Glyphosat-Prozess

Trotz Strafsummen-Nachlass erneute Niederlage für Bayer

Das Bayer-Kreuz Flughafen Köln/Bonn.

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Foto: Oliver Berg / dpa

Washington.  Bei einer der vielen Glyphosat-Klagen wegen möglicher Krebsrisiken gab es einen kleinen Erfolg für Bayer – und neue Rügen des Richters.

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In einem einzelnen Schadensersatzprozess 55 Millionen Dollar weniger zahlen zu müssen, als ursprünglich zu befürchten war – das kann man auf den ersten Blick als großen Erfolg bewerten. Vor allem, wenn mindestens 13.500 ähnlich gelagerte Fälle vor diversen Gerichten auf Halde liegen.

Dass der Leverkusener Bayer-Konzern im jüngsten Kapitel über den unter Krebsauslöser-Verdacht stehenden Unkrautvernichter Glyphosat in Amerika lediglich zurückhaltend von einem „Schritt in die richtige Richtung“ spricht, hat Gründe, die sich beim Lesen der Urteilsbegründung von Vince Chhabria erschließen.

Der Richter, der es in San Francisco mit Hunderten Glyphosat-Klagen gegen das von Bayer für 63 Milliarden Dollar gekaufte Saatgut-Unternehmen Monsanto zu tun hat, hat im Fall des nach jahrelanger Benutzung des „weed killers“ an Lymphdrüsen-Krebs erkrankten Edwin Hardeman genau das bestätigt, was Bayer seit Monaten in Abrede stellt.

Richter: „Monsanto verdient es, bestraft zu werden“

„Während Monsanto wiederholt betont, dass es sein Produkt für sicher hält“, schreibt Chhabria, „haben die Beweise im Prozess das Bild einer Firma gezeichnet, die darauf konzentriert war, Leute zu attackieren und zu untergraben, die Bedenken äußerten.” Chhabrias Schlussfolgerung: „Monsanto verdient es, bestraft zu werden“. In erster Linie, weil es nicht hinreichend vor der möglichen Krebsgefahr für Menschen gewarnt hat, die mit Glyphosat (Marken-Name: Roundup) hantieren.

Nur eben nicht in der Höhe, die eine sechsköpfige Geschworenen-Jury im Frühjahr festgelegt hatte. Danach hätte Bayer Hardeman rund 80 Millionen Dollar (71 Millionen Euro) zahlen müssen. Jetzt sind es rund 25 Millionen Dollar (22 Millionen Euro). Chhabria hat die angesetzten „Punitive Damages” als viel zu hoch verworfen. Das sind im US-Recht typische Strafschadenersatz-Zahlungen, die zuzüglich verhängt werden, wenn eine Firma zum Beispiel vorsätzlich Gesundheitsgefahren verschwiegen hat.

Ähnlich war es im allerersten Verfahren gegen Bayer/Monsanto. Der kalifornische Hausmeister Dewayne Johnson, der seine Krebserkrankung ebenfalls auf Glyphosat zurückführt, sollte zunächst rund 290 Millionen Dollar zugesprochen bekommen. Später wurde die Summe auf 79 Millionen Dollar gesenkt. Bayer hat Einspruch eingelegt.

Bayer wird um milliardenschweren Vergleich kaum herumkommen

Dass Richter Chhabria die unterstellte Verbindung Krebs/Glyphosat nicht verwarf, wie von den Bayer-Anwälten empfohlen, hat Bedeutung. Der Hardeman-Prozess gilt in dem Massenverfahren um Glyphosat als „Bellwether Case”. Sprich als Musterfall, der für weitere Klagen als Orientierungsmarke dient, um Schadensvolumina und die Höhe etwaiger Vergleichszahlungen zu ermessen.

Dass Chhabria der Linie von Bayer nicht folgte, wonach „umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse die Sicherheit von Roundup bestätigen” und „Regulierungsbehörden in den USA und weltweit Glyphosat als nicht krebserregend einstufen”, bezeichnet Hardemans Anwältin Jennifer Moore, als „erheblichen Sieg”.

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Prozessbeobachter sehen in dem Urteil ein weiteres Indiz dafür, dass Bayer am Ende um einen milliardenschweren Vergleich kaum herumkommen wird. Um sich für diese Eventualität zu wappnen, bestellte der Konzern um Vorstandschef Werner Baumann unlängst den erfahrenen Prozess-Schlichter Ken Feinberg. Er soll einen Dialog zwischen den Anwälten von Bayer und den Klägeranwälten gestalten und mögliche Kompromisse ausloten. Heißt: Wer kriegt am Ende wie viel Entschädigung, wenn man sich denn vergleichen würde.

Bayer setzt auf die kommenden Neu-Verfahren

Dieser Prozess läuft noch im Hintergrund. Offiziell geht Bayer im Fall Hardeman in die Berufung. In der Hoffnung, dass Berufsrichter in der nächst höheren Instanz die vom Kläger behauptete Kausalkette Krebs/Glyphosat verwerfen. Wann dieser Einspruch entschieden wird, ist ebenso offen wie im Fall Johnson und im Fall des Ehepaars Pilliod.

Letzterer endete im Mai für Bayer mit der gigantischen Strafsumme von zwei Milliarden Dollar. Auch hier wird nach Informationen aus kalifornischen Justizkreisen im nächsten Verfahrensschritt eine „drastische Senkung” erwartet, aber wohl keine komplette Aufhebung des Urteils.

Unterdessen setzt Bayer auf die kommenden Neu-Verfahren. Sie sind für August und September im Großraum St. Louis/Missouri geplant. Dort hat Monsanto/Bayer seinen Hauptsitz und beschäftigt viele Menschen. Ob die Geschworenen dort freundlicher mit dem Unternehmen umgehen, muss sich noch zeigen.

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