Konzernkrise

Sensenmann und roter Rauch – Demo vor Thyssenkrupp-Quartier

Essen: Thyssenkrupp Mitarbeiter demonstrieren vor Zentrale

Mitarbeiter der Aufzugssparte beteiligten sich an der Demonstration vor der Konzernzentrale. Sie fordern Klarheit über ihre ungewisse Zukunft.

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Essen.  Kundgebung vor der Thyssenkrupp-Zentrale in Essen: Im Ringen um die Zukunft der Aufzug-Sparte mit mehr als 50.000 Jobs macht die IG Metall Druck.

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„Räumungsverkauf“ ist auf einem Plakat zu lesen. Ein paar Meter weiter steht jemand vor der Thyssenkrupp-Zentrale, der sich als Sensenmann verkleidet hat – symbolisch für einen potenziellen Käufer der Aufzug-Sparte des Konzerns. Daneben steigt roter Rauch auf. Einen Tag nach den Stahlarbeitern in Duisburg haben sich Hunderte Beschäftigte vor dem Essener Konzern-Quartier versammelt. Angesichts von Planspielen für einen möglichen Verkauf des Geschäfts mit weltweit mehr als 50.000 Elevator-Mitarbeitern fordert die IG Metall Standort- und Jobgarantien.

Auf dem Podium spricht der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler über das, was er „Bedrohungslagen“ nennt. Als „sehr unterschiedlich“ schätzt er die Szenarien ein. Sollte sich die Thyssenkrupp-Führung etwa entscheiden, nur einen kleinen Teil des Aufzug-Geschäfts an die Börse zu bringen, böte dies nach Gieslers Einschätzung noch relativ viel Sicherheit. Kritischer sei ein Finanzinvestor als Käufer. Als „größte Bedrohungslage“ bezeichnet Giesler indes eine Übernahme durch einen Konkurrenten wie den finnischen Konzern Kone. Dann stelle sich schnell die Frage nach einem möglichen Arbeitsplatzabbau bei Thyssenkrupp. „Es ist im Moment noch völlig unklar, wohin die Reise geht“, sagt Giesler, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Thyssenkrupp Elevator ist. So oder so sei klar: „Wer kommt, muss mit uns Verträge machen.“

Neben Garantien für Jobs und Werke müsse die Tarifbindung gewährleistet bleiben – ebenso die betriebliche Mitbestimmung auf dem heutigen Niveau, hatte Giesler im Gespräch mit unserer Redaktion betont. Auch die betriebliche Altersversorgung müsse abgesichert sein. Die IG Metall wolle außerdem „klare Zusagen“ für Investitionen in die Zukunft sowie die Aus- und Weiterbildung.

„Es ist eine Zumutung, was hier auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird“, sagt Susanne Herberger, die unter anderem im Thyssenkrupp-Konzernaufsichtsrat die Interessen der IG Metall vertritt, bei der Kundgebung in Essen. Herberger zeigt sich besorgt. „Finanzinvestoren oder Wettbewerber sind nicht unsere Freunde“, warnt sie. „Einzelne Einheiten könnten weiterverkauft werden, um noch mehr Profit zu erzielen.“ Wenn schon mit dem Geld aus einem Erlös der Sparte Elevator der Thyssenkrupp-Konzern insgesamt gerettet werden solle, müsse es in jedem Fall Sicherheiten für die betroffenen Mitarbeiter geben.

Wolfgang Krause, Gesamtbetriebsratschef des Aufzug-Geschäfts von Thyssenkrupp, sagt, seit Jahren sei die Sparte „die Lebensversicherung“ des Essener Industriekonzerns. Krause zeigt sich kämpferisch: „Wir lassen uns nicht den Finanzinvestoren zum Fraß vorwerfen.“ Und auch Thyssenkrupp-Konzernbetriebsratschef Dirk Sievers vermutet: „Wir werden noch viele Kämpfe ausfechten müssen.“

Einige Redner sprechen direkt die neue Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz an. „Merz zeig Herz“ steht auf einem Plakat. Die Managerin hatte im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt, bis spätestens Ende März solle klar sein, ob sich der Konzern für einen Börsengang oder einen Verkauf des Aufzug-Geschäfts entscheide. „Es geht uns nicht nur um einen hohen Preis. Wir haben eine Vereinbarung mit den Arbeitnehmern, die sicherstellt, dass wir uns für den besten Eigentümer entscheiden und dabei selbstverständlich auch die Interessen der Beschäftigten berücksichtigen“, sagte Merz.

Den Rednern bei der Kundgebung am Essener Konzern-Quartier reichen diese Aussagen nicht aus. „Das Management weigert sich nach wie vor, die erforderlichen Sicherheiten für Arbeitsplätze und Standorte zu geben“, sagt Knut Giesler. „Wir lassen es nicht zu, dass sich die Börsenzocker die Hände reiben und die Beschäftigten in ihrer Existenz bedroht werden.“

Nach Abschluss der Demonstration spricht die IG Metall von 2500 Teilnehmern. Von Standorten wie Düsseldorf, Köln, Hamburg, München, Dresden und Neuhausen sind die Beschäftigten angereist. Kurz nach der letzten Rede fahren Busse vor, die am Berthold-Beitz-Boulevard geparkt haben. Ein Mitarbeiter sprayt noch schnell das Wort „Profitgier“ auf den Boden vor dem Konzern-Quartier. Dann verstummen die Trillerpfeifen und die Fahnen der IG Metall werden eingerollt – fürs erste jedenfalls.

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