den Hinterlassenschaften des Bergbaus bestens aus. Bis zum Herbst 2017 leitete Noll die RAG Montan Immobilien GmbH, eine Tochter des Steinkohleförderers, die sich mit der Entwicklung stillgelegter Bergbaufläche in NRW und im Saarland beschäftigt.

„Ort des Wandels, Fortschritts und der Innovation“

„Das Fundament ist gelegt. Ich werde es kontinuierlich fortführen. Zollverein wird Ort des Wandels, des Fortschritts und der Innovation bleiben“, sagt Noll und würdigt damit die Arbeit seines Vorgängers. Nach zehn Jahren im Amt des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Zollverein hat sich der 65-Jährige in den Ruhestand verabschiedet. „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren die zersplitterte Eigentümerstruktur zusammengeführt und unser Ziel erreicht, nun ein Management aus einer Hand anzubieten“, sagt Marth.

1,5 Millionen Besucher strömten im vergangenen Jahr nach Zollverein, um das Ruhrmuseum, das Red Dot Design Museum, Ausstellungen, Aufführungen oder Tagungen zu besuchen. Innerhalb Nordrhein-Westfalens zieht allein der Kölner Dom mehr Touristen an. Doch Marth betont, dass das Welterbe längst nicht mehr nur ein Ort der Kultur sei. „Wir haben uns hier am Standort von konservierenden Erhaltern zu wirtschaftlich orientierten Gestaltern entwickelt. Zollverein ist nicht mehr nur ein Ort der Kultur und Kreativität, sondern auch bedeutender Wirtschaftsstandort“, sagt der ehemalige Stiftungschef.

Dafür sprechen die Zahlen. In ihrer Hochphase beschäftigte die am 23. Dezember 1986 stillgelegte letzte von einst 290 Essener Zechen 8000 Menschen. Einer Prognos-Studie zufolge gibt es inzwischen wieder mehr als 1300 Arbeitsplätze auf dem Areal. Hinzu kommen 680 temporäre Beschäftigungsverhältnisse. Die Berechnungen des Instituts ergaben, dass durch die Touristen, die regelmäßig zu Zollverein pilgern und in der Umgebung Geld ausgeben, 760 Arbeitsplätze in Essen gesichert werden.

Zahlreiche Unternehmen zieht es nach Zollverein

„Zollverein ist ein Zukunftsstandort und die Heimat für wirtschaftliche Entwicklung. Wir wollen gedanklich damit aufräumen, dass hier durch die Unterstützung des Bergbaus nur Kosten entstanden sind“, sagt Noll selbstbewusst. „Seit 1986 hat die öffentliche Hand 400 Millionen Euro nach Zollverein gebracht. Das hat 250 Millionen Euro private Investitionen nach sich gezogen. Es hat sich gelohnt, dass der Staat in Vorleistung getreten ist“, zieht der bisherige Stiftungschef Marth Bilanz. In jüngerer Vergangenheit haben RAG und RAG-Stiftung neue Zentralen auf Zollverein gebaut, hat die Folkwang Universität der Künste mit 500 Studierenden ihren Campus eröffnet. Doch die Planungen gehen noch viel weiter. Im kommenden Jahr sollen unweit des Uni-Standorts ein Hotel und ein Familienzentrum mit Kindertagesstätte eröffnen. Die Büros für die Ruhrkonferenz und die Olympia-Bewerbung an Rhein und Ruhr ziehen nach Zollverein. Der Essener Chemiekonzern Evonik überlegt, seinen Think-Tank auf das Welterbe zu verlagern. Die Unternehmensberatung Accenture aus Düsseldorf verlegt ihren Standort für die unternehmenseigene Zukunftswerkstatt zur Zeit nach Zollverein.

Kokerei wird „Reallabor“

Überregionale Strahlkraft erwartet Noll aber auch vom Euref-Campus Zollverein, zu dessen Konzept auch ein Gründerzentrum gehört. Den Campus will der Berliner Unternehmer Reinhard Müller für 50 Millionen Euro auf dem Kokerei-Gelände bauen und bis zu 500 Arbeitsplätze schaffen. Ganz in der Nähe haben sich die vom Initiativkreis Ruhr angestoßene „Gründer-Allianz“ und das Zukunftslabor „Schacht One“ des Duisburger Traditionskonzerns Haniel angesiedelt. Die Kokerei will Noll künftig als „Reallabor“ nutzen. „Hier sollen junge Tüftler zum Beispiel eine Farbe entwickeln, die doppelt so lange hält, hier ausprobieren und daraus ein Geschäftsmodell entwickeln“, sagt er.

Herrmann Marth, der zehn Jahre an der Spitze von Zollverein stand, ist nicht bange um die wirtschaftliche Zukunft des Welterbes. „Zollverein hat das Potenzial, ein internationales Forum wie etwa Davos zu werden. Eine Art Davos für das Ruhrgebiet. Das ist doch eine großartige Vision für den Standort.“

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