Wandel

EU drängt Industrie zur Umstellung auf Autos ohne Abgase

Noch ist dieses Bild Standard: Abgase, die aus einem Auspuff strömen. Das soll sich nach dem Willen der EU zügig ändern.

Noch ist dieses Bild Standard: Abgase, die aus einem Auspuff strömen. Das soll sich nach dem Willen der EU zügig ändern.

Foto: Marijan Murat / dpa

Brüssel  EU-Industriekommissarin Bienkowska verteidigt die neue CO2-Grenzwerte für Autos. Warnungen vor Arbeitsplatzverlusten weist sie zurück.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die deutsche Autoindustrie läuft Sturm gegen neue CO2-Grenzwerte für Autos, die die EU festgelegt hat. Die EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska hält dagegen: Im Interview erklärt sie, warum die Autobauer sich rasch wandeln müssen, sie den Warnungen vor Jobverlusten nicht traut und wie sie mit persönlichen Vorwürfen von Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche umgeht.

Frau Kommissarin, die deutsche Autoindustrie reagiert empört auf die neuen CO2-Grenzwerte für Autos bis 2030, nennt die Ziele unrealistisch und warnt vor Arbeitsplatzverlusten. Haben Sie Verständnis für den Ärger?

Elzbieta Bienkowska: Rat und Parlament haben sich auf ambitionierte CO2-Grenzwerte geeinigt, die die Modernisierung und die Wettbewerbsfähigkeit des Mobilitätssektors vorantreiben werden. Ich bin davon überzeugt, dass hierdurch Investitionen in saubere Technologien in der europäischen Wertschöpfungskette angekurbelt werden. Es ist ein politisches Signal an die Industrie, Investoren, Verbraucher und den öffentlichen Sektor.

Aber mit oder ohne CO2-Standards wird die Welt – und damit sind zurzeit Asien und die USA gemeint – sich hin zu abgasfreien Autos bewegen. Insbesondere China wird die Kosten solcher Autos schnell senken. Wir können nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir den Wandel zu sauberen Autos schaffen. Das ist im Interesse der öffentlichen Gesundheit, im Interesse des Umwelt- und Klimaschutzes und im Interesse des Sektors.

Bund unterstützt Kommunen, um Fahrverbote zu vermeiden
Bund unterstützt Kommunen, um Fahrverbote zu vermeiden

Die Sorge vor Jobverlusten ist doch nicht von der Hand zu weisen.

Bienkowska: Die Kommission hat ein Positionspapier vorgelegt, in dem die Auswirkungen der neuen CO2-Grenzwerte bis zum Jahr 2030 betrachtet wurden. Demnach ist der Einfluss auf die Arbeitsplätze bei einem CO2-Reduktionsziel bis zu 40 Prozent positiv.

Nichtsdestotrotz müssen wir den Wandel zu abgasfreier Mobilität klug gestalten. Wir können davon ausgehen, dass Arbeitsplätze, die eng mit dem Verbrennungsmotor verbunden sind, stärker in Gefahr sind als andere.

Aber es werden Plätze in anderen Sparten geschaffen, zum Beispiel im Bereich der elektrischen Mobilität oder Plug-in-Hy­brids, aber auch in anderen Maschinenbausektoren oder der Telekommunikation.

E-Autos fahren in Norwegen auf der Überholspur
E-Autos fahren in Norwegen auf der Überholspur

Aber die Industrie erwartet mehr politische Unterstützung. Zu Recht?

Bienkowska: Es ist nicht Aufgabe der Kommission, der Wirtschaft vorzuschreiben, welche Technologien sie zu entwickeln hat. Aber wir können Anreize setzen, den richtigen Rechtsrahmen schaffen.

Nehmen wir mal das Beispiel Elektromobilität. Wir haben die Batterieallianz aus Industrieakteuren und Innovatoren ins Leben gerufen, die die Produktion effizienter, haltbarer und erschwinglicher Batterien in Europa vorantreibt. Und wir verfolgen einen Aktionsplan zur Entwicklung eines schnellen Ladenetzwerks für alternative Treibstoffe, das mit bis zu 800 Millionen Euro gefördert wird.

Im EU Forschungsprogramm „Horizont 2020“ sind die letzten zehn Jahre 375 Millionen Euro allein in die Batterieforschung geflossen. Die Industrie setzt sich auch sehr im Bereich automatisiertes und vernetztes Fahren ein. Ein Sektor, der stark wächst und in dem Arbeitsplätze zunehmen werden. Das Argument der schwindenden Arbeitsplätze sollte man also sehr nuanciert betrachten. Ich glaube nicht an diese Welt­endszenarien für die Autoindustrie.

Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche wirft Teilen der Politik und namentlich Ihnen vor, die Bedeutung der Autoindustrie für den Standort Deutschland zu unterschätzen. Er sagt, es könne nicht sein, dass Sie, die EU-Industriekommissarin, aus einem Land kämen, in dem es überhaupt keine Industrie gebe, und sie vielleicht deshalb die Konsequenz ihres Handelns unterschätzten ...

Bienkowska: Darüber habe ich mich wirklich sehr gewundert, denn mein Heimatland Polen ist ein wichtiger Automobilstandort und Autozulieferer, der unter den Top 10 in der EU rangiert. Ich habe in Polen gerade erst ein Volkswagen-Werk besucht, in dem der neue elektrische Crafter entwickelt und hergestellt wird.

Mit unseren Politik- und Gesetzesmaßnahmen haben wir seit Beginn meiner Amtszeit 2014 Voraussicht gezeigt – sei es die Reform der Typzulassung oder die Einführung neuer Abgastests. Und natürlich habe ich mich immer wieder mit Automobilherstellern getroffen. Aber auch mit Umwelt- und Verbraucherverbänden und europäischen und nationalen Politikern, denn die gehören alle zum Bild dazu.

Welches große Projekt verfolgen Sie 2019?

Bienkowska: Es wäre mir für 2019 ein großes Anliegen, wenn der Gesetzesvorschlag für die allgemeine Sicherheit von Autos schnell vorankommt. Das geht bisher im ganzen CO2-Trubel etwas unter. Aber er ist sehr wichtig, denn dort wollen wir neue Sicherheitstechnologien und automatisierte Standards in Autos einführen.

Damit würden beispielsweise automatische Brems- und Spurhaltesysteme, Müdigkeitserkennung und Abbiegeassistenten verpflichtend. So können die „schwachen“ Verkehrsteilnehmer wie Fahrradfahrer und Fußgänger besser geschützt werden und wir könnten Tausende von Menschenleben retten.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (4) Kommentar schreiben