BKK-Studie

Krankheitstage in NRW: Ruhrgebiet erreicht Rekordwerte

Beschäftigte in Pflegeberufen sind besonders häufig selbst krank.

Beschäftigte in Pflegeberufen sind besonders häufig selbst krank.

Foto: Andreas Arnold / picture alliance / Andreas Arnold/dpa

Essen.  Arbeitnehmer zwischen Duisburg und Dortmund sind deutlich häufiger krank als Beschäftigte in anderen Regionen. Eine Studie macht die Gründe klar.

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Die Beschäftigten in NRW werden immer länger krankgeschrieben. Im vergangenen Jahr blieb jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt an 19 Tagen wegen bescheinigter Arbeitsunfähigkeit (AU) zu Hause, drei Jahre zuvor waren es noch 16 Tage. Das geht aus dem BKK Gesundheitsreport 2019 hervor, deren NRW-Auswertung unserer Redaktion vorliegt. Die Betriebskrankenkassen haben die AU-Bescheinigungen von bundesweit vier Millionen und in NRW 800.000 berufstätigen Versicherten auswertet. Dabei fallen die Ruhrgebietsstädte und einige Berufe besonders auf.

Ursache: Starke Grippewelle und Atemwegserkrankungen

Eine Ursache für den Rekordwert war die stark ausgeprägte Grippewelle 2018 und die hohe Zahl von Atemwegserkrankungen. Am häufigsten plagen die Beschäftigten aber nach wie vor Muskel- und Skeletterkrankungen. Beschwerden wie die neue Volkskrankheit Rückenschmerzen waren für fast jede vierte Krankschreibung (23,8 Prozent) in NRW verantwortlich, gefolgt von psychischen Störungen (16,9 Prozent) und Atemwegserkrankungen (15,6 Prozent).

Die höchsten Krankenstände gibt es im Ruhrgebiet: Während sich die Fehlzeiten etwa in Bonn (knapp 13 AU-Tage) und Düsseldorf (knapp 14) weit unter dem Durchschnitt bewegen, liegen sie in Herne mit 27,5 AU-Tagen doppelt so hoch. Auch in Gelsenkirchen (24), Duisburg (knapp 23 Tage) und Oberhausen (21) melden sich die Beschäftigten deutlich häufiger krank.

Alten- und Krankenpflege machen krank

Wie kommt es, dass die Beschäftigten im Ruhrgebiet so viel häufiger krank werden? Klassische Berufskrankheiten aus der Zeit der Montanindustrie wie die Staublunge sind es ein Jahr nach Schließung der letzten Zeche nicht mehr. Und doch hat es weiter damit zu tun, dass mehr Menschen in Berufen mit sehr belastenden Arbeitsbedingungen tätig sind, wie die BKK-Statistik zeigt. Auch die im Vergleich zu anderen Regionen ältere Bevölkerung im Ruhrgebiet spielt eine Rolle, denn mit dem Alter steigen statistisch auch die krankheitsbedingten Ausfälle. Den größten Einfluss hat aber die Berufswahl: So erkranken laut BKK Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege wegen des hohen Drucks und der Arbeitsverdichtung besonders häufig, in der Altenpflege vor allem an der Psyche.

Und im Ruhrgebiet arbeiten in dieser Branche weit mehr Menschen als anderswo. Im gesamten Gesundheitswesen arbeitet etwa jeder fünfte Beschäftigte, landesweit jeder siebte – der Sektor hat damit die Industrie als größten Arbeitgeber überholt, und er wächst weiter. In den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen und im Sozialwesen sind die Beschäftigten durchschnittlich 24 Tage pro Jahr krank, fünf Tage länger als im Schnitt aller Berufe. Diese Branche ist zugleich die größte Arbeitgeberin für Frauen, vier von fünf sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Pflege sind weiblich.

IT-Experten fehlen selten

Noch häufiger krank werden Reinigungskräfte (27,6 Tage), Fahrzeugführer (27,2) und Sicherheitskräfte (24,9 ). Auch auf dem Bau, in der Metallerzeugung und der Abfallbeseitigung gibt es mehr Fehltage als im Schnitt. Dagegen werden IT-Experten mit nicht einmal zehn Tagen am seltensten krankgeschrieben. 14 Fehltage pro Mitarbeiter und Jahr werden für Banken und Versicherungen genannt.

Seit vielen Jahren beobachten die BKK-Verbände wie andere große Krankenversicherer auch eine Zunahme psychischer Störungen. Diese Krankmeldungen dauern meist länger, im Durchschnitt 37 Tage. NRW liegt um zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Das hänge „in hohem Maße von den Arbeitsbedingungen ab“, so die BKK. Die höheren Zahlen kämen auch durch verbesserte und vor allem schnellere Diagnostik und Therapie zustande.

Die Datenanalyse nutzen die Betriebskrankenkassen, um für besonders belastende Berufe gezielte Präventionsmaßnahmen zu entwickeln. Als Beispiel nennt der Landesverband Nordwest die BKK-Initiative „Wertgeschätzt“, die auf die Gesundheit der Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zielt. Dabei werden zum Beispiel Führungskräfte der Heime und Kliniken in der richtigen Ansprache für psychisch stark belastete Mitarbeiter geschult. Weitere Ansatzpunkte sind Arbeitsumfeld-Verbesserungen, Suchtbekämpfung und ein besserer Umgang mit Stress.

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