Textilservice

Supermärkte nehmen jetzt auch schmutzige Wäsche an

Mit oder ohne Lieferdienst: Wer seine Wäsche reinigen lässt, will sie sauber und gebügelt zurück.

Mit oder ohne Lieferdienst: Wer seine Wäsche reinigen lässt, will sie sauber und gebügelt zurück.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Hamburg.  Online-Reinigungen wie WaschMal, Persil Service oder Jonny Fresh mischen die Branche auf. Jetzt testen Rewe und dm einen Abholservice.

In den vergangenen Jahren haben sich Online-Wäschereien wie Jonny Fresh, Persil-Service oder Waschmal mit einem Abholservice etabliert und machen so der Reinigung um die Ecke Konkurrenz. Die Branche ist im Umbruch. In Zeiten, in denen man Bücher, Pizzen, Taxis oder Weihnachtsbäume ganz selbstverständlich per App nach Hause bestellt, ist es nur ein kleiner Schritt zur Textilreinigung per Mausklick. Jetzt springen auch große Handelsketten auf den Zug auf.

Der Drogeriemarkt dm und der Lebensmittelhändler Rewe wollen nun testen, ob Kunden ihre Filialen – ähnlich wie etwa bei einem Paketservice – als Annahmestelle für dreckige Blusen, Hosen und Hemden nutzen wollen.

Rewe und dm steigen in Textilservice-Branche ein

Vor allem die Einzelhandelskette Rewe, die vor einigen Monaten einen Pilotversuch im Rheinland gestartet hat, sieht „erhebliches Wachstumspotenzial“. Das Unternehmen kooperiert mit dem mobilen Wäscheservice WaschMal aus Köln, an dem der Haushaltsgeräte-Hersteller Miele die Mehrheit hält. Die Resonanz scheint zufriedenstellend.

„Dass wir den Service mittlerweile in 26 Märkten anbieten, belegt, dass es entsprechende Nachfrage gibt und weitere Entwicklungschancen“, sagt ein Rewe-Sprecher dieser Redaktion.

Die Drogeriemarktkette dm bietet die Wäscheannahme mit Persil Service an. Hinter dem Lieferdienst stecken der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern Henkel und die Textilreinigungskette Stichweh. „Bislang sind die Rückmeldungen der Kunden positiv“, sagt Sebastian Bayer, als dm-Geschäftsführer verantwortlich für Marketing und Beschaffung. „Wir werden die Erfahrungen und Rückmeldungen sammeln und danach entscheiden, ob und wie wir den Service auch an anderen Standorten anbieten können.“

Lokale Start-Ups sehen Absatzchance durch Lieferdienste

Und auch das Berliner Start-up Jonny Fresh liebäugelt mit dem Modell. „Wir ziehen Supermärkte und/oder Drogeriemärkte als Absatzkanal in Betracht“, heißt es auf Anfrage dieser Redaktion bei dem mobilen Wäschedienst. „Derzeit finden diesbezüglich Gespräche mit diversen deutschen Retailern statt.“

„Es dauert eine Zeit, bis die Kunden sich umgewöhnen“, weiß Shahram Chorakchi, der in Hamburg und Buxtehude fünf Reinigungen und eine Wäscherei sowie einige Annahmestellen betreibt. Als lokaler Partner des Persil Services bedient er Kunden, die den Online-Wäscheservice über ihre Firmen nutzen. Um das Angebot zu öffnen, hatte der erfahrene Textilreiniger 2019 gemeinsam mit der Drogeriekette Budnikowsky die Reinigungsannahme in Filialen in Hamburg, Tostedt und Jesteburg getestet.

Die Nachfrage entsprach offenbar nicht den Erwartungen. Dazu kamen die hohen Fahrtkosten in die Umlandgemeinden. Das Projekt wurde nach kurzer Zeit beendet. Ganz aufgeben wollen beide Parteien den Plan nicht. „Aktuell prüfen wir auf Basis der gewonnenen Erfahrungen, ob und in welchem Rahmen eine entsprechende Dienstleistung etabliert werden könnte“, heißt es bei Budnikowsky. Das Unternehmen testet gerade auch einen Paketservice mit dem Lieferdienst DPD.

Experten sehen Wachstumspotenzial in neuen Dienstleistungen

Die neuen Angebote sind auch eine Reaktion darauf, dass die Deutschen Reinigungen heute anders nutzen als noch vor zehn Jahren. Einerseits wird mehr selbst gewaschen. Und: „Seitdem in fast allen Lokalen und bei Veranstaltungen Rauchverbot gilt, sind etwa die Reinigung von Sakkos um 70 Prozent zurückgegangen“, sagt Lars Reuter, Textil-Sachverständiger in Hamburg.

Gleichzeitig lassen besonders in großen Städten mehr Menschen ihre Hemden in der Reinigung waschen und bügeln – bei Preisen zwischen einem und zwei Euro pro Hemd allerdings mit einer deutlich geringerer Marge. Die Folge: Die Zahl der Textilreinigungen ist bundesweit stark rückläufig. Nach Schätzungen des Deutschen Textilreinigungsverbands (DTV) gibt es noch 3000 Betriebe. Es waren mal 15.000.

In ländlichen Gebieten muss man oft weit fahren, um seine Schmutzwäsche loszuwerden. „Da macht es für die Kunden zunehmend Sinn, die Wäsche über einen Onlineanbieter zum Reinigen zu versenden“, sagt Reuter.

Der Textilsachverständige sieht Wachstumspotenzial für die neuen Dienstleistungen. „Der Lieferservice für gereinigte Wäsche hat extrem zugenommen und wird weiter steigen.“ Gerade für jüngere Menschen sei es selbstverständlich, den Reinigungsservice per App zu buchen, um sich den zusätzlichen Gang zu sparen, so Reuter.

Dazu kommt: Für Menschen, die nicht mit dem Auto unterwegs sind, ist es mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln quasi unmöglich eine Wochenration frisch gewaschener Hemden heil nach Hause zu bringen.

Große Unternehmen wie Miele, Henkel oder das Familienunternehmen Haniel, das über eine Tochterfirma bei Jonny Fresh eingestiegen ist, wittern in dem Markt ein lukratives Geschäft. Insgesamt auf 4,5 Milliarden Euro schätzt der DTV den Jahresumsatz der gesamten Textil-Dienstleistungsbranche.

Waschmittelriese Henkel will Persil Service ausbauen

Dabei setzen die drei großen Spieler auf unterschiedliche Modelle: Persil Service betreibt eine zentrale Wäscherei in Hannover und hat das Lieferangebot zunächst nur über Firmen abgewickelt. Seit 2015 werden auch private Kunden über einen Paketdienst bedient.

„Dienstleistungen wie der Persil Service sind logische Erweiterungen unserer starken Marke Persil, mit denen wir auf verändertes Verbraucherverhalten und -präferenzen – verbunden mit den Trends Digitalisierung und Convenience – eingehen“, erklärt eine Henkel-Sprecherin das Engagement. Im Bereich der Service-Angebote sei eine stetige Steigerung der Nutzerzahlen zu beobachten.

Hintergrund: Rossmann und dm: Füllt der Kunde bald Spüli selbst ab?

WaschMal ist dagegen ähnlich wie Jonny Fresh ein Vermittler, der vergleichbar mit Internetplattformen wie Airbnb, Lieferando oder Flixbus mit lokalen Anbietern zusammenarbeitet. „Unser Einstieg zielte darauf ab, das strategische Potenzial plattformbasierter Reinigungs- und Lieferservices für Privathaushalte zu beobachten sowie zu nutzen und auszubauen“, sagt Miele-Sprecher Carsten Prudent.

Die Traditionsfirma hat die Beteiligung an dem Start-up mittlerweile auf 53 Prozent aufgestockt. Das Engagement bewegt sich im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Aktuell ist WaschMal in 1500 Städten vertreten und hat 100 Partnerbetriebe. „Wir wachsen kontinuierlich“, sagt Geschäftsführer Frank Bell. Zahlen nennt er nicht.

Klimaschutz: Branchenvertretungen kritisieren überregionale Angebote

Jonny Fresh bearbeitet nach eigenen Angaben in 13 deutschen Großstädten sowie in Wien durchschnittlich 12.000 Abholungen und Lieferungen pro Monat. Klar ist, dass für die jungen Unternehmen die Annahmestellen bei Handelsketten eine zusätzliche Chance sind. Denn die Kunden haben zwei Vorteile: Es fallen weder Liefergebühren noch Mindestbestellmengen an. Und Einkauf und Reinigung lassen sich bequem ohne zusätzliche Gänge erledigen.

Die Branchenvertretungen Deutscher Textilreinigungs-Verband und Europäische Forschungsvereinigung Innovative Textilpflege sehen die neuen überregionalen Angebote dagegen kritisch und plädieren auch aus Klimaschutzgründen dafür, Dienstleistungen vor Ort zu nutzen.

„Regionale Angebote mit Lieferservices oder Annahme- und Abholstationen werden von lokalen Reinigungsbetrieben bereits seit geraumer Zeit angeboten“, heißt es auf Anfrage. Allerdings lasse der große Durchbruch des neuen Services noch auf sich warten. Durch den Markteintritt der beiden neuen Spieler könnte sich die Dynamik nun ändern.

Zum Thema: Waschmaschinen können resistente Keime verbreiten und die Stiftung Warentest hat ermittelt, dass Weichspüler kaum ihre Versprechen halten.

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