Weltneuheit

Weltneuheit: Ein Kunstrasen aus dem Klimakiller CO2

Der neue Kunstrasen des Crefelder HTC liegt auf einem Unterboden aus CO2.

Der neue Kunstrasen des Crefelder HTC liegt auf einem Unterboden aus CO2.

Foto: Olaf Fuhrmann

Krefeld.   Covestro hat den weltweit ersten Boden aus Kohlendioxid entwickelt, auf dem in Krefeld Hockey gespielt wird. Klimaexperte: Interessante Option

Auf einem blauen Kunstrasen in Krefeld: Die Feldhockeyspieler Oskar Deecke und Niklas Wellen spielen den Ball hin und her. In einem Tempo und einer Präzision, die nur Profis beherrschen. „Es macht richtig Spaß auf diesem Rasen“, sagt Deecke. Dass der Kunstrasen auf der Gerd-Wellen-Sportanlage des Crefelder Hockey- und Tennisclub (CHTC) einzigartig ist, sieht man ihm nicht an. Er liegt auf dem nach Herstellerangaben weltweit ersten Sport-Unterboden auf Basis von Kohlendioxid. Und soll damit einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

„Es gibt kein fauleres Molekül“

Hinter der Idee des aus dem Treibhausgas CO2 gefertigten Hightech-Belags steckt der Kunststoff-Spezialist Covestro. Der Dax-Konzern forscht daran, wie Kohlendioxid sinnvoll genutzt werden kann. „Es gibt kein fauleres Molekül als Kohlendioxid“, sagt Daniel Koch, NRW-Standortleiter von Covestro. Es habe lange gedauert, bis ein Weg gefunden wurde, das „Molekül zu aktivieren und dabei kaum Energie zu verschwenden“, fügt der gelernte Chemiker Koch an.

Das Kohlendioxid wird als Lieferant des wichtigen Elements Kohlenstoff genutzt – anstelle von Rohstoffen auf Erdölbasis. Bei diesem Verfahren könne bis zu 20 Prozent Erdöl eingespart werden. Das CO2 steckt in einem Bindemittel, einem so genannten Polyol.

„Bisher wurde das CO2-basierte Material zur Produktion von Schaumstoff für Matratzen und Polstermöbel verwendet“, erläutert Koch. Zusammen mit der Firma Polytan, die im gesamten Bundesgebiet Kunstrasen herstellt, fand die frühere Bayer-Tochter Covestro einen Weg, das Klimagas auch im Sport zu nutzen. Die Entwicklungsarbeit habe rund sechs Jahre gedauert. Mit Gummigranulat stellte Polytan den 99x59 Meter großen Unterboden beim Krefelder Hockeyklub her. Über dieser Schicht liegt der blaue Kunstrasen.

CO2 gilt als Klimakiller Nummer eins. Es entsteht in der Stromerzeugung mit fossilen Brennstoffen, allen voran Kohle, in der Wärmeerzeugung, im Verkehr und bei industriellen Prozessen. Um die Erderwärmung in erträglichen Grenzen zu halten, will die Weltgemeinschaft ihren CO2-Ausstoß bis Mitte des Jahrhunderts drastisch senken, obwohl er zuletzt global nach wie vor gestiegen ist. Darüber berät bis 14. Dezember die UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz.

Angesichts dieser Dimensionen ist der erste CO2-basierte Sportbelag nur ein winziges Detail im Kampf gegen den Klimawandel. Doch Stefan Lechtenböhmer, Experte für zukünftige Energiestrukturen am Wuppertal Institut, sieht ihn als Teil eines positiven Trends: Sowohl aus Unternehmer- als auch Verbrauchersicht rücke die Verringerung der CO2-Emissionen ins Bewusstsein. Und: „In Deutschland werden auch viele wichtige Lösungen entwickelt“.

CO2 auch in Sprit umwandelbar

Dass ein Unternehmen wie Covestro Kunststoffe herstellt, in denen Kohlendioxid direkt als Molekül eingebaut ist, hält Lechtenböhmer für eine „interessante Option, CO2 direkt zu nutzen“. Der Dax-Konzern möchte zudem in naher Zukunft diese besonderen Kunststoffe auch als Isolationsmaterialien für Kühlschränke herstellen.

Als weitere Möglichkeit, CO2 nachhaltig zu nutzen, gilt die Umwandlung in feste Stoffe wie Chemikalien oder Treibstoffe. Thyssenkrupp hat eine Initiative namens „Carbon2Chem“ gestartet und will Hüttengase als Rohstoff für die Chemieproduktion nutzen statt sie zu verbrennen.

Umwandlung auch in Chemie und Treibstoff möglich

Geforscht wird auch an synthetischen Treibstoffen aus CO2, deren Massentauglichkeit im Verkehr allerdings umstritten ist. „Das ist eine interessante Möglichkeit für den Luftverkehr und für Teile des Seeschifffahrts- und Lkw-Verkehrs“, sagt Lechtenböhmer. Jedoch sei im Personenverkehr eine „direkte Elektrifizierung die vorteilhaftere Strategie. Sie ist erheblich effizienter und sauberer, da kein Verbrennungsprozess mehr stattfindet“.

CO2 als Rohstoff zu nutzen, sei deshalb nicht die beste Lösung. Das liege vor allem am hohen Verbrauch von Strom, der nach wie vor auch aus Kohle gewonnen wird. Für Lechtenböhmer steht deshalb im Vordergrund, auf fossile Energieträger zu verzichten und die Emissionen so weit wie möglich zu senken.

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