Strommarkt

Windenergie: Mehr Öko-Strom, weniger staatliche Einmischung

EnBW Baltic 1 besteht aus 21 Windenergieanlagen und einer Umspannplattform. Der Offshore-Windpark liegt etwa 16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß/Zingst.

Foto: EnBW/Matthias Ibeler

EnBW Baltic 1 besteht aus 21 Windenergieanlagen und einer Umspannplattform. Der Offshore-Windpark liegt etwa 16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß/Zingst. Foto: EnBW/Matthias Ibeler

Berlin  Die Kosten für erneuerbare Energie sinken, die Subventionen auch. Experten halten deshalb eine schnelle Energiewende für realistisch.

Die Nachricht kam überraschend: Vor einigen Wochen gab die Bundesnetzagentur bekannt, dass drei neue Windparks auf hoher See ohne Subventionen gebaut werden können. Nach jahrelangen Debatten um die explodierenden Kosten der Energiewende ist es bemerkenswert, dass der Bau nun ohne Fördergelder auskommt.

„Wir rechnen mit erheblichen Kostensenkungen“, begründet Martin Neubert, Geschäftsführer des dänischen Konzerns Dong Energy in Deutschland, der zwei der Billigwindparks bauen will. Die Leistung der Windräder solle sich etwa verdoppeln auf bis zu 15 Megawatt, erklärt Neubert. Das bedeute niedrigere Bau- und Wartungskosten. Ein einziges der neuen Megawindräder kann dann ungefähr den Jahresbedarf von 20.000 mittleren Haushalten decken.

Boom bei Windenergie in China lässt Preise sinken

Ökostrom für lau, also ohne staatliche Hilfe? Nicht ganz. Die Offshore-Windparks müssen ans Netz angeschlossen werden, auf Kosten der Stromverbraucher. Bei Windrädern an Land und Solarkraftwerken ist die Lage zudem eine andere: Sie brauchen nach wie vor Subventionen, um gebaut zu werden.

Dennoch sind auch dort die Fortschritte groß. Die Höhe des Strompreises, den die Betreiber von Windparks erhalten, legt neuerdings nur noch in Ausnahmefällen der Staat fest. Stattdessen müssen die Investoren in einer staatlichen Auktion bieten. Der Billigste gewinnt. Das hat zuletzt zu erstaunlichen Preissenkungen geführt. Für Windkraft gab es kürzlich im Schnitt Zuschläge für 5,71 Cent pro Kilowattstunde, bei Solar waren es vor wenigen Tagen 6,58 Cent. Nicht einmal zwei Jahre zuvor erhielten neue Sonnenkraftwerke noch 9,17 Cent, Windenergie lag zuvor bei über acht Cent.

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Experten halten schnellere Energiewende für durchaus realistisch

Möglich macht den grünen Billigstrom der weltweite Boom der erneuerbaren Energien. China ist mittlerweile Weltmarktführer bei Wind- und Sonnenenergie. Auch die USA sind an Deutschland vorbeigezogen. Je mehr in Großserie gebaut wird, desto geringer sind die Stückkosten für die Anlagen. Das Resultat ist auch hierzulande ein Grünstrom-Preisniveau, das sich nicht mehr wesentlich von herkömmlichen Kraftwerken unterscheidet.

Viele Experten halten mittlerweile eine schnellere Energiewende für durchaus realistisch. „Insgesamt ist eine Stromversorgung in Deutschland, in der 80 Prozent der Elektrizität mittels erneuerbarer Energien produziert werden, noch deutlich vor 2050 – dem Ziel der Bundesregierung – vorstellbar, wenn die Kosten für Erneuerbare massiv fallen“, sagt Hanns Koenig vom Beratungshaus Aurora Energy Research. Manche Experten raten zur Eile: „Im Rest der Welt tut sich viel. Einige Länder planen schon, fast komplett auf Erneuerbare umzustellen“, sagt der einflussreiche Umwelt-Ökonom Olav Hohmeyer von der Universität Flensburg. In China und Indien werde enorm viel investiert. „Wir müssen aufpassen, dass Deutschland nicht abgehängt wird“, warnt er.

Ökostrom im Winter ohne Sonne ist schwierig

Was aber passiert, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint? Wie wird sichergestellt, dass im Winter während der berüchtigten „Dunkelflaute“ die Lichter nicht ausgehen? „Es wird vermutlich auch in 20 bis 25 Jahren noch viele fossile Kraftwerke geben“, sagt Energieexperte Koenig. Das seien dann aber hauptsächlich hochflexible und eher kleine Kraftwerke, die günstig zu bauen sind.

„Ein Beispiel dafür sind Kolbenmotoren, die mit Gas angetrieben werden.“ Sogenannte Grundlastkraftwerke, also Kernenergie, Braunkohle und zum Teil auch Steinkohle, brauche man dann kaum noch. So günstig die grüne Stromerzeugung auch scheint, so kompliziert wird es anderer Stelle. Die Stromnetze müssen zunächst deutlich ausgebaut werden. Vor allem die Nord–Süd-Stromleitungen sind ein Problem, sie können die enormen Mengen Elektrizität, die bei Starkwind im Norden erzeugt werden, nicht zu den Verbrauchern im Süden transportieren. Der Bau der wichtigsten neuen Trassen verzögert sich aber mindestens bis 2025, vermutlich noch länger.

Batteriespeicher gleichen Stromschwankungen aus

Außerdem muss das System flexibler werden. Wenn die Nachfrage auf das Ökostrom-Angebot reagieren kann, können Wind- und Sonnenkraftwerke seltener ausgeschaltet werden und es braucht nicht so viele fossile Reservekraftwerke.

Helfen können auch Stromspeicher. Die sind zwar im Augenblick noch teuer, aber auch dort purzeln die Preise. „Fotovoltaikanlagen würden besonders davon profitieren, wenn Batteriespeicher deutlich im Preis fallen und häufiger eingesetzt werden können. Denn sie erzeugen jeden Tag Strom, was Batterien häufige Lade- und Entladevorgänge ermöglicht“, sagt Koenig.

Ökonom Hohmeyer sorgt sich zudem um die Gestaltung des Strommarkts. „Bei der notwendigen Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien wird der derzeitige Marktmechanismus versagen“, warnt er. Dieser beruhe auf den variablen Kosten konventioneller Energieträger. Bei Wind und Sonnenenergie gehe der Preis an der Börse jedoch gegen null. „Deshalb ergibt es keinen Sinn, auf diesen Markt zu setzen, um die Energiewende zu erreichen“, sagt er.

Im Süden Australiens ist kürzlich der Strom ausgefallen

Die Frage, wie der neue Markt organisiert werden kann, ist nicht nur für die erneuerbaren Energien immens wichtig, sondern auch für die fossilen Energieträger. Anders als zum Beispiel in Großbritannien, Frankreich und Belgien gibt es für die Betreiber der Kraftwerke, die im Notfall einspringen müssen, kein Geld für diese Funktion. „Kapazitätsmarkt“ ist der Fachausdruck dafür, und Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte sich dagegen entschieden. Es werde „kein Hartz IV für Kraftwerke“ geben, sagte er wörtlich.

Viele Experten sind jedoch skeptisch, ob sich das durchhalten lässt. Das zeigen jüngste Entwicklungen im Süden Australiens, wo der Grünstrom-Anteil an der Stromerzeugung bei knapp 50 Prozent liegt und damit um die Hälfte höher als in Deutschland.

In dem Gebiet fiel kürzlich häufig der Strom aus, weil nicht genügend Reservekraftwerke zur Verfügung standen. Auch dort hat man auf eine Prämie für die Absicherung des Marktes verzichtet.

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