Wohnungsnot

Vermieter LEG: Wir brauchen Bauland zu bezahlbaren Preisen

Vorgänger und Nachfolger: Thomas Hegel (l.) stand 13 Jahre an der Spitze des Wohnungskonzerns LEG. Zum 1. Juni hat Lars von Lackum den Vorstandsvorsitz übernommen.

Vorgänger und Nachfolger: Thomas Hegel (l.) stand 13 Jahre an der Spitze des Wohnungskonzerns LEG. Zum 1. Juni hat Lars von Lackum den Vorstandsvorsitz übernommen.

Foto: André Hirtz / Funke Foto Services

Düsseldorf.  Die LEG fordert die Kommunen auf, mehr bezahlbares Bauland zur Verfügung zu stellen. Wohnungsnot sieht der Vermieter nicht überall im Revier.

Wohnungsknappheit, Probleme, überhaupt noch bezahlbares Bauland zu finden, steigende Mieten und Baukosten – Lars von Lackum, neuer Chef des größten nordrhein-westfälischen Vermieters LEG, hat ein großes Aufgabenpaket vor sich. Mit ihm und seinem Vorgänger Thomas Hegel sprach Frank Meßing.

In NRW fehlen Schätzungen zufolge 300.000 Wohnungen, 100.000 davon Sozialwohnungen. Wie konnte es zu diesem Engpass kommen?

Lars von Lackum: Nordrhein-Westfalen hat angespannte Wohnungsmärkte wie in Düsseldorf, Münster oder Aachen. Es gibt aber auch Standorte in Gelsenkirchen, Duisburg und Essen, wo wir – genau wie viele andere Vermieter – acht bis neun Prozent Leerstände haben. Aufgrund dieser großen Schwankungsbreite kann man in ganz NRW aus unserer Sicht nicht von einer Wohnungsnot sprechen.

Was ist falsch gelaufen?

Thomas Hegel: Alle Beteiligten haben die demografische Entwicklung unterschätzt. Als ich mich Mitte der 1990er Jahre besonders auch mit Stadtentwicklungsthemen beschäftigte, gab es Prognosen, wonach die Bevölkerung zum Beispiel in Dortmund bis 2020 um zwölf Prozent schrumpfen wird. Aber es sind viel mehr Menschen aus Deutschland und aus Südeuropa ins Ruhrgebiet gezogen als erwartet.

Von Lackum: Schon während meiner Grundschulzeit in Mülheim habe ich vom sterbenden Ruhrgebiet gehört. Zum Glück kam es anders.

Herr Hegel, als damaliger LEG-Chef haben Sie schon früh darauf hingewiesen, dass es sich im Sauer- und Siegerland, aber auch am Niederrhein und im Bergischen Land gut und günstig wohnen lasse. Wie aber wollen Sie das Menschen, die eine Wohnung suchen, schmackhaft machen?

Hegel: Wir haben eine äußerst angespannte Lage in den Ballungszentren und müssen deshalb die Potenziale in den Randgebieten nutzen. In den Großstädten kann die Branche doch gar nicht so viel bauen, um die Nachfrage zu bedienen. Wir müssen mehr regional und interkommunal denken. Wenn man zum Beispiel Bahnschienen verlängert und alte Trassen wieder nutzt, kann man kleinere Städte besser an die Metropolen anbinden. So können die Menschen schnell zur Arbeit und ins Theater kommen.

Von Lackum: Arbeitnehmer wählen ihre Wohnung nach dem Arbeitsort. Deshalb haben wir ja etwa in Düsseldorf und Duisburg-Süd eine so hohe Nachfrage. Die Lage auf der Autobahn A40 hat sich seit meiner Kindheit nicht verbessert – im Gegenteil. Die Menschen und natürlich auch unsere Kunden sind aber auf eine funktionierende Infrastruktur und einen Nahverkehr angewiesen, der uns nicht zum zigfachen Umsteigen zwingt. Leider sehen wir bei diesem Thema nicht die politische Unterstützung, die beim Thema Wohnen und bezahlbarer Klimaschutz in NRW aber da ist.

Aber auch Ihre Branche muss etwas tun. Die LEG plant aktuell den Bau von 1000 Wohnungen. Warum hat sich der größte Vermieter im Lande so lange mit Neubau zurückgehalten?

Hegel: Bei der Privatisierung der LEG im Jahr 2008 hatten wir einfach nicht das Geld, um neu zu bauen. Mit dem Börsengang hat sich unsere wirtschaftliche Lage deutlich verbessert. Wir können uns jetzt Geld am Kapitalmarkt besorgen. Seit 2013 haben wir in NRW 45.000 Wohnungen im preiswerten Segment aus eigener Kraft dazugekauft.

Von Lackum: Die LEG war nie ein Projektentwickler und wird es auch künftig nicht sein. Unser Fokus liegt auf dem Erwerb bestehender Wohnungen. Dennoch wollen wir unseren gesellschaftlichen Beitrag in dieser angespannten Situation leisten und ab dem Jahr 2023 jährlich 250 neue Wohnungen in NRW bauen lassen. Wir beschaffen die Flächen und die Genehmigungen und unsere Partner bauen für uns.

Kosten für Grundstücke und Baudienstleistungen steigen auf breiter Front. Werden die Mieten in Neubauten am Ende noch bezahlbar sein?

Von Lackum: Wir bemühen uns intensiv um Bauland. Es fällt uns aber schwer, weil die Preise oftmals außerhalb eines Rahmens liegen, den wir uns leisten können. Wir wollen ja keine Luxusprodukte bauen. Unsere Durchschnittsmiete liegt im frei finanzierten Bereich aktuell bei 6,03 Euro pro Quadratmeter, im öffentlich geförderten Segment liegen wir aktuell bei 4,77 Euro In Neubau-Projekten ist für uns bei zwölf Euro Schluss. In der Essener Weststadt etwa wollen wir 400 Wohnungen bauen. Dafür muss eine dort ansässige Firma weichen. Die Suche nach einem Ersatzstandort ist nicht ganz leicht.

Hegel: Die Mieten haben sich so entwickelt, dass es manchem schwerfällt, sie zu bezahlen. Das liegt zum einen an den steigenden Baukosten, aber auch am immer teurer werdenden Bauland. Der Schlüssel liegt hier bei den Kommunen. Sie sollten dringend mehr Flächen zu bezahlbaren Preisen ausweisen.

Hinzu kommt, dass viele Mieter die Sorge haben, sie könnten sich ihre Wohnungen nach der energetischen Sanierung nicht mehr leisten. Wie bringen Sie soziale Verantwortung und Klimaschutz unter einen Hut?

Von Lackum: 40 Prozent des CO2-Ausstoßes verursachen Gebäude. Die Immobilienwirtschaft steht da in der Verantwortung, ihren Beitrag zu leisten. Unsere Mieter sind davon natürlich nicht alle begeistert. Wir wollen und praktizieren deshalb energetische Sanierungen mit sozialem Augenmaß und unterstützen Landesinitiativen. Schon bevor es zu Härtefällen kommt, bitten wir zudem betroffene Mieter, gemeinsam mit uns nach Lösungen zu suchen. Das hat bislang ganz gut funktioniert. Aber auch der Staat sollte einkommensschwache Mieter schützen. Finanzielle Hilfen sind deshalb unerlässlich. Daher kann auch die geplante CO2-Steuer nur mit sozialem Augenmaß funktionieren.

Als börsennotiertes Unternehmen muss die LEG die Interessen der Aktionäre und der Mieter im Blick haben? Gelingt der Spagat?

Von Lackum: Mit meinem Amtsantritt am 1. Juni habe ich begonnen, in unsere Siedlungen zu fahren und mit den Mietern zu reden und ihnen zuzuhören. Zudem wollen wir einen NRW-weiten Kundenbeirat einsetzen, der uns regelmäßig über die Stimmung berichtet. Wir planen zudem, standortabhängig bedarfsgerechte Sprechstunden mit unseren Mitarbeitern vor Ort einzurichten. Wir haben festgestellt, dass die Kunden konkrete Ansprechpartner suchen. Die Angebote können wir auch mit unseren Renditeerwartungen in Einklang bringen.

Hegel: Früher hatten wir den Eindruck, dass unsere Kunden nicht in langen Schlangen vor unseren Servicebüros stehen wollen. Deshalb haben wir Hotlines eingerichtet. Unsere Branche hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach neu erfunden.

Hat das Image der LEG nach der Privatisierung gelitten?

Hegel: 2006 hatte die LEG einen Sanierungsstau von 400 Millionen Euro. Nach dem Börsengang werden wir bis zum Jahr 2022 zwei Milliarden Euro investiert haben. Unsere Investoren schätzen Nachhaltigkeit. Sie sind mit einer Dividenden-Rendite von rund drei Prozent zufrieden.

Von Lackum: Wir investieren deutlich mehr als wir an unsere Aktionäre ausschütten. Im vergangenen Jahr war das Verhältnis rund 250 zu 220 Millionen Euro. Wir wollen unseren Mietern neben der Wohnung aber auch weitere Produkte anbieten, die für ihr Lebensumfeld wichtig sind. Dazu gehört das Ablesen von Strom- und Gaszählern, die Kooperation mit einem Ökostrom-Anbieter und unsere Vital Services, bei der Mieter zum Beispiel einen Einkaufs- oder Betreuungsservice buchen können. Von diesen Angeboten erhoffen wir uns natürlich auch, dass die Kunden möglichst lange in ihren Wohnungen bleiben können.

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