Abgastests

Aachener Forscher gehen auf Distanz zu Autokonzernen

Der Student Georg Winkens nahm an dem Stickoxid-Versuch in Aachen teil. Der Test sein „völlig unproblematisch“ verlaufen, sagte er.

Der Student Georg Winkens nahm an dem Stickoxid-Versuch in Aachen teil. Der Test sein „völlig unproblematisch“ verlaufen, sagte er.

Foto: Wolfgang Rattay/rtr

Essen/Aachen.   Die Uniklinik Aachen verteidigt ihre Abgastest mit Menschen, fühlt sich von ihren Auftraggebern, der Autoindustrie, aber getäuscht.

Erst die Affen, dann auch noch die Menschen – die wissenschaftlichen Tests über die Wirkung von Abgasen sorgen auch weiterhin für Empörung. Am Freitag ging die Uniklinik Aachen in die Offensive und verteidigte den wissenschaftlichen Wert ihrer Stickoxid-Tests mit Menschen. Der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus distanzierte sich aber von den Autobauern, die die Studie in Auftrag gegeben hatten. Es sei für die Wissenschaftler damals nicht ersichtlich gewesen, dass die Studie für unlautere Zwecke verwendet werden sollte, sagte Kraus.

Auf zwölf Seiten fasst das Aachener Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin die wichtigsten Fragen und Antworten rund um die umstrittene Stickoxid-Studie zusammen. Den Katalog hatte das NRW-Wissenschaftsministerium angefordert. Zu den Abgastests mit Menschen werde sich Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen in der kommenden Woche äußern, kündigte ein Sprecher auf Anfrage an.

25 Testpersonen atmeten Stickoxid ein

Es war im Jahr 2012, also weit vor dem Dieselskandal bei Volkswagen, als das Aachener Institut den Auftrag erhielt, die Stickoxid-Belastung für Menschen an Arbeitsplätzen mit Schweißtätigkeiten zu erforschen. In der Folge wurden 25 Testpersonen in vier aufeinander folgenden Wochen je drei Stunden lang in einem Labor hohen, nach Uni-Angaben aber nicht gesundheitsschädigenden NO2-Dosen ausgesetzt, um die Wirkung zu testen. „Ich habe keinerlei Nachwirkungen“, sagte gestern der Student Georg Winkens, der an dem Test teilgenommen hatte und gestern von der Uni als „Zeuge“ aufgeboten wurde.

Förderer der Studie war die von Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch ins Leben gerufene Organisation EUGT. Der Vertrag belief sich laut Uniklinikum Aachen auf 220 000 Euro. Institutsleiter Kraus betonte am Freitag, dass man damals den Eindruck eines „seriösen Forschungsförderers“ gewonnen habe. „Wir hatten zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht den Eindruck, dass EUGT damit Schindluder treiben würde“, so der Wissenschaftler. Nachdem aufgeflogen war, dass VW und andere Autobauer Diesel-Abgaswerte manipulierten, änderte sich die Einschätzung des Aachener Forschers. Kraus: „Im Nachhinein muss man sagen, dass die EUGT sich im Dieselskandal aus meiner Sicht problematisch verhalten hat.“

Von Versuch mit Affen in Aachen nichts gewusst

Dass die von Konzernen aus der Autoindustrie getragene Organisation in den USA auch Versuche mit Affen finanzierte, habe man in Aachen nicht gewusst. Der Institutsleiter kündigte an, dass er bei potenziellen Geldgebern künftig genauer hinschauen wolle. Die verantwortlichen Unternehmen distanzierten sich von den Versuchen. Volkswagen und Daimler trennten sich inzwischen von hochrangigen Managern.

Die Autobauer hatten den Forschungsverein EUGT 2007 gegründet. Ziel war es, die Gesundheitsfolgen von Schadstoffen wie dem von Dieselmotoren ausgestoßenen Stickoxid zu erforschen. Der Lobbyverein wollte 2014 offenbar nachweisen, dass Dieselabgase weniger gefährlich seien als von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt. Im vergangenen Jahr wurde EUGT aufgelöst.

Dudenhöffer zweifelt an der Studie

Obwohl die Uniklinik Aachen alle Fakten auf den Tisch legte, bleiben aus Sicht des Duisburger Autoprofessors Ferdinand Dudenhöffer Zweifel. „Der Sinn der Studie ist eigentlich offen geblieben“, sagte der Experte im Hinblick auf die Aussage der Uniklinik Aachen, dass die Stickoxid-Belastung für die Probanden sehr gering gewesen sei. Dudenhöffer: „Daran knüpft sich die Frage, ob es richtig ist, für Studien ohne fest definierten Zweck einfach mal so solche Untersuchungen zu machen, bei denen Menschen als Testpersonen dienen.“

Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) verlangte in einer Aktuellen Stunde des Bundestags eine konsequente Aufklärung der Vorgänge und ein „Umdenken in der Unternehmenskultur“.

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