Ex-Wirtschaftsminister

Tönnies bezahlte Ex-Minister Sigmar Gabriel als Berater

Der frühere Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel hat den Fleischverarbeiter Tönnies im Frühjahr 2020 beraten.

Der frühere Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel hat den Fleischverarbeiter Tönnies im Frühjahr 2020 beraten.

Foto: Stefan Boness / imago images/IPON

Berlin.  Einst nannte Gabriel die Fleischindustrie eine „Schande für Deutschland“. Nun hat er für viel Geld den Fleischkonzern Tönnies beraten.

Der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel ist vom Fleischproduzenten Tönnies als Berater bezahlt worden. „Es gab ein dreimonatiges Beratungsverhältnis mit Tönnies“, sagte Gabriel am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Vom März bis Mai 2020 habe er für das Unternehmen handelsrechtliche Fragen klären sollen, sagte Gabriel.

Zuerst hatte das ARD-Magazin „Panorama“ berichtet. Demnach erhielt Gabriel bislang offenbar ein Pauschalhonorar von 10.000 Euro im Monat sowie ein zusätzliches vierstelliges Honorar für jeden Reisetag. Die Tätigkeit sollte laut „Panorama“ auf zwei Jahre angelegt sein. Aus privaten Gründen habe er die Beratung aber beenden müssen, sagte Gabriel.

Sigmar Gabriel Berater bei Tönnies – Ex-Minister bestätigt

Anfang 2015 hatte Sigmar Gabriel – damals noch als Bundeswirtschaftsminister – das System der Ausbeutung in der deutschen Fleischindustrie als „Schande für Deutschland“ bezeichnet. Nach der Kritik verpflichteten sich die sechs großen Fleischkonzerne Deutschlands unter Federführung Gabriels, die Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten in Deutschland zu verbessern.

Auf „Panorama“-Anfrage teilte Gabriel dem Bericht zufolge mit, dass seine privatwirtschaftlichen Tätigkeiten keiner Veröffentlichungspflicht unterlägen. Er habe bei Auskünften an Medien immer auch Interessen Dritter zu wahren. Trotzdem bestätigte er, dass er ab 1. März 2020 für Tönnies tätig gewesen sei. Er habe das Unternehmen im Rahmen von drohenden Exportproblemen im Zusammenhang mit der Afrikanischen Schweinepest beraten.

Clemens Tönnies soll persönlich um Sigmar Gabriel geworben haben

Gegenüber dem Magazin sagte Gabriel: „Diese Tätigkeit musste ich aufgrund einer schwierigen Erkrankung und einer dadurch für mich notwendig gewordenen komplizierten Operation zum 31. Mai 2020 beenden.“ Für ihn sei zum dem Zeitpunkt nicht klar gewesen, ob und auch wann er seine beruflichen Tätigkeiten wieder aufnehmen könne.

Weder er noch seine Geschäftspartner sähen die frühere Beratungstätigkeit für die Firma Tönnies als problematisch an, erklärte der ehemalige Minister. Er habe die „Panorama“-Anfrage „aufgrund des besonderen öffentlichen Interesses im vorliegenden Fall“ beantwortet.

Nach „Panorama“-Recherchen hatte sich Firmenchef Clemens Tönnies persönlich um die Personalie Gabriel gekümmert. Wie aus Unterlagen hervorgeht, die dem Magazin vorliegen, sollte der ehemalige Minister „seine weiten Kontakte für die Tönnies Gruppe zur Verfügung stellen und aktiv Projekte begleiten“. Dabei sei es insbesondere um den chinesischen Markt gegangen. Den gesamten Beitrag über den Fall sendet die ARD am Donnerstagabend um 21.45 Uhr.

Tönnies steht massiv unter Druck, nachdem es am Hauptstandort des Fleischkonzerns in Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen einen massiven Corona-Ausbruch gegeben hatte. Der Betrieb wurde vorübergehend geschlossen und ein erneuter Lockdown für die Kreise Gütersloh und Warendorf angeordnet.

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Gabriel bezeichnete System der Fleischindustrie als „Schande für Deutschland“

Gabriel ist seit November 2019 nicht mehr Mitglied des Bundestags. Er war von 2013 bis 2017 Bundesminister für Wirtschaft und Energie und bis März 2018 Bundesaußenminister. Anfang des Jahres wurde bekannt, dass Gabriel künftig im Aufsichtsrat der Deutschen Bank sitzen soll. Auch dieses Unternehmen hatte er als Teil der Bundesregierung scharf kritisiert. Die Deutsche Bank, so Gabriel einst, sei die Bank, „die das Spekulantentum zum Geschäftsmodell gemacht hat“. Eine „Versprechungsindustrie zulasten der Allgemeinheit“, nannte er sie.

(AFP/dpa/ba)

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