Ansiedlungen

Einflussreiche RAG-Stiftung holt Firmen und Jobs ins Revier

RAG-Stiftungschef Bernd Tönjes beim Redaktionsbesuch: Der Evonik-Großaktionär will das eigene Netzwerk nutzen, um mehr Ansiedlungen im Ruhrgebiet zu ermöglichen.

RAG-Stiftungschef Bernd Tönjes beim Redaktionsbesuch: Der Evonik-Großaktionär will das eigene Netzwerk nutzen, um mehr Ansiedlungen im Ruhrgebiet zu ermöglichen.

Foto: Sebastian Konopka / FUNKE Foto Services

Essen.  RAG-Stiftungschef Bernd Tönjes im Interview – über Evonik, Thyssenkrupp, Karstadt-Investor Benko, den RVR und Ansiedlungserfolge im Ruhrgebiet.

Die milliardenschwere Essener RAG-Stiftung will durch Firmenansiedlungen mehr Arbeitsplätze ins Ruhrgebiet holen. „Zuallererst geht es darum, dass wir unser Geld sicher und möglichst gewinnbringend anlegen“, sagte RAG-Stiftungschef Bernd Tönjes im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir möchten unser Netzwerk aber auch zunehmend nutzen, um Ansiedlungen im Ruhrgebiet zu ermöglichen.“ Es gebe bereits erste Ansiedlungserfolge, berichtete Tönjes – und zwar in Herne und Bochum.

So habe das Unternehmen Stadler Rail, an dem die Stiftung beteiligt ist, für 35 Millionen Euro ein Werk in Herne mit 50 Arbeitsplätzen gebaut. Die Firma Rethink Robotics, die ebenfalls zur Stiftung gehört, wolle sich in direkter Nachbarschaft zur Lernfabrik der Bochumer Ruhr-Universität niederlassen, zunächst ebenfalls mit 50 Jobs. „Zusätzliche Beschäftigung ist absehbar. Wir möchten unser Geld nicht nur in New York, Seattle oder Detroit investieren, sondern, da wo es gute Renditen verspricht, auch vor der eigenen Haustür“, betonte Tönjes.

Die wichtigste Beteiligung der RAG-Stiftung, die ihren Sitz auf dem Zollverein-Areal in Essen hat, ist der Chemiekonzern Evonik. Hinzu kommen das Gelsenkirchener Wohnungsunternehmen Vivawest sowie zahlreiche Unternehmen aus dem Mittelstand. Sie sind in einer Beteiligungsgesellschaft namens RSBG, die bei etwa einer Milliarde Umsatz rund 8000 Menschen in ihren Gesellschaften beschäftigt. Mit kleineren Beträgen sei die RAG-Stiftung zudem an rund 20.000 Unternehmen in der Welt beteiligt, führte Tönjes aus. „Wir sind eine unternehmerische Stiftung, keine gemeinnützige oder staatliche Einrichtung“, betonte er. „Wenn wir unser Geld einfach aufs Bankkonto legen würden, bekämen wir keine Zinsen und müssten im schlimmsten Fall noch draufzahlen.“

Das Interview mit RAG-Stiftungschef Bernd Tönjes im Wortlaut:

Herr Tönjes, vor einem Jahr, am 21. Dezember 2018, ist in Bottrop das letzte Stück Steinkohle aus Deutschland gefördert worden. Was ist Ihnen von diesem Tag am meisten in Erinnerung geblieben?

Tönjes: Die Situation am Schacht. Das war schon sehr emotional. Da habe ich einige Männer mit Tränen in den Augen gesehen.

Gibt es ein Bottroper Vermächtnis?

Tönjes: Generell sind es die Werte, für die der Bergbau steht. Solidarität, Kumpel sein, sich aufeinander verlassen können. Diese Haltung hat die Region geprägt. Das bleibt.

Nach dem Ende der Zechen: Wie erklären Sie einem interessierten Laien in aller Kürze, was die RAG-Stiftung macht?

Tönjes: Nach 150 Jahren Bergbau bleibt die RAG in der Verantwortung für die Arbeiten, die jetzt anfallen. Die Stiftung finanziert zuallererst die Ewigkeitsaufgaben. Daneben fördert sie Projekte aus Bildung, Wissenschaft und Kultur und somit auch die Transformation der Region.

Folgekosten des Bergbaus höher als ursprünglich erwartetDie sogenannten Ewigkeitskosten nach dem Abschied vom Steinkohlenbergbau stemmt die RAG-Stiftung im Jahr 2019 zum ersten Mal. Sind Sie mit den veranschlagten knapp 300 Millionen Euro ausgekommen? Ursprünglich sollten es ja lediglich 230 Millionen Euro sein.

Tönjes: Wir werden in diesem Jahr knapp unter den angepeilten 300 Millionen Euro liegen, und unser Ziel ist es, die Kosten spürbar zu verringern. Mittelfristig streben wir 250 Millionen Euro an. Später wollen wir sogar auch durch technische Optimierungen unter 200 Millionen Euro kommen.

Kommt genug in die Kasse?

Tönjes: In diesem Jahr rechnen wir mit etwa 450 Millionen Euro. Unsere wichtigste Beteiligung ist der Chemiekonzern Evonik, hier halten wir 64 Prozent der Aktien. Die Einnahmen aus der Dividende von Evonik

machen einen Großteil unseres Ertrags aus. Hinzu kommen das Wohnungsunternehmen Vivawest, wo wir 40 Prozent halten, und der Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail mit zehn Prozent. Daneben streuen wir unsere Kapitalanlagen sehr breit. Wir haben auch stark in den Mittelstand investiert, gebündelt in unserer Beteiligungsgesellschaft RSBG, die bei etwa einer Milliarde Umsatz rund 8000 Menschen in ihren Gesellschaften beschäftigt. Mit kleineren Beträgen sind wir in rund 20.000 Unternehmen in der Welt investiert.

Klingt, als seien Sie mehr ein Konzern als eine Stiftung.

Tönjes: Wir sind eine unternehmerische Stiftung, keine gemeinnützige oder staatliche Einrichtung. Oder wenn Sie so wollen: Wir sind ein Stiftungskonzern. Das müssen wir auch sein. Wenn wir unser Geld einfach aufs Bankkonto legen würden, bekämen wir keine Zinsen und müssten im schlimmsten Fall noch draufzahlen. Das Zinsthema ist ein Problem für viele Unternehmen, das politisch angegangen werden muss. Ich möchte noch anmerken: Wir sind ein kleines Team. In unseren Büros auf Zollverein arbeiten gerade einmal 30 Leute für die Stiftung.

Was hat das Ruhrgebiet davon, wenn Sie ein Industrie-Konglomerat aufbauen, Geld in Mittelständler im Süden Deutschlands stecken oder Immobilien in den USA kaufen?

Tönjes: Zuallererst geht es darum, dass wir unser Geld sicher und möglichst gewinnbringend anlegen. Wir möchten unser Netzwerk aber auch zunehmend nutzen, um Ansiedlungen im Ruhrgebiet zu ermöglichen. Das zahlt auch auf die Transformation der Region ein. Das Unternehmen Stadler Rail, an dem wir beteiligt sind, hat beispielsweise für 35 Millionen Euro ein Werk in Herne mit 50 Arbeitsplätzen gebaut. Die Firma Rethink Robotics, die ebenfalls zu uns gehört, will sich in Bochum in direkter Nachbarschaft zur Lernfabrik der Ruhr-Universität niederlassen, zunächst ebenfalls mit 50 Jobs. Zusätzliche Beschäftigung ist absehbar. Wir möchten unser Geld nicht nur in New York, Seattle oder Detroit investieren, sondern, da wo es gute Renditen verspricht, auch vor der eigenen Haustür.

Was versprechen Sie sich von der Zusammenarbeit mit dem österreichischen Investor René Benko, der mit seiner Signa-Gruppe den Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof steuert?

Tönjes: Immobilienprojekte von Signa sind Teil unseres Anlageportfolios. Ich habe Herrn Benko als sehr klugen Investor kennengelernt.

Beim Chemiekonzern Evonik sind Sie Aufsichtsratschef. Sind Sie zufrieden damit, wie es im Unternehmen läuft?

Tönjes: Das schwierige Jahr 2019 hat Evonik gut überstanden, 2020 dürfte nicht leichter werden. Die Strategie des Evonik-Vorstands ist sehr stichhaltig und das Unternehmen trotz des konjunkturellen Gegenwinds auf Kurs. In der Chemiebranche gab es ja die eine oder andere Korrektur von Gewinnprognosen, nicht aber bei Evonik. Evonik liefert zuverlässig Ergebnisse. Neben dem Erzielen einer sicheren Jahresdividende ist die Wertsteigerung der Evonik aber auch weiterhin ein wichtiges Ziel für die RAG-Stiftung. Ein Euro Kursschwankung macht für uns 300 Millionen Euro mehr oder weniger Vermögen aus. Daher ist uns die gute Kursentwicklung von Evonik sehr wichtig.

Von einem großen Evonik-Aktienpaket haben Sie sich ja schon getrennt. Sind weitere Anteilsverkäufe geplant?

Tönjes: Wir haben bereits im Laufe des Jahres ein Aktienpaket verkauft und beim Zeitpunkt ein glückliches Händchen gehabt. Klar ist, dass wir ein signifikanter Anteilseigner von Evonik bleiben wollen.

Evonik-Vorstandschef Kullmann hat sich kritisch zur Klimaschutzbewegung Fridays for Future geäußert. Teilen Sie seine Einschätzung, es herrsche „Klimahysterie“?

Tönjes: Ich bin für eine differenzierte Sicht auf das Thema. Dass Fridays for Future angesichts der Größe der Herausforderung Druck macht, kann ich nachvollziehen. Die Bewegung schafft Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema. Aber Symbolpolitik löst keine Probleme. Mir ist wichtig: Evonik ist Teil der Lösung, nicht Teil des Problems. Das Unternehmen stellt viele Produkte her, die beim Klimaschutz unentbehrlich sind.

Wie grün ist die RAG-Stiftung?

Tönjes: Wir sind von Hause aus eine grüne Gesellschaft, denn wir stehen für den Abschied von der deutschen Steinkohle. Das letzte Stück deutsche Steinkohle hat Bundespräsident Steinmeier bekommen. Außerdem gehen wir sehr verantwortungsvoll mit den Folgen des Bergbaus um und stehen dabei insgesamt für Nachhaltigkeit.

Mit dem Ende der Zechen sind Tausende Arbeitsplätze weggefallen. Ist der Stellenabbau aus Ihrer Sicht fair und gut gelaufen?

Tönjes: Absolut. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren rund 80.000 Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut, etwa die Hälfte davon durch Vorruhestandsregelungen, die zweite Hälfte durch die Vermittlung in neue Jobs. Das war eine enorme Leistung.

Dennoch ist ein Streit um betriebsbedingte Kündigungen der RAG aufgeflammt. Kein Kumpel soll ins Bergfreie fallen, hieß es ja immer. 200 Beschäftigte haben dennoch eine betriebsbedingte Kündigung erhalten. Bedauern Sie, dass es dazu kam?

Tönjes: Der sozialverträgliche Stellenabbau ist uns über all die Jahre hinweg nur gelungen, weil es die Bereitschaft der Menschen gab, sich solidarisch zu beteiligen und gegebenenfalls neue Jobs anzunehmen. Wir reden über Menschen, die um die 50 Jahre alt sind. Hier gibt es keinen Anspruch auf Vorruhestand. Die RAG hat jeden bei der Suche nach einem neuen Job unterstützt. Aber die Leute müssen sich auch helfen lassen.

Ein wichtiges Thema im Ruhrgebiet ist die Flächenentwicklung. Wie schnell können Sie zusätzliche Flächen für Ansiedlungen bereitstellen?

Tönjes: Bis heute hat die RAG Montan Immobilien rund 9.000 Hektar Fläche neuen Nutzungen zugeführt. Weitere 2.000 Hektar stehen 2019 zur Entwicklung an. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Standorte

zu entwickeln. Klar ist: Unsere Flächen bieten erhebliche Potenziale. Auf dem Gelände der Zeche Ewald in Herten zum Beispiel sind bereits 1500 neue Arbeitsplätze entstanden. Eine riesige Chance gibt es mit dem Projekt „Freiheit Emscher“ an der Stadtgrenze von Bottrop und Essen. Bislang ist das Areal Niemandsland, in absehbarer Zeit könnte hier ein neues Vorzeigeviertel entstehen.

Ein neuer Regionalplan sollte dem Ruhrgebiet eigentlich einen Schub geben. Doch das Vorhaben des Regionalverbands Ruhr (RVR) ist vorerst gescheitert. Was sind die Folgen?

Tönjes: Das ist ein riesiger Imageschaden für das Ruhrgebiet. Es entsteht das Bild einer Region, die es nicht schafft. Das ist genau das, was wir nicht wollen. Faktisch sind die Auswirkungen auf die Ruhrgebietsstädte unterschiedlich. Es gäbe gute Argumente, für das Ruhrgebiet einen eigenen Regierungsbezirk zu schaffen.

Thyssenkrupp – einst ein wichtiger Aktionär und Kunde der RAG – ist in einer tiefen Krise. Befürchten Sie negative Auswirkungen auf das Ruhrgebiet?

Tönjes: Wie kaum ein anderes Unternehmen steht Thyssenkrupp für die Identität des Ruhrgebiets. Die Bedeutung des Konzerns kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mich persönlich hat es erstaunt, dass das Unternehmen vor kurzem noch weg vom Stahl wollte und den Stahl nun zum Kerngeschäft macht.

Was halten Sie von der Idee von Staatsministerin Michelle Müntefering, ein Denkmal für die Gastarbeiter zu errichten? Wäre das Zollverein-Areal ein guter Ort?

Tönjes: Ich könnte mir das sehr wohl vorstellen. Ohne Gastarbeiter wäre der wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg sicherlich nicht so schnell gelungen. Es ist eine gute Idee, diese Leistung zu würdigen – auch als Symbol gegen Fremdenfeindlichkeit.

Der Initiativkreis Ruhr, den Sie führen, befürwortet die Idee zur Austragung der Olympischen Spiele an Rhein und Ruhr im Jahr 2032. Bringt sich die RAG-Stiftung ebenfalls ein – auch mit Geld?

Tönjes: Wir unterstützen die Initiative, weil wir von der Idee, nachhaltige Olympische Spiele in die Region zu holen, überzeugt sind. Mich treibt insbesondere der Gedanke an, mit den Olympischen Spielen auch Verbesserungen in Sachen Mobilität zu erreichen.

Wie ist es eigentlich mit Ihrem Aufsichtsratsvorsitz beim BVB-Sponsor Evonik vereinbar, dass Sie Fan von Schalke sind?

Tönjes: Gut, denn wir sind ja tolerante Menschen.

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