EU-Austritt

Leere Regale, lange Staus: So groß ist das Brexit-Debakel

| Lesedauer: 5 Minuten
Benzin wird in Großbritannien immer knapper

Benzin wird in Großbritannien immer knapper

In Großbritannien haben sich infolge der Benzin-Engpässe erneut lange Schlangen vor den Tankstellen gebildet. Ein Hauptgrund sind zehntausende fehlende Lkw-Fahrer.

Beschreibung anzeigen

London.  Lieferketten-Chaos, Personalmangel, geschlossene Restaurants: Großbritanniens Wirtschaft bekommt die Brexit-Auswirkungen zu spüren.

Autoschlangen, die sich mehrere Hundert Meter um die Häuser ziehen, leere Zapfsäulen, Handgreiflichkeiten zwischen wütenden Autofahrern: An den britischen Tankstellen ist dieser Tage miese Stimmung.

Seit vergangener Woche ist das Benzin knapp, unzählige Tankstellen mussten schließen, weil kein Nachschub an Treibstoff kam. Am Montag ordnete die britische Regierung sogar die Armee an, ihre Fahrer in Bereitschaft zu halten, um im Notfall „zusätzliche Kapazität“ zu schaffen, wie Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng sagte.

Brexit: Großbritanniens Wirtschaft kämpft mit den Folgen

Die Krise an den Zapfsäulen ist die jüngste in einer ganzen Reihe Notlagen, von denen die britische Wirtschaft seit dem Sommer geplagt wird: In den Supermärkten sieht man leere Gemüseregale, eine Fast-Food-Kette musste vorübergehend mehrere Restaurants schließen, weil keine Hühnchen geliefert wurden, und Baufirmen haben Mühe, genügend Zement und Isolationsmaterial zu beschaffen. Zuletzt ist eine Gasknappheit hinzugekommen, die viele kleine Energiefirmen in die Pleite getrieben hat.

Die britische Regierung ist bemüht, das Versorgungschaos der Pandemie sowie den stockenden globalen Lieferketten in die Schuhe zu schieben. Beide Faktoren spielen eine wichtige Rolle, aber dazu kommt noch etwas, über das man in London ungern spricht: Brexit.

Brexit: 100.000 Lastwagenfahrer fehlen in Großbritannien

Im Kern geht es um Personalmangel: fehlende Lastwagenfahrer, die die Güter an ihren Verkaufsort bringen – sei es Benzin für die Tankstellen, Bier für die Pubs, Fleisch für die Restaurants. Laut Branchenverband Road Haulage Association (RHA) sind derzeit rund 100.000 Stellen unbesetzt.

Das ist einerseits ein langfristiges Pro­blem – schlechte Bezahlung und lange Arbeitszeiten haben dazu geführt, dass sich immer weniger junge Leute zu Fahrern ausbilden lassen.

Aber der Personalmangel wird verschärft durch die Rückkehr vieler EU-Migranten in ihre Heimatländer. Laut Zahlen der britischen Statistikbehörde haben in den zwölf Monaten bis Juni 2020 14.000 Fahrer aus EU-Staaten das Land verlassen – seither sind gerade mal 600 zurück auf die Insel gekommen. Der zusätzliche Papierkram, den EU-Fahrer seit Januar bewältigen müssen, hält viele von der Rückkehr ab.

Käse- und Rindfleischexporte sind eingebrochen

In anderen Branchen hat das Ende der Personenfreizügigkeit dafür gesorgt, dass EU-Migranten aufgrund tiefer Löhne sich nicht mehr qualifizieren für ein Arbeitsvisum in Großbritannien. „Manche Sektoren wie Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und Fracht haben in der Vergangenheit eine große Zahl an EU-Bürgern beschäftigt, und sie haben jetzt Mühe, die EU-Arbeiter zu ersetzen“, schreibt der Thinktank Institute for Government.

Der Brexit hat auch Handelsfirmen getroffen. Die seit Januar geltenden bürokratischen Hürden für viele Exportgüter haben teils starke Einbußen für britische Unternehmen verursacht. Besonders die Ausfuhr von Käse und Rindfleisch in die EU ist eingebrochen: Der Branchenverband Food and Drink Federation (FDF) meldete einen Verlust von zwei Milliarden Pfund im ersten Halbjahr 2021.

Zwar haben die Exporte in Drittstaaten etwas zugenommen, aber Dominic Goudie von der FDF sagte, dass dies „den desaströsen Verlust“ im Handel mit der EU bei Weitem nicht wettmachen könne. Insgesamt ist der Güterhandel mit der EU im ersten Quartal 2021 um 23 Prozent geschrumpft im Vergleich zu 2018.

Der völlige Wirtschaftszusammenbruch ist ausgeblieben

Zwar sind viele Brexit-Folgen von der Pandemie überschattet worden, und oft lässt sich nur schwer feststellen, welcher Faktor mehr ins Gewicht fällt. Auch ist die große Brexit-Katastrophe, die manche Beobachter vorausgesagt hatten – ein völliger Zusammenbruch der Wirtschaft –, nicht eingetreten. Vielmehr trifft der EU-Austritt die Brexit-Insel wie eine stete Folge mehr oder weniger schwerer Schläge.

Manche machen Schlagzeilen, etwa der Mangel an Lkw-Fahrern, andere sind subtiler, aber nicht weniger folgenreich. Eine neue Studie beispielsweise ist zum Schluss gekommen, dass der Wertverlust des britischen Pfunds seit dem Leave-Votum im Juni 2016 den Lebensstandard der Briten um annähernd drei Prozent gemindert hat.

Britische Regierung beschwichtigt

Die Regierung in London beschwichtigt, dass alles nicht so schlimm sei. Transportminister Grant Shapps sagte am Wochenende, dass auch in anderen EU-Ländern die Fahrer fehlen; mehr noch: „Brexit war Teil der Lösung.“

Er habe dank der britischen Eigenständigkeit anordnen können, dass mehr Lkw-Fahrertests absolviert werden können. Rod McKenzie von der Road Haulage Association hat für solche Behauptungen nichts übrig: „Die Vorstellung, dass der Brexit uns in irgendeiner Weise geholfen hat, widerspricht jeder Logik.“

Zollkontrollen sollen erst später kommen

Dass das Ende der Personenfreizügigkeit größere Probleme schafft, weiß die Regierung. Sie hat zusätzliche Visa für Landarbeiter ausgegeben, zudem sollen 5000 Angestellte in der Geflügelverarbeitung sowie 5000 Lkw-Fahrer die vorübergehende Arbeitserlaubnis erhalten. Aber diese Programme sind mit erheblicher Bürokratie verbunden, und „es ist unklar, wie attraktiv die temporären Visa für EU-Bürger sind“, wie das Institute for Government lapidar feststellt.

Auch hat die britische Regierung entschieden, Zollkontrollen für Importe aus der EU erst zu einem späteren Zeitpunkt einzuführen – ein nachvollziehbarer Schritt, aber kaum vereinbar mit dem Brexit-Versprechen, die „Kontrolle zurückzuerobern“. Alles andere als der angekündigte Triumph, ist der Brexit vor allem „eine Übung in stiller Schadenbegrenzung“ geworden, wie die „Financial Times“ kürzlich schrieb.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben