Interview

Der Kampf der IG Metall um die Vier-Tage-Woche

Jörg Hofmann, Chef der IG Metall.

Foto: Stephan Eickershoff

Jörg Hofmann, Chef der IG Metall. Foto: Stephan Eickershoff

Frankfurt/Main.  IG-Metallchef Jörg Hofmann erklärt, warum die IG Metall diesmal einen Tarifstreit führt für Menschen, die Kinder hüten oder Eltern pflegen.

Aus seinem Büro hoch oben über dem Mainufer hat Jörg Hofmann die Bankentower im Blick – im Kopf hat er dieser Tage eher die Zentralen der Industrie-Riesen. Der Chef der IG Metall fordert im Gespräch mit Stefan Schulte das Recht auf eine Vier-Tage-Woche, geißelt die mangelnde Bodenhaftung der Industriekapitäne und kritisiert die Inhaltsleere der SPD.

Herr Hofmann, Sie fordern ein Recht auf die Vier-Tage-Woche, die Arbeitgeber klagen über Fachkräftemangel und fordern eher längere Arbeitszeiten. Wie soll das zusammen gehen?

Jörg Hofmann: Die Arbeitszeiten sind längst hart am Limit dessen, was noch gesund ist. Ja, wir brauchen Fachkräfte. Eine Branche, die es sich aber leistet, nur 20 Prozent Frauen zu beschäftigen, hat nun wirklich allen Grund, sich attraktivere Arbeitszeitmodelle zu geben. Wer Fachkräfte sucht, muss mehr bieten als ein starres Modell aus Vollzeit, Überstunden, ausufernde Flexibilität und immer höherem Arbeitsdruck.

Sie führen diesen Konflikt, um mehr Frauen in die Metallindustrie zu locken?

Hofmann: Auch dies. Fest steht, dass attraktive Arbeitszeitmodelle für junge Menschen mitentscheidend sind bei der Berufswahl. Und fest steht, dass in belastenden Arbeitszeiten, wie Schichtarbeit, Arbeitszeitreduzierung die beste Gesundheitsprävention ist. Es geht darum vorhandene Fachkräfte zu halten und neue zu gewinnen.

„Wir fordern ja keine kollektive Arbeitszeitverkürzung.“

Der letzte große Arbeitszeit-Kampf fand 2003 um die 35-Stunden-Woche im Osten statt – und endete in einem Desaster. Jetzt wollen Sie die 28-Stunden-Woche ermöglichen. Warum sollte es diesmal besser ausgehen?

Hofmann: Wir fordern ja keine kollektive Arbeitszeitverkürzung, sondern eine Wahloption, befristet zu verkürzen. Und dort, wo es darum geht, Angehörige zu pflegen, sich um die Kinder zu kümmern oder präventiv, etwa bei Schichtarbeit, die Gesundheit zu schützen geht es um einen Zuschuss, der sich an den unteren Lohngruppen orientiert, damit sich das auch jeder leisten kann. Wer Arbeitszeit reduziert erhält in der untersten Lohngruppe den halben Lohnausgleich, wer mehr verdient, muss auch mehr verzichten. Wir fordern also keine Komfortmatratze.

Niemand bezweifelt, dass junge Eltern und Menschen, die Angehörige pflegen, mehr Zeit gebrauchen könnten. Aber ist das nicht eine Aufgabe des Staates? Die Arbeitgeber wollen nicht für weniger Arbeit zahlen müssen.

Hofmann: Wer Angehörige pflegt oder sich um Kinder kümmert, arbeitet doch nicht weniger! Von dem hohen Ross müssen wir die Arbeitgeber herunterholen. Sie leben offenbar in einer anderen Welt - einer in der man sich Haushaltshilfen, Nachhilfelehrer und private Pflegekräfte leisten kann. Wer selbst erzieht, betreut und pflegt, hat mehr Respekt verdient. Wer da von Nichtstun redet, ist zynisch, so eine Unverfrorenheit bringt mich zur Weißglut.

Nochmal: Ist es nicht trotzdem Aufgabe des Staates, sich um bessere Bedingungen für Pflegende zu kümmern?

Hofmann: Wer ist denn der Staat? Die Steuern, mit denen das bezahlt werden soll, kommen doch nur im geringen Maße aus der Unternehmensbesteuerung. Die Botschaft der Arbeitgeber an die Beschäftigten ist also: zahlt das selbst. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass dies eine moderne tarifliche Sozialleistung ist, an der sich auch die Arbeitgeber beteiligen müssen- so wie Urlaubsgeld und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Eigentum verpflichtet – auch gegenüber dem Gemeinwohl.

„So eine Unverfrorenheit bringt mich zur Weißglut.“

Die Wirtschaft brummt, auch die Metallindustrie. Sie hätten die Chance, ein dickes Lohnplus rauszuholen, stattdessen legen Sie den Fokus auf die Arbeitszeit. Sind Sie sicher, dass die Mehrheit der Beschäftigten das will?

Hofmann: Das sind zwei getrennte Themen ...

... und damit zwei Verhandlungsmassen. Zugeständnisse auf der einen Seite werden immer auf der anderen gegengerechnet ...

Hofmann: ...wenn Tarifpolitik Mathematik wäre, hätten Sie Recht. Aber es ist Politik. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir mit qualitativen Themen die Menschen am meisten bewegen – und das erhöht den Druck auf die Arbeitgeber, was zu besseren Abschlüssen führt. Bisher hat ein Erfolg auf qualitativer Ebene, etwa zur Altersteilzeit, noch nie das Lohnplus gemindert. Wir haben außerdem vorher die Beschäftigten befragt und 680.000 haben uns deutlich gemacht: Das Thema Arbeitszeit steht weit oben auf ihrer Agenda, denn sie läuft oft gegen ihre persönliche Lebenslage.

Sie wollen auch ein Rückkehrrecht in Vollzeit durchsetzen. Sehen Sie sich als Reparaturbetrieb der Politik, die das nicht hinbekommen hat?

Hofmann: Bei uns geht es nicht um Teilzeit, sondern um Vollzeitmodelle mit reduzierter Stundenzahl. Wir wollen damit Flexibilität auch nach unten ermöglichen, wo es bislang innerhalb von Quoten nur Flexibilität nach oben gibt. Das ist nur bedingt vergleichbar mit dem, was die Große Koalition nicht geschafft hat. Wir sind nicht Reparaturbetrieb, wir entwickeln den Sozialstaat weiter. Tarifpolitik hat vieles erreicht, was erst später zur Norm für die ganze Gesellschaft wurde. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben Arbeiter im Winter 1956 in Schleswig-Holstein erkämpft, bevor daraus ein Gesetz für alle wurde. Ähnlich war es bei den Höchstarbeitszeiten. Viele Gesetze des modernen Sozialstaats hatten tarifvertragliche Vorläufer.

„Das Land nicht in Trippelschritten regieren.“

Also erwarten Sie von der nächsten Regierung, dass sie Ihnen folgt und ein Rückkehrrecht in Vollzeit durchsetzt?

Hofmann: Natürlich sind wir sehr dafür, den Teilzeitbeschäftigten das Recht auf Rückkehr in Vollzeit zu ermöglichen, damit sie nicht in der Teilzeitfalle landen.

Sie würden eine neue GroKo begrüßen?

Hofmann: Was wir nicht brauchen, ist eine neue GroKo, die das Land in Trippelschritten regiert. Eine GroKo rechtfertigt sich mit dem Mut zu großen Lösungen für die Fragen, die die gewaltigen Veränderungen- allen voran die Digitalisierung der Arbeit und der Gesellschaft - aufwerfen. Mit etwas Breitband-Ausbau ist das nicht getan. Es geht um Gerechtigkeit und Verteilung. So ist unser Bildungssystem in keiner Weise vorbereitet auf die Dynamik der Veränderungen und damit droht die Gefahr, dass viele ausgegrenzt werden. Und wir brauchen mehr Mitbestimmung und Tarifbindung, damit es gerecht zugeht. Angesichts aktueller Tendenzen in Konzernen, neue Geschäftsmodelle in getrennten Unternehmen außerhalb der Tarifbindung zu etablieren, gilt es, die kollektive Fortwirkung der Tarifverträge in diesen Ausgliederungen festzuschreiben.

Die SPD tut sich mit der GroKo besonders schwer. Sigmar Gabriel hat seine Partei ermahnt, sie habe die Industrie und damit ihre Kernklientel vernachlässigt. Teilt die größte Industrie-Gewerkschaft Deutschlands das?

Hofmann: Ich sehe schon die Chance, dass eine GroKo die Interessen der Industrie und ihrer Beschäftigten aufnimmt. Das Problem der SPD sehe ich woanders: Sie muss eine neue Geschichte zum Begriff Gerechtigkeit schreiben. Es reicht nicht, das Wort auf Plakate zu drucken, die SPD muss schon mal konkret und für den Bürger nachvollziehbar durchbuchstabieren, was sie unter Gerechtigkeit versteht.

„Retroblick auf Gerechtigkeitsdebatte der 70er-Jahre“

Sie meinen, der Gerechtigkeitsbegriff der SPD-Spitze ist eine leere Hülle?

Hofmann: Es reicht nicht der Retroblick auf die Gerechtigkeitsdebatte der 70er-Jahre. Damit können die Menschen heute nichts mehr anfangen, sie suchen Antworten auf ihre aktuellen Fragen und Zukunftssorgen, etwa ob die Digitalisierung ihre Jobs gefährdet, und wie sich das verhindern lässt. Oder wie sie als Alleinerziehende über die Runden kommen sollen.

Wir haben Rekordaufschwung und Rekordbeschäftigung. Gleichzeitig gibt es einige Krisenherde, bei Thyssen-Krupp, Siemens und General Electric bangen die Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze. Steckt die alte Industrie in der Krise?

Hofmann: Nein. Wir müssen aber feststellen, dass sich Unternehmenslenker wieder stärker von den Finanzmärkten treiben lassen. Das endete zuletzt im Fiasko der großen Krise 2008/09, danach wurde mehr Nachhaltigkeit und weniger kurzfristiges Renditedenken gepredigt. Doch seit ein paar Jahren schlägt das Pendel wieder gefährlich in die falsche Richtung zurück.

Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger ist demnach zu markthörig?

Hofmann: Zu einzelnen Personen äußere ich mich nicht. Manchmal sind die Aktienmärkte ja auch schlauer als die Vorstände. Wenn ich mir die Thyssenkrupp-Aktie in den vergangenen Wochen so anschaue, sehen viele Anleger den Konzern mit seinen Plänen, den Stahl loszuwerden, offenbar auf dem Weg in eine Sackgasse.

„Vorstandsbezüge am Erfolg ausrichten“

Fehlt manchen Konzernchefs der Sinn fürs Traditionelle?

Hofmann: Das hat eher etwas damit zu tun, wer woher kommt. Wer seinen Laden und die Branche seit jeher kennt, hat einen anderen Bezug zu den Wurzeln als jemand von außen. Ich halte es schon für sehr wichtig, dass der Vorstand ein Grundverständnis für die Branche hat und um ihre Relevanz jenseits der Ertragszahlen weiß.

Tragen die hohen Vorstandsgehälter dazu bei, den Bezug zu den Mitarbeiter-Sorgen zu verlieren?

Hofmann: Ja, vor allem dann, wenn sie sich zu sehr an kurzfristiger Rendite und Aktienkurs orientieren. Deshalb haben wir in diesem Jahr in den Aufsichtsräten erneut gefordert, die Vorstandsbezüge mehr am langfristigen Erfolg auszurichten, etwa an der Beschäftigtenzahl oder der Zufriedenheit der Mitarbeiter. Wir müssen über Obergrenzen reden und letztlich auch die Zielvorgaben der Vorstände entschleunigen: Sie sollen nicht zum schnellstmöglichen Profit animiert werden, sondern dazu, das Unternehmen nachhaltig stark zu machen. Und es darf den Vorständen nicht egal sein, ob Tausende Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verlieren, nur damit die Märkte jubeln.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik