Dauer-Aufschwung

Warum der Exportweltmeister digital in der Kreisliga spielt

In Sachen Digitalisierung ist Deutschland alles andere als auf dem aktuellen Stand der Dinge.

In Sachen Digitalisierung ist Deutschland alles andere als auf dem aktuellen Stand der Dinge.

Foto: sjharmon

Deutschland steckt im Rekordboom. Das verdeckt den Blick darauf, dass es den Nachwuchs vernachlässigt und die Digitalisierung verschläft. Analyse

Der Aufschwung mochte in Deutschland auch 2017 kein Ende nehmen, übermorgen stößt die deutsche Wirtschaft auf ihr zehntes Boomjahr in Folge an. Höchste Zeit, etwas Wasser in den Sekt zu kippen. Ob der Endlos-Boom die späte Ernte der umstrittenen Agenda 2010 ist, das Verdienst kluger Tarifpartner oder doch Ausdruck deutscher Ingenieurskunst, ist reichlich müßig. Zielführender wäre es, in den überfälligen Streit darüber einzutreten, was jetzt zu tun ist, damit das früher oder später unvermeidliche Ende dieses überlangen Konjunkturzyklus möglichst sanft ausfällt. Und Deutschland auch im nächsten Aufschwung wieder Europas Lokomotive sein kann.

Denn bei aller Euphorie über den Daueraufschwung und die prima Prognosen für das kommende Jahr: Es gibt viele Anzeichen dafür, dass Deutschland insbesondere mit seiner Infrastruktur nicht annähernd so gut für die Zukunft gerüstet ist wie das vonnöten wäre. Seit dem klugen Krisenmanagement des Duos Merkel/Steinbrück in der großen Krise 2008/09 haben die Bundesregierungen wenig bis nichts für den Wirtschaftsstandort Deutschland getan. Er hat es ja von allein geschafft, der Aufschwung sich verselbstständigt.

Immer neuen Beschäftigungsrekorden folgten immer neue Konsumrekorde – längst trug nicht mehr der Export allein den Aufschwung, sondern die jahrzehntelang schwächelnde Binnennachfrage. Am stetigen Aufbau neuer Arbeitsplätze änderte gegen alle Unkenrufe aus Wirtschaft und Forschung auch der 2015 eingeführte Mindestlohn nichts. Und seit Maschinenbau, Chemie und andere Industriezweige Deutschland zurück auf den neidvoll umstrittenen Thron des Exportweltmeisters gehoben haben, überschlagen sich die Wachstumsprognosen.

Nicht wenige in der Wirtschaft sagen oft und gern, es sei ohnehin das beste, wenn die Politik sich raushält. Zumindest in der FDP sagen das sogar Politiker. Wie daneben sie damit liegen, sieht jeder, der sich mal etwas andere Zahlen anschaut. Etwa diese: In der Tabelle der Industrieländer mit dem schnellsten Internet lag Deutschland auf Platz 25. Dabei redet die Elite in Berlin und Düsseldorf ständig von der Digitalisierung und der Industrie 4.0, die ganze Arbeitsprozesse von Maschinen und Händen in die Computer verlagern wird. Das wird abertausende Arbeitsplätze überflüssig machen, aber auch neue hervorbringen.

Oder wie wär’s mit diesen Zahlen: Wer einen Heizungsbauer einstellen will, sucht durchschnittlich 156 Tage, nach einem Software-Programmierer fahnden Arbeitgeber 163 Tage, die Stelle bleibt fast ein halbes Jahr unbesetzt. Gleichzeitig sinken die Zahlen der Schulabgänger – und sechs Prozent oder rund 50 000 haben dieses Jahr ihre Schullaufbahn ohne Abschluss beendet. Das hat 2017 in NRW zu der Absurdität geführt, dass mehr Lehrstellen nicht besetzt wurden, obwohl gleichzeitig mehr Jugendliche sich vergeblich bewarben.

Politik und Wirtschaft warnen seit Jahren vor einem demografisch bedingten Fachkräftemangel. Das gleiche Land leistet es sich aber, Zehntausende Schüler durchs Rost fallen zu lassen und Bewerber mit schlechten Zeugnissen auszusieben. „Wenn wir die Potenziale auch bei Menschen, die schon länger arbeitslos sind, nicht abrufen und auch der Ausbildungsmarkt nicht richtig Fahrt aufnimmt, werden wir kaum einen das Wirtschaftswachstum gefährdenden Fachkräfteengpass vermeiden können“, sagt Christiane Schönefeld, die NRW-Chefin der Bundesagentur für Arbeit. Das klingt recht nüchtern, ist aber eine Prognose, die jeden Politiker und Manager in Alarmzustand versetzen sollte.

Zumal es sich die auf ihre Fortschrittlichkeit so stolze Bundesrepublik auch leistet, den knapp werdenden Nachwuchs an Grund-, Haupt- und Realschulen wie an Gymnasien und Berufsschulen nach veralteten Lehrplänen zu unterrichten.

Das Jahr 2018 wird wieder ein Wachstumsjahr, sagen alle Prognosen. Aber: 2018 wird auch das Jahr, in dem die ersten Babyboomer in Rente gehen. Das wird in NRW binnen fünf Jahren laut Bundesagentur eine halbe Millionen Berufstätige aus dem Berufsleben treiben. Wie sie ersetzt werden sollen, ist offen und damit alles andere als eine Frage der fernen Zukunft. An der Demografie lässt sich allenfalls sehr langfristig etwas ändern, umso wichtiger wäre es, die Kinder, die wir haben, bestmöglich auszubilden und auf die digitale Arbeitswelt vorzubereiten. Das ist so banal, dass es fast jeder Politiker sagt. Aber kaum einer handelt auch danach. Weil das verdammt teuer ist.

Es braucht Lehrkräfte, die stets auf der Höhe der Zeit sind. Das können sie bisher selbst bei bestem Willen nicht, weil es an fast allen Voraussetzungen fehlt – der technischen Ausstattung, vor allem aber der Zeit, sich selbst ständig fortzubilden. Stattdessen herrscht im reichen Deutschland Lehrermangel, eine je nach Bundesland höchst unterschiedliche Ausstattung bei 16 verschiedenen Lehrplänen.

Gleichzeitig steckt das Ausbildungswesen in vielen Berufen im vergangenen Jahrhundert fest. Während der Handwerker längst mit dem Tablet unterwegs ist, um die Heizung einzustellen, dauert es oft viele Jahre, um eine Ausbildungsverordnung und den schulischen Rahmenlehrplan der Gegenwart anzupassen. Und während Kammern, Berufsschulen, Gewerkschaften und das Bundesinstitut für Berufsbildung um eine Neuerung ringen, macht die Digitalisierung ja keine Pause.

Andererseits bietet unser duales Ausbildungssystem die besten Voraussetzungen, um den Industrieschweißer von morgen im Betrieb und in der Schule gezielt auf die Digitalisierung seines Berufes vorzubereiten. Es muss aber viel schneller mit der Zeit gehen.

Dafür braucht es freilich zuerst die Infrastruktur, also ein flächendeckendes Glasfasernetz. Europas Lokomotive bummelt beim Breitband-Ausbau fast allen Nachbarn hinterher. Das zu ändern ist die Voraussetzung dafür, dass Deutschland nicht dereinst durchgereicht wird. Dies ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik und Wirtschaft, sie zu erledigen, nicht mehr als die Pflicht. Die Kür wäre es, den Vorsprung des Exportweltmeisters ins digitale Zeitalter zu retten. Davon ist Deutschland Ende 2017 weit entfernt.

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