Durchfall-Gefahr

Milch-Rückruf von Discountern: Keim-Gefahr in vielen Sorten

Riesiger Milch-Rückruf – Aldi, Lidl, Rewe und mehr betroffen
Beschreibung anzeigen

Berlin.  In vielen Supermärkten wurde verunreinigte Milch verkauft – Durchfall-Gefahr. Wir zeigen, welche Marken vom Rückruf betroffen sind.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Nach dem Wilke-Wurst-Skandal gibt es einen weiteren großen Rückruf – bei einigen Milch-Angeboten besteht Durchfall-Gefahr. Wer heute Milch trinkt, sollte sich die Verpackung lieber noch einmal genau anschauen. Viele Verbraucher sind verunsichert und fragen sich, welche Milch sie noch kaufen können.

Tatsächlich gibt es in der jüngsten Vergangenheit häufig Rückrufe, neben der klassischen Milch sind auch Milchprodukte betroffen. Gerade wurde zum Beispiel bekannt, dass auch einige Sorten Zott-Sahnejoghurt ein Keim-Problem haben. In Säuglingsmilch wurden zudem Mineralölrückstände gefunden.

Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei Foodwatch, erklärte unserer Redaktion angesichts der vielen Problem auf dem Lebensmittelmarkt, dass die Überwachung ein System-Problem habe. Denn: Die für die Kontrolle zuständigen Länder und Kommunen stünden in einem wirtschaftlichen Interessenskonflikt, der auf lokaler Ebene kaum lösbar ist.

Dabei sind längst nicht alle in Deutschland verkauften Milch-Marken von dem aktuellen Rückruf betroffen. Doch was ist mit teureren Bio-Produkten? Sind sie unbedenklich?

Das Deutsche Milchkontor (DMK) und die Fude + Serrahn Milchprodukte GmbH & Co. KG warnen vor dem Verzehr fettarmer Milch, die unter verschiedenen Markennamen in den Handel gekommen ist – betroffen sind fast alle Supermärkte und Discounter in Deutschland, die Milch von dem Hersteller beziehen.

Der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure Deutschlands hat eine höhere Zahl von Kontrolleuren in den Behörden gefordert. „Wir als Bundesverband plädieren natürlich für mehr Personal, um die amtliche Lebensmittelüberwachung effektiv und flächendeckend durchführen zu können“, sagte Maik Maschke, stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes, der Deutschen Presse-Agentur.

Die Kontrollzahlen seien zuletzt jedes Jahr gesunken. „Wir haben voriges Jahr knapp 42 Prozent aller registrierten Betriebe kontrollieren können“, so Maschke. Für die Kontrolle sind die jeweils örtlichen Lebensmittelüberwachungsbehörden zuständig. „Vom Hersteller bis zum Lebensmittelgeschäft unterliegen alle 1,2 Millionen registrierten Betriebe der amtlichen Überwachung“, erklärte Maschke. „Die Kontrolle funktioniert grundsätzlich so, dass wir unangemeldet kommen.“

„Die Lebensmittel in Deutschland sind sicher“, sagte Maschke weiter. Besonders anschauen solle man sich aber beim Einkauf Lebensmittel, die gekühlt werden müssen - und Produkte, die in den vergangenen Jahren in den Statistiken auffällig waren: zum Beispiel Milchprodukte, Fleisch und Fisch.

Sind teure Lebensmittel, etwa Bio-Produkte, prinzipiell unbedenklicher als konventionelle? Dazu sagte der Kontrolleur: „Auch teure Lebensmittel können beanstandet werden - etwa wegen Kennzeichnungsmängeln.“ Auch konventionelle Lebensmittel könnten sehr gut sein in Hinsicht der Lebensmittelsicherheit.

Milch-Rückruf – Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein undichte Dichtung in der Produktion hat für Verunreinigungen in vielen Milchsorten von Discountern gesorgt
  • Betroffen sind vor allem Discounter
  • Eine Liste zeigt, welche Produkte betroffen sind und welche Milch man nicht kaufen sollte
  • Es wird Kritik an Julia Klöckner laut

Derweil werden Vorwürfe gegen Julia Klöckner (CDU) laut. Die Landwirtschafts- und Ernährungsministerin nahm am Wochenende die Bundesländer für die Lebensmittelkontrollen in die Pflicht. „Ich lege Wert darauf, wenn die Länder stets ihre Zuständigkeit hier betonen, dass sie ihrer Verantwortung auch mit ausreichend Personal für diese Aufgabe gerecht werden“, sagte sie der „Bild“-Zeitung vom Samstag.

Dagegen warf die Verbraucherorganisation Foodwatch Klöckner schwere Versäumnisse vor. „Indem Frau Klöckner allein an die Bundesländerappelliert, unternimmt sie einen ebenso plumpen wie billigen Versuch, von der eigenen Verantwortung abzulenken“, erklärte Geschäftsführer Martin Rücker am Sonntag. Klöckner habe in ihrer Amtszeit „keinerlei Initiative“ ergriffen. „Mit dieser Haltung ist die Ministerin das größte Risiko für die Lebensmittelsicherheit in Deutschland.“

Bei Routinekontrollen seien bei einzelnen Proben Keime des Typs Bakterium Aeromonas hydrophila / caviae festgestellt worden. Dieser könne unter anderem Durchfall verursachen. Der Erreger sei durch eine undichte Dichtung in die Produktion des Werks Everswinkel im Münsterland gelangt, sagte ein DMK-Sprecher am Freitag.

Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei Foodwatch, fordert eine Reform und umfassendere Aufklärung der Menschen – und eine Veröffentlichung aller Test-Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen, um die Unternehmen angesichts solcher Hiobsbotschaften mehr in die Pflicht zu nehmen.

Milch-Rückruf: Welche Marke kann man noch kaufen?

Kunden fragen sich nun, welche Produkte konkret von den Verunreinigungen und von dem Rückruf betroffen sind. Eine Liste mit den Produkten finden Sie hier:

Milch-Rückruf-Liste: Marke Rewe mit Ja! betroffen, Aldi mit Milasni und Milfina

  • Metro Aro Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 15.10.2019 / 18.10.2019
  • ALDI Nord Milsani Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 15.10.2019 / 18.10.2019 / 20.10.2019
  • ALDI SÜD Milfina Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 10.10.2019 / 14.10.2019
  • Kaufland K-Classic Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 14.10.2019 / 15.10.2019 / 18.10.2019
  • Lidl Milbona Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 13.10.2019 / 14.10.2019 / 16.10.2019 / 18.10.2019
  • Famila/Markant Tip Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 14.10.2019 / 15.10.2019 / 18.10.2019 Hofgut Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 18.10.2019
  • Edeka GUT&GÜNSTIG Frische Fettarme Milch ESL 1,5 % Fett (1 Liter) mit den MHD 14.10.2019, 16.10.2019, 18.10.2019, 20.10.2019
  • Netto Marken-Discount GUTES LAND Frische Fettarme Milch länger haltbar 1,5 % Fett (1 Liter) mit den MHD 14.10.2019, 15.10.2019, 16.10.2019, 18.10.2019, 20.10.2019
  • REWE Ja! Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 14.10.2019 / 15.10.2019 / 18.10.2019 / 20.10.2019
  • Real Tip Frische Milch 1,5 % Fett mit den MHD 14.10.2019 / 15.10.2019 / 18.10.2019

Nach der Entdeckung des Defekts seien Proben an ein externes Labor geschickt worden. In einer Probe sei ein krankheitserregender Wasserkeim gefunden worden. Die Laborergebnisse seien am Donnerstag fast zeitgleich mit der ersten Reklamation eines Kunden eingegangen, hieß es.

Die belieferten großen Handelsunternehmen – darunter Metro, Aldi, Edeka, Rewe und Lidl – hätten umgehend reagiert, die Ware werde vorsorglich aus dem Handel genommen, hieß es. Lidl teilte mit, die Ware sei ausschließlich in Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen verkauft worden. Andere Ketten machten noch keine Angaben.

Die Produktion wurde gleich nach Bekanntwerden der Keimbelastung gestoppt, so die Unternehmen. Die defekte Dichtung wurde ausgetauscht, die Maschinen gereinigt und die Produktion am 30. September wieder aufgenommen.

Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als die Ölindustrie
Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als die Ölindustrie

Das DMK ist nach eigenen Angaben die größte deutsche Molkereigenossenschaft und füllt Milch für zahlreiche Handelsmarken ab. Das DMK produziert neben Milch unter anderem auch Eis, Käse, Babynahrung und Molkereiprodukte. Zu seinen Marken gehören Alete, Milram und Humana. DMK beschäftigt rund 7700 Mitarbeiter und erzielte 2018 einen Umsatz von 5,6 Milliarden Euro.

Die Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bremen, Sonja Pannenbecker, warnte vor dem Trinken der Milch: „Verbraucherinnen und Verbraucher sollten diese auf keinen Fall trinken und können die gekauften Verpackungen im Laden zurückgeben.“

Diese Lebensmittel werden am häufigsten zurückgerufen
Diese Lebensmittel werden am häufigsten zurückgerufen

Konkret geht es um Frische Fettarme M Milch 1,5% Fett (1 Liter) mit dem Identitätskennzeichen DE NW 508 EG – dieses ist meist auf der Rückseite der Verpackung in der Nähe des Strichcodes zu finden. Betroffen sind folgende Produkte mit dem jeweils angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD):

Sollten nach dem Verzehr irgendwelche Krankheitssymptome entstanden sein, sollte der Konsument vorsorglich einen Arzt aufsuchen, empfehlen die Unternehmen.

Nach Herstellerangaben sind die Produkte bereits vorsorglich aus dem Handel genommen worden. Kunden, die die Produkte gekauft haben, können die Milch in den Geschäften auch ohne Vorlage des Kassenbons zurückgeben und sich den Kaufpreis erstatten lassen.

Ernährungsministerin verlangt Aufklärung

Unterdessen verlangt Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) nach dem Skandal um Todesfälle nach dem Konsum von verdorbenen Wurstwaren und dem großen Milch-Rückruf schnelle Aufklärung. Sie will eine Runde mit allen Länder-Agrarministern einberufen, sagte sie der „Bild“.

Bei den Lebensmittelkontrollen müssten die Länder ihrer Verantwortung mit ausreichend Personal gerecht werden. „Als Bund will ich wissen, wo die Schwachstellen vor Ort liegen. Die Länder müssen bereit sein, über stärkere Konzentration und Bündelung von Verantwortlichkeiten zu sprechen, um die Lebensmittelkontrolle zu optimieren“, sagte die Ministerin.

Milch-Rückruf wegen Keimen: Abkochen kann Keime abtöten

Betroffene Kunden sollten die entsprechenden Kartons zurückbringen und sich das Geld erstatten lassen, empfiehlt Andrea Danitschek von der Verbraucherzentrale Bayern.

Wer im Moment generell auf Nummer sicher gehen möchte, kann die Milch sprudelnd aufkochen. Das töte in diesem Fall die Keime ab, sagt Danitschek. Sie gibt aber zu bedenken: Darunter leidet die Qualität der Frischmilch. Enthaltene Vitamine werden zerstört, zudem habe sie dann einen „Kochgeschmack“.

Symptome: Aeromonas hydrophila – was ist das für ein Bakterium?

Aeromonas hydrophila können eine Ursache für Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes sein. Bestimmte Arten des Bakteriums gelten auch als gefürchtete Krankenhauskeime. Vor allem bei abwehrgeschwächten Menschen sind auch Haut- oder Weichteil-Infektionen sowie Entzündungen des Knochens oder Knochenmarks möglich, etwa wenn die Keime in eine Wunde gelangen.

Die Infektionen lassen sich mit Antibiotika behandeln, allerdings breiten sich wie bei anderen Bakteriengruppen auch zunehmend resistente Stämme aus.

Aeromonas hydrophila und Aeromonas caviae sind zwei Arten einer eng verwandten Gruppe, von Fachleuten Gattung genannt. Aeromonas-Arten sind typischerweise in Süß- und Brackwasser zu finden. Zur Gruppe gehören mehrere toxinbildende Krankheitserreger für Menschen und bestimmte Tiere, etwa Fische.

Mehr zum Thema: Immer mehr Resistenzen gegen wichtige Reserve-Antibiotika.

Diese Krankheiten kann das Bakterium auslösen:

  • Gastroenteritis (Magen-Darm-Grippe)
  • Durchfallerkrankungen (Diarrhöe),
  • Infektionen von Haut und Weichteilgewebe
  • Osteomyelitis
  • in schlimmen Fällen auch Sepsis und Wundinfektionen

Rückruf von Wurst sorgt für Wirbel

DMK-Sprecher Oliver Bartelt warnte vor einer Überbewertung. Für den Verbraucher sei wichtig zu wissen, dass es sich nur um eine einzelne Chargen handele. Die genaue Menge der betroffenen Milch konnte er zunächst nicht beziffern. Es handele sich aber eher um ein übersichtliches Volumen.

Der Warenrückruf erfolge aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes. Verbraucher, die einen der angegebenen Artikel gekauft haben, erhalten den Angaben zufolge auch ohne Vorlage des Kassenbons den Kaufpreis in ihren Einkaufsstätten zurück.

„Das Unternehmen hat sich zumindest besser verhalten als das Unternehmen Wilke im Wurst-Skandal. Es hat transparent gehandelt“, sagte der Sprecher der Verbraucherorganisation Foodwatch, Dario Sarmadi, unserer Redaktion.

Verbraucheranfragen beantwortet das Unternehmen unter der Hotline 0251/2656 7371 oder per E-Mail unter dmk@buw.de.

Zuletzt hatte es eine ganze Reihe von Rückrufen gegeben. Für das größte Aufsehen sorgten Keime in Wurst des Herstellers Wilke, gegen dessen Chef inzwischen die Staatsanwaltschaft ermittelt.Aldi rief am Donnerstag Toast zurück, weil das Brot Plastik enthalten könnte.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (10) Kommentar schreiben