Interview

Siemens Energy: Mit Börsengang steigt Druck im Werk Mülheim

Am 28. September geht Siemens Energy mit 90.000 Beschäftigten an die Börse. Auch am Standort Mülheim steigt damit der Druck.

Am 28. September geht Siemens Energy mit 90.000 Beschäftigten an die Börse. Auch am Standort Mülheim steigt damit der Druck.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Mülheim.  Börsengang bei Siemens Energy: Das Werk Mülheim muss sich nun neu behaupten. Der Betriebsrat erklärt im Interview, wie es um den Standort steht.

Es ist eine Zäsur für Siemens: Am 28. September geht die Energietochter Siemens Energy an die Börse. Der Konzern mit rund 90.000 Beschäftigten muss sich als eigenständiges Unternehmen auf dem Kapitalmarkt behaupten. Damit steigt der Druck für Veränderungen im Unternehmen, auch am Standort Mülheim mit mehr als 4000 Mitarbeitern. Jens Rotthäuser, der Betriebsratsvorsitzende von Siemens Energy in Mülheim, und sein Stellvertreter Hans-Peter Barth, sprechen im Interview mit unserer Redaktion über mögliche Standortortschließungen, den laufenden Umbau im Unternehmen, Stellenstreichungen und die Chancen des Werks in der Zukunft.

Herr Rotthäuser, Herr Barth, ist der bevorstehende Börsengang von Siemens Energy gut für den Standort Mülheim?

Rotthäuser: Ja. Natürlich sind mit dem Börsengang neben den Chancen auch Risiken verbunden, wohlgleich wir uns auf die Chancen fokussieren, um das neue Unternehmen mitzugestalten. Zudem wird es jetzt Zeit, dass der Schritt kommt. Die Belegschaft will wissen, wohin die Reise geht.

Wenn ein Konzern auf den Kapitalmarkt geht, kommt es auch auf den richtigen Zeitpunkt an. Die Corona-Krise sorgt aber aktuell für große Verunsicherung. Betrifft das auch den Standort Mülheim?

Barth: Die Corona-Krise ist weltweit allgegenwärtig und wirkt sich natürlich auch auf unser Geschäft aus. Die Energiewende, die für unser Geschäft eine wichtige Rolle spielt, ist und bleibt ein Megathema, das auch in der Corona-Krise fortbesteht. Wir wollen Antworten liefern, wir wollen davon profitieren, daher ist der Zeitpunkt auch richtig.

Wichtige Kunden von Siemens Energy in Mülheim waren und sind die Betreiber konventioneller Kraftwerke. Kohle und Gas spielen eine wichtige Rolle. Was kommt, wenn große Aufträge aus dem traditionellen Geschäft ausbleiben?

Barth: Energiewende-Technologie wird eine Antwort darauf sein. Unsere Produktpalette ist breit. Ich denke an Technologien für Gas-und-Dampf-Kraftwerke, Kraft-Wärme-Kopplung und Energiespeicher. Klar ist: Nur Kohle – das ist Vergangenheit. Auf dem Weg zur CO2-Freiheit, können wir mit effizienter Brückentechnologie auch heute schon einen Beitrag zum Klimaschutz beisteuern.

Investoren, die Aktien von Siemens Energy kaufen, dürften schnell Ergebnisse sehen wollen. Damit steigt der Druck auch in Mülheim. Sehen Sie das als Bedrohung?

Barth: Wir betreten ein neues Spielfeld, das für jeden Standort Druck mitbringen wird, so auch für unseren Standort. Der Wandel wird Zeit brauchen. Mit dem Geld, das wir jetzt beispielsweise im Geschäft mit dem

Service und der Wartung von konventionellen Kraftwerken verdienen, müssen wir Investitionen in die Zukunft tätigen. Dies bedeutet für uns auch: Wir müssen in die Beschäftigten investieren, damit sie den Wandel begleiten und gestalten können. Hierfür wurde eigens ein Zukunftsfonds eingerichtet. Am Ende profitieren davon alle, auch die Investoren.

Wie weit sind Sie beim Umbau am Standort Mülheim gekommen?

Rotthäuser: Der Standort Mülheim ist dabei, sich zu einem Kompetenzzentrum für Energiewende-Technologie zu entwickeln. Beispiele hierfür sind die Themen Netzstabilisierung, Speichertechnologien, die Wasserstoffverbrennung in Gasturbinen bis hin zur Fertigung von Schiffsantrieben. Produkte wie große Dampf-Turbinen und Generatoren werden auch künftig gebraucht, beispielsweise als effiziente Brückentechnologie und um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen.

Erhöht der Börsengang den Druck am Standort Mülheim, wenn es um Kostensenkungen und Stellenabbau geht?

Rotthäuser: Kostensenkung und Kostenoptimierung waren schon immer Themen und diese werden uns auch in Zukunft begleiten. Aktuell läuft am Standort noch ein Programm zur Kostensenkung, das den Abbau von 599 Arbeitsplätzen bis Ende 2023 vorsieht. Im Zuge dessen werden uns noch zirka 300 Kolleginnen und Kollegen verlassen. Das tut schon weh.

Der Konzernchef von Siemens Energy, Christian Bruch, hat angekündigt, das Management wolle sich alle Standorte anschauen und prüfen, ob das, was jeweils in den Werken gemacht werde, noch passe. Macht Sie das in Mülheim nervös?

Rotthäuser: Wir wissen, was wir können, und auch in der Belegschaft wird unternehmerisch gedacht. Meine

Erwartungshaltung ist, dass der Standort Mülheim als Kompetenzzentrum für Energiewende-Technologie auch künftig bei Siemens Energy eine wichtige Rolle spielen wird.

Die Frage, wo sich künftig der Firmensitz von Siemens Energy befinden wird, ist ebenfalls noch nicht beantwortet. Berlin gilt als heißer Kandidat, aber auch München, Erlangen oder die Rhein-Ruhr-Region sind Optionen. Haben Sie eine Präferenz?

Rotthäuser: Wir haben gute Argumente, die dafür sprechen, den Firmensitz ins Ruhrgebiet zu holen. Wir müssen uns als Rhein-Ruhr-Region bei dieser Diskussion nicht verstecken. Davon abgesehen stehen die Zukunft des Standortes und die Sicherung von Beschäftigung klar an erster Stelle.

Wie finden Sie eigentlich, dass der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel in den Aufsichtsrat von Siemens Energy gewechselt ist?

Rotthäuser: Das finden wir gut. Sigmar Gabriel kennt unseren Standort und hat uns schon in der Vergangenheit Türen geöffnet, etwa bei einem großen Turbinen-Auftrag aus Ägypten. Für uns und für Siemens Energy ist es gut, dass er dabei ist.

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