Pilotprojekt

Abschaffung der Cent-Münzen: Das Experiment ist gescheitert

In Kleve sollten die Cent-Münzen aus dem Handel verschwinden.

In Kleve sollten die Cent-Münzen aus dem Handel verschwinden.

Foto: Andreas Gebbink

Essen/Kleve.   Kaufleute in Kleve wollten die Kleinstmünzen nach dem Vorbild anderer Länder abschaffen. Das Projekt erntete viel Lob, fand aber keine Nachahmer.

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Wer seinen Sommerurlaub in Holland gebucht hat oder in Irland, Belgien oder Finnland, kann schon mal sein Portmonee entrümpeln: Ein- oder Zwei-Cent-Münzen haben diese und weitere Euro-Länder aussortiert, Italien folgt 2018. Der Handel rundet auf oder ab, die Leute tragen weniger Kupfer mit sich herum, und die wenigsten deutschen Touristen vermissen ihre kleinen Cents. In Deutschland selbst aber ist der erste, bescheidene Versuch, die Kleinstmünzen aus dem Handel zu verbannen, gescheitert.

Als das Städtchen Kleve vor anderthalb Jahren sein Pilotprojekt zur Abschaffung der Cent-Münzen startete, blickte die gesamte Republik auf den Niederrhein. Das bundesweite Echo war ausnehmend positiv, das Klever Experiment wurde allgemein zur Nachahmung empfohlen. Nur ahmte es niemand nach. Und den Händlern vor Ort vergeht nun die Lust, ewiger Vorreiter zu sein, aber immer noch die Kassen voller Cent-Münzen zu haben, weil bei diesem Verzicht eben nicht jeder mitmachen mag.

Viel Erklärungsbedarf

Vor zwei Wochen machten die Kaufleute ihren Frust öffentlich, erklärten aber, es noch einmal versuchen zu wollen. Jetzt ist klar: Die Initiative ist gescheitert. „Die Luft ist raus. Wir konnten nicht genügend Händler motivieren“, sagt Klaus Fischer, Vorstandsmitglied des Klever City Netzwerks und Filialleiter eines Modegeschäfts in der Stadt. Den Grund des Scheiterns sieht er zum einen darin, dass sich „weder Nachbarkommunen noch die Politik an unserem Vorbild orientiert haben.“ Zum anderen empfänden es viele Händler als zu kompliziert, Kunden immer wieder die Gründe für die Rundungspraxis zu erklären. „Kein Bäcker hat Zeit, mit den Kunden zu diskutieren“, so Fischer.

Dabei bewerten laut einer Studie der Hochschule Rhein Waal rund 70 Prozent der Kunden die Rundungspraxis positiv, in bundesweiten Umfragen fanden sich Mehrheiten für eine Abschaffung der Cent-Münzen. Darauf verweisen auch die Klever Kaufleute nach wie vor, die längst nicht alle aufgeben wollen. Die Aktion „Geehrte Kunden, wir runden“, läuft auf freiwilliger Basis weiter.

Die Anfangs-Euphorie war groß

Aber von den anfangs 80 beteiligten Händlern sind laut Fischer nur noch 50 bis 60 dabei. Der Frust sitzt deshalb so tief, weil die Anfangs-Euphorie so groß war: „Wir waren sehr motiviert und haben gedacht, in Deutschland eine Diskussion auslösen und etwas anschieben zu können“, sagt Fischer. Doch nun weiß er: „Wenn wir es nach über einem Jahr nicht geschafft haben, werden wir es im nächsten halben Jahr auch nicht schaffen.“

Dabei würden eigentlich alle Teilnehmer des Bargeld-Kreislaufs nur profitieren, wenn die kleinen Münzen verschwänden. Die Portmonees der Kunden würden leichter – laut Bundesbank trägt jeder Deutsche durchschnittlich acht Euro Münzgeld ständig mit sich – und die Hälfte aller Münzen im Euro-Raum sind Ein- und Zwei-Cent-Münzen. Weil das lästig ist, sortieren viele Verbraucher die Kleinstmünzen ohnehin aus und horten sie – im Einmachglas daheim sind sie aber totes Kapital.

Herstellung teurer als Münzwert

Den Händlern sind die Kupferstückchen ohnehin ein Graus und ein Minusgeschäft – denn die meisten Geldinstitute erheben für die Rollen Gebühren. Doch nicht einmal jene, die vom Vertrieb noch vermeintlich profitieren, haben wirklich Spaß am Klimpergeld. Die Banken betonen seit Jahren die Vorzüge des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, während die Münzen nur Kosten verursachten. Aber: „In Deutschland gibt es eine besondere Affinität zum Bargeld. Das muss man respektieren“, heißt es auf Anfrage beim Bundesverband deutscher Banken.

Auf ihre Kosten kommen verlässlich nur die Prägeanstalten: Sie kassieren für die Herstellung einer Ein-Cent-Münze rund 1,65 Cent.

>>>>>Cent-Münzen bleiben in ganz Europa gültig

  • Die Stückelung der Euro-Münzen ist für den gesamten Euroraum einheitlich geregelt. Deshalb bleiben die 1- und 2-Cent-Münzen auch in jenen Ländern gesetzliches Zahlungsmittel, die freiwillige Rundungsregeln für den nationalen Bargeldverkehr eingeführt haben. Eine Initiative der EU-Kommission zur europaweiten Abschaffung der Kleinmünzen scheiterte 2013.
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