Künstliche Intelligenz

Clearview-Skandal: Testen Sie, was Gesichtserkennung kann

Viele Menschen haben schon Spuren im Internet hinterlassen – eine US-Firma hat sie nun in einer Datenbank gesammelt.

Viele Menschen haben schon Spuren im Internet hinterlassen – eine US-Firma hat sie nun in einer Datenbank gesammelt.

Foto: Peopleimages / iStock

Berlin.  Die US-Firma Clearview hat für Gesichtserkennungen Fotos aus dem Netz abgegriffen. Testen Sie, was mit legalen Mitteln möglich ist.

Eine Brille, die den Namen, das Alter und die Telefonnummer jeder Person in Sichtweite anzeigt: So ein Gerät war in Science-Fiction-Filmen schon zu sehen. Nun arbeitet eine US-Firma offenbar hart daran, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Clearview AI hat öffentlich zugängliche Fotos von Millionen Menschen ausgelesen und in einer Datenbank zur Gesichtserkennung gespeichert.

Die reine Existenz der Anwendung hat eine riesige Diskussion ausgelöst. Datenschützer zeigen sich alarmiert. Technikexperten glauben, dass damit eine Grenze überschritten ist, hinter die es jetzt kein Zurück mehr gibt.

Seehofer will doch keine Gesichtserkennung an Flughäfen und Bahnhöfen

Die Grünen lehnen daher die weitere Ausbreitung dieser Techniken ab. „Für solche Unternehmen müsste man den Marktzugang in der EU sperren“, sagte Digitalpolitiker Dieter Janecek unserer Redaktion. „Das Missbrauchsrisiko ist zu hoch.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) wollte dagegen die Anwendung der Gesichtserkennung zunächst ausweiten, macht aber nun einen Rückzieher.

Er will der Bundespolizei nun doch nicht erlauben, an sicherheitsrelevanten Orten Software zur Gesichtserkennung einzusetzen. In einem Entwurf für das neue Bundespolizeigesetz, der am Donnerstag zur Abstimmung an die anderen Ressorts der Bundesregierung ging, ist davon nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur nicht mehr die Rede. Zuvor hatte der „Spiegel“ berichtet, dass in einem Gesetzesentwurf die Nutzung von Gesichtserkennung vorgesehen war.

In den USA haben sich Realität und politische Debatte voneinander abgekoppelt. Clearview feiert einen Erfolg nach dem anderen, während das politische Washington noch mit der Folgenabschätzung der Technik ringt. Ausschüsse beschäftigen sich dort mit dem richtigen Rahmen für solche Anwendungen künstlicher Intelligenz, während Clearview sich bei über 600 Auftraggebern – vor allem Sicherheitsbehörden – im Praxiseinsatz bewährt.

Clearview-Skandal – Testen Sie hier, was Kameras aus Ihrem Gesicht lesen können:

Polizei ermittelt mit Clearview Mörder innerhalb weniger Minuten

Den ersten Erfolg feierte Clearview AI im Februar vergangenen Jahres, kurz nach Einführung des Dienstes. Die Polizei im US-Bundesstaat Indiana hatte einen Testzugang erhalten. Ihr erstes Experiment führte innerhalb weniger Minuten zur Aufklärung eines Mordes. Ein Mann hatte einen anderen auf einem Parkplatz erschossen; vom Täter gab es nur ein unscharfes Handyfoto. Clearview lieferte sofort den Namen des Mannes. Die Polizeidatenbank hatte keinen Treffer ausgespuckt.

Die Polizei von Indiana wurde einer der ersten professionellen Kunden des Unternehmens, berichtet die Zeitung „New York Times“. Seitdem häufen sich aus ganz Amerika begeisterte Berichte von Polizisten, die Verdächtige anhand unscharfer Fotos innerhalb von Minuten identifizieren – darunter eben auch solche, von denen die Behörden kein offizielles Bild besitzen.

Eine Datenbrille zur sofortigen Identifikation aller Personen in Sichtweite liegt zwar noch in der Zukunft, der Zeitung zufolge ist so eine Funktion jedoch vorgesehen. Klar ist, dass Einzelbilder von Überwachungsvideos jetzt schon ausreichen, um sie binnen Sekunden zu identifizieren.

Clearview will alle gesammelten Daten behalten

Die offenbar weitgehend richtige Annahme von Clearview war, dass es von fast allen Menschen Fotos im Netz gibt. Auf der Seite des Sportvereins. Auf Facebook. Beim Arbeitgeber. Auf der eigenen Homepage. Im Ebay-Profil. Irgendwo. Die Programme des Unternehmens haben das Netz systematisch nach Fotos durchstöbert. Sie haben dabei Gesichtsdaten von drei Milliarden Bildern für die Erkennung aufbereitet.

Die hohe Zahl lässt darauf schließen, dass die Suche sehr weitgefächert läuft – es werden sich also auch Deutsche unter den erfassten Profilen befinden. Es nützt nun nichts mehr, die eigenen Daten auf Facebook in den Einstellungen nachträglich unsichtbar zu machen. Das Unternehmen hat angekündigt, alle bereits gesammelten Daten behalten zu wollen.

Selbst der Google-Chef fordert strengere Regularien

Technisch war all das schon lange möglich. Der Suchmaschinengigant Google könnte eine Rückwärtssuche vom Gesicht zu den damit verbundenen Infos vermutlich über Nacht freischalten. Es ist alles vorhanden: ausgereifte Programme zur Gesichtserkennung ebenso wie eine Datenbank aller Fotos im Netz.

Doch die großen Internetfirmen haben bisher davor zurückgeschreckt, Dienste zur Gesichtssuche anzubieten. Die Auswirkungen auf die Datensicherheit sind zu weitreichend. Abgesehen von ethischen und gesellschaftlichen Bedenken kamen hier juristische Befürchtungen hinzu. Google-Chef Sundar Pichai hat am Montag in Brüssel sogar eine strengere Regulierung der Anwendungen von künstlicher Intelligenz gefordert.

Gesichtserkennung: Andere Unternehmen dürften nachziehen

Tatsächlich bewegt sich Clearview AI auf dünnem Eis. Die Bilder in der Datenbank sind zum Teil einfach von Twitter, Instagram, Facebook abgesaugt. Diese Dienste verbieten jedoch so eine Nutzung durch ihre Geschäftsbedingungen. Andere Fotos kommen Internet-Theorien zufolge von dienstlichen und privaten Webseiten. Hier dürfte sich Clearview AI in vielen Fällen ebenfalls angreifbar gemacht haben.

Die USA erlauben in vielerlei Hinsicht mehr Datenverarbeitung als Europa, doch Fragen des geistigen Eigentums nimmt die dortige Justiz ebenfalls ernst. Dennoch glaubt kaum ein Technikexperte, dass der Geist zurück in die Flasche schlüpft. Selbst wenn Clearview wider Erwarten noch scheitert, werden andere Unternehmen mit ähnlichen Angeboten nachziehen.

Hintergrund: KI: Wie Deutschland um den Anschluss kämpft

In Europa formiert sich derweil mehr und mehr Widerstand gegen Gesichtserkennung jeder Art. Die EU-Kommission unter ihrer neuen Präsidentin Ursula von der Leyen will dazu neue Regeln setzen. Der Entwurf für ein „Weißbuch Künstliche Intelligenz“ sieht unter anderem ein Verbot der Nutzung von Gesichtserkennung anhand von Kameras im öffentlichen Raum vor.

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