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Coworking-Space: Gute Geschäfte mit dem Teilzeitbüro

Die Nachfrage nach Coworking-Spaces steigt (Symbolbild).

Die Nachfrage nach Coworking-Spaces steigt (Symbolbild).

Foto: Leonardo Patrizi / Getty Images/iStock

Berlin  Anbieter von Coworking-Spaces erzielen Preise weit über den regulären Mieten. Die Büros sind nicht mehr nur bei Start-ups beliebt.

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Wer zum Arbeiten lediglich einen „Hot Desk“ benötigt, der ist bei der US-Firma Wework richtig. In Berlin-Mitte, zwei Minuten vom Potsdamer Platz entfernt, sitzen in einem großen Raum rund ein Dutzend meist junger Leute an einem langen Arbeitstisch. Ihre Laptops sind aufgeklappt, vielleicht entwickeln sie gerade einen Onlineshop, eine Digitalbank oder das nächste große Ding nach Facebook. Der Platz an einem solchen Gemeinschaftsschreibtisch jedenfalls ist ihnen 370 Euro Miete pro Monat wert.

Coworking-Spaces werden solche Bürogebäude genannt. Firmengründer, Selbstständige, Kreative, aber auch große Firmen buchen kurzfristig Schreibtische oder Räume in großen Gemeinschaftsbüros, in denen sie automatisch in Kontakt mit fremden Menschen kommen. Viele der Computerarbeiter sind irgendwie auf der Durchreise, machen für ein paar Tage, Wochen oder Monate Station, bevor sie das Arbeitsleben an einen anderen Ort schickt. Der Anbieter der Büros stellt die Infrastruktur wie Internet und er sorgt für Wohlfühl-Ambiente.

Auszeit im bequemen Sessel

Solche Büroimmobilien kamen erstmals 2017 in großem Umfang auf den deutschen Markt. Seither ist die Nachfrage stetig gestiegen. „Die Anmietung durch Coworking-Betreiber nahm im ersten Halbjahr 2018 weiter zu und hat jetzt einen Anteil von rund sieben Prozent des Flächenumsatzes bei Büroflächen erreicht“, sagt Susanne Kiese von der Immobilien-Beratungsfirma Colliers.

Ihre Aussage gilt für die sieben wichtigsten Bürostädte der Bundesrepublik: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Dort gibt es Dutzende Anbieter, die mittlerweile Zehntausenden Coworkern Büros auf Zeit vermieten. Alleine Wework aus New York, einer der großen Vermarkter, betreibt 15 Standorte in Deutschland und will weitere eröffnen. „Berlin hat nach London europaweit die meisten Coworking-Spaces“, heißt es von der Berliner Bauverwaltung. In der neuen Niederlassung von Wework unweit des Potsdamer Platzes herrscht eine Atmosphäre wie in einem Starbucks-Café und einer Uni-Mensa zugleich. Die großzügigen Thekenbereiche auf jeder Etage bieten gratis Saft, Kaffee, Obst, manchmal auch Bier vom Fass. Bei leiser Soulmusik gönnen sich die Mieter in bequemen Sesseln eine Auszeit. Auf den Lesetischen der Sofaecken liegen Bücher über David Bowie, der in den Hansa-Studios um die Ecke einige Songs aufnahm.

Mietpreise über 200 Euro pro Quadratmeter

Weniger großzügig geht es hingegen in den einzelnen Büros zu. Nicht selten quetschen die Betreiber zwei Schreibtische in Kammern, die gerade einmal fünf Quadratmeter messen. „Die Enge ist ein gewisser Nachteil“, sagt ein Nutzer, der seinen Namen nicht online lesen möchte. „Aber die Gemeinschaftsflächen wiegen das auf.“ Das Raumkonzept folgt der Logik, möglichst viele zahlende Kunden pro Flächeneinheit zu versammeln.

Für ein „privates Office“ mit zwei Arbeitsplätzen stellt Wework beispielsweise 1160 Euro pro Monat in Rechnung. Das läuft schon mal auf Quadratmeter-Mieten in der Größenordnung von 200 Euro hinaus. Zum Vergleich: Spitzenpreise für konventionelle Büros liegen derzeit bei 25 oder auch 35 Euro pro Quadratmeter. Für Coworking-Anbieter, die Preise wie Wework verlangen, scheint dies ein lukratives Geschäft zu sein – auch wenn sie die Kosten für die Büroverwaltung, das schnelle Internet, die Küche und den Kaffee tragen. Kein Wunder, dass das New Yorker Start-up Wework mittlerweile mit fast 20 Milliarden US-Dollar bewertet wird.

Unternehmen entdecken Vorteile von Coworking-Spaces

Die Einschätzungen über diese Entwicklung gehen auseinander. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Canan Bayram kritisiert: „So kann noch mehr Geld pro Quadratmeter aus einer Immobilie rausgeholt werden. Die Digital-Ökonomie treibt die Preise immer weiter hoch.“ Sie verweist darauf, dass auch Wohnungen teurer werden, wenn die Preise für Gewerbe-Immobilien anziehen. Immobilienberaterin Kiese dagegen sagt: „Die Mietpreise lassen sich mit den üblichen Büroimmobilien nicht direkt vergleichen. Coworking-Spaces bieten besondere Dienstleistungen und hohe Flexibilität, die sich die Anbieter bezahlen lassen.“

Die Idee für das Coworking kommt eigentlich aus einer anderen Ecke. Geboren wurde sie in der Szene der kreativen Berufe und Firmengründer, die sich alte, runtergekommene und billige Fabriketagen teilten, die nicht selten Gründerzentrum hießen. Diese Leute merkten, dass sie in Netzwerken aus unterschiedlichen Betrieben, Qualifikationen und Heimaten erfolgreicher arbeiteten. Erst später entdeckten Immobilienentwickler und Großunternehmen das Geschäft. So wie auch die Deutsche Bahn.

Schnell und experimentierfreudig

Das Verkehrsunternehmen betreibt in Berlin seinen eigenen Coworking-Space, die sogenannte Mindbox, wo DB-Mitarbeiter und Start-ups kooperieren. Ein Motiv der Bahn: Man will sich die Schnelligkeit und Experimentierfreude der jungen Leute zunutze machen. Im kommenden Herbst dann mietet die Bahn von Wework acht Etagen für 350 Leute in Berlin. „Coworking-Spaces sind für die DB eine gute Möglichkeit, den Bedarf an Arbeitsplätzen flexibel zu decken“, erklärt eine Sprecherin.

Solche Motive hat auch die Beratungsfirma Colliers in einer Umfrage ermittelt. Gerade große Unternehmen buchen gerne Büros auf Zeit, wenn sie vorübergehend zusätzlichen Raum in der Nähe ihrer Standorte brauchen, der sonst schwer zu bekommen ist. Dass Büroflächen in vielen deutschen Großstädten knapp sind, spielt den Coworking-Unternehmen in die Hände. Weiterer Vorteil für große Mieter wie die Bahn: Pro Arbeitsplatz liegen die Kosten der Gemeinschaftsbüros oft unter denen eigener Standorte. Denn die auf Immobilien-Management spezialisierten Firmen arbeiten effizienter.

Am Nachmittag trinken einige Mieter von Wework am Potsdamer Platz noch ein Bier auf der Dachterrasse. Der Blick fällt hinüber zu dem gelben Debis-Hochhaus mit dem riesigen grünen Leuchtwürfel auf dem Dach. Auch dort wird das Coworking-Unternehmen aus New York demnächst wohl einige Stockwerke vermarkten.

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